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Zahlungsausfälle Zu zäh, zu bürokratisch – Nothilfe erreicht das Handwerk nicht

Kommt die Hilfe für kleine Betriebe zu spät? Die Kritik wächst, dass versprochene Förderungen die Unternehmen nicht erreichen. Ein Bäckermeister brachte das jetzt zum Ausdruck - mit einem herzzerreißenden Appell.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Bäcker Bosselmann aus Hannover kämpft mit den Tränen. "Der Mittelstand wird fallen gelassen. Es ist eine Katastrophe“, sagt der Inhaber der Bäckereikette Bosselmann. Mit seinem eindringlichen Appell an Kunden und Politik hat der Handwerker in einem Video auf Facebook binnen Stunden Hunderttausende Menschen auf Facebook erreicht. "Die Förderungen durch die Hausbanken kommen nicht an“, sagt Bosselmann. "Wir werden alleingelassen.“

Knapp eine halbe Million Nutzerinnen und Nutzer sahen binnen weniger Stunden, wie Bosselmann mit teils tränenerstickter Stimme auch an seine Kunden appelliert: "Gehen sie zu ihrem Bäcker um die Ecke! [...] Und es ist scheißegal wie der heißt, sie retten damit Arbeitsplätze.“ Ohne einen gewissen Mindestumsatz könne sein Unternehmen nur noch sechs bis acht Wochen überleben, 205 Stellen stünden auf dem Spiel. "Ich bedanke mich bei meinen Mitarbeitern, die kein Homeoffice machen können und wollen.“ Auch wenn Medien aus Hannover inzwischen berichten, dass Bäcker Bosselmann intern durchaus hart durchgreife – seine Botschaft sitzt.

In Hartz-IV gezwungen

Dramatisch waren die Wochen auch für Schneidermeisterin Margit Hummel aus Mering. Sie verlor in den ersten beiden Märzwochen nach eigenen Angaben 90 Prozent ihres Umsatzes. "Für mich ist die Welt schon Anfang März zusammengebrochen." In ihrer Not stellte sie einen Antrag auf Hartz IV. Das war in den ersten Tagen der wirtschaftlichen Zuspitzung die einzige Möglichkeit, schnell an Hilfe zu kommen, da die anderen Förderprogramme noch nicht angelaufen waren. "Das hätte alles viel besser organisiert sein können", sagt Schneidermeisterin Hummel. Inzwischen hat sie bei der Bezirksregierung auch einen Antrag auf Corona-Soforthilfe gestellt, auf Basis eines schnell auszufüllenden Formulars, das auch bei der Hochwasserhilfe zum Einsatz kam. Das Geld indes hat sie noch nicht. "Emotional geht es mir jetzt besser, wirtschaftlich ist es eine Katastrophe." Schneidermeisterin Hummel hat jetzt aus der Not ausbleibender Aufträge eine Tugend gemacht: Sie fertigt aus Baumwolle und mit Hutmacherdraht Mundschutze.

Angst um die Existenz

Viele Solo-Selbstständige und kleine Firmen fürchten derzeit um ihre Existenz - nicht nur Handwerker, sondern zum Beispiel auch Musiker, Künstler, Heilpraktiker, Dolmetscher, Fitnesstrainer. Viele Geschäfte mussten schließen, Messen, Veranstaltungen und Konzerte wurden abgesagt. "Wenn der Umsatz über Nacht auf Null rauscht, stehen sonst hunderttausende Unternehmen, Kleinstbetriebe und Solo-Selbstständige innerhalb von Wochen vor dem Nichts“, sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer.

Auch die Lage im Handwerk spitzt sich ohne Zweifel weiter zu. Das Handwerk leidet in manchen Gewerken unter Betriebsstilllegungen, der Umsatz ist eingebrochen, Aufträge wurden storniert, Handwerker können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Um die Krise zu überstehen, brauchen die Betriebe akut finanzielle Unterstützung. "Jetzt ist schnelle und unbürokratische Hilfe erforderlich“, sagt Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm. "Wir bereiten unsere Organisation derzeit vor, diese Hilfsgelder des Landes schnellstmöglich auch tatsächlich an unsere Betriebe auszuzahlen. Hierzu brauchen wir nur den Startschuss und das Geld fürs Handwerk.“ dpa/str

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