Bergsteigen im Iran steckt noch in den Kinderschuhen. Trotzdem pilgern auch Deutsche zum Damavand
Von Uli Steudel
Zum höchsten Punkt Persiens
Am Tag der Väter streben die Söhne Irans auf den Damavand. Zum Nationalfeiertag an Imam Alis Geburtstag zieht der höchste Gipfel des Landes besonders viele Perser in seinen Bann.
Die stärksten und kühnsten von ihnen taumeln am Abend ausgelaugt, aber glücklich nach Gusfand Sara, die Köpfe tief unter Tüchern verhüllt zum Schutz gegen Kälte, Sonne und Staub. 3 Uhr nachts sind sie im Hochlager aufgebrochen, haben der dünnen Luft und den Schwefeldämpfen auf dem 5671 Meter hohen Vulkankegel getrotzt und freuen sich jetzt im Basislager, dass sogar deutsche Gäste das Elbrusgebirge nördlich von Teheran für das Bergsteigen entdeckt haben.
Gebete unter dem Gipfel
Der Berg selbst verbirgt seinen Gipfel hinter einem Schleier aus Wolken, entzieht sein Antlitz den neugierigen Blicken der Ankömmlinge wie eine strenggläubige Muslimin. Dafür leuchtet die goldene Kuppel der kleinen Moschee von Gusfand Sara in der Abendsonne. Rückzugsort für das kraftspendende Gebet vor dem Aufstieg. Gebirgstourismus wie ihn der Europäer aus den Alpen, aus Asien oder Südamerika kennt, steckt hier noch in den Anfängen. Trotzdem sorgt eine Schar von Helfern dafür, dass es den Gästen von der Bergschule Oberallgäu auf ihrer Pioniertour in Persien an nichts mangelt.
Am nächsten Morgen haben sich die Wolken in Luft aufgelöst. Irgendwie wirkt der Damavand viel kleiner, als es die Höhenangaben vermuten lassen. Ein gleichmäßig ansteigender Kegel, dessen Besteigung keinerlei technische Schwierigkeiten bereiten wird. Und im Hochlager – immerhin schon 4200 Meter über dem Meeresspiegel – wirkt der Gipfel näher als die goldene Kuppel, deren Reflexionen an den Startpunkt des ersten Tagesmarsches erinnern.
Dabei trennen die Gipfelaspiranten noch stattliche 1500 Höhenmeter von ihrem Ziel, die bei sinkendem Sauerstoffgehalt an einem Tag bewältigt werden müssen. Schon jetzt hinterlässt der Aufbau der Zelte ein leichtes Hämmern im Kopf. Jede schnelle Bewegung ermahnt den Körper trotz Akklimatisation zur Gemächlichkeit.
Spätestens jetzt fällt sämtliche Hektik des heimischen Alltags oder des geschäftigen Treibens, mit dem Teheran die Bergfahrer in den kargen Norden entlassen hat, von jedem ab. Die Gedanken wandern schon einmal hinauf auf den Gipfel, während vom Westen her Gewitterwolken aufziehen und sich sogleich mit kräftigen Regen- und Schneeschauern entladen. Gut für das Land, das in diesem Jahr unter extremer Trockenheit stöhnt.
Vulkan spuckt weiße Fontänen
In der Nacht beruhigt sich das Wetter und noch vor Sonnenaufgang beginnt die finale Etappe. Neda, die junge Frau des Bergführers Mashid, hat sich an die Spitze des Lindwurms gesetzt, der sich langsam, aber stetig in die Höhe windet. Vorbei am markanten Eiswasserfall und kleinen Büsereisfeldern, deren scharfkantige Schneekegel mit bizarren Formen Abwechslung in die karge Landschaft zaubern, strebt die Gruppe über Geröllfelder zum Gipfel.
Als sich schließlich alle am Ziel glücklich in den Armen liegen, verwöhnt die Sonne den höchsten Punkt Persiens mit Temperaturen im Plusbereich. Wer am Gipfel steht, kann in den Kraterschlund schauen. Obwohl der Vulkan seit langem als erloschen gilt, spuckt der Berg weiße Fontänen in den wolkenlosen Himmel. In den Schwefeldämpfen liegt ein Hauch von Erdgeschichte.
Nach rund elf Stunden ist das Hochlager wieder erreicht. Jetzt freut sich jeder auf Teheran, wo das pulsierende Leben von schätzungsweise 13 Millionen Menschen das passende Gegenstück zur Abgeschiedenheit des Elbrusgebirges bietet. Die Metropole Irans scheint selbst bergwärts zu streben. Wer die Hauptstadt von Süden nach Norden durchquert, muss fast 700 Höhenmeter meistern. Dafür bietet sich von der Talstation der Seilbahn zum Touchal Peak ein grandioser Ausblick über das Häusermeer einer Stadt, deren enormes Wachstum hier an seine geologische Grenze stößt.
Grenzen bekommt auch der Gast der Islamischen Republik gesetzt. Frauen müssen Kopftuch tragen, Alkohol ist tabu. Ausnahmen für zahlungskräftige Touristen gibt es keine. Die Freude am Bergsteigen dagegen bleibt auch in Persien grenzenlos.
Eine Bildergalerie von der Reise finden Sie unter www.deutsche-handwerks-zeitung.de
Informationen: Bergschule Oberallgäu,
Tel. 08321/4953, Fax 08321/81956, E-Mail:
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