Kolumne "Zu erfahren, zu eigenständig, zu viel"

Nach der Aufgabe ihres Steinmetzbetriebs wollte Kathrin Post-Isenberg wieder angestellt arbeiten – und stieß auf Ablehnung. Heute sieht sie dieselben Muster in vielen Handwerksbetrieben. In ihrer DHZ-Kolumne schreibt sie, was es kostet, Erfahrung weiterziehen zu lassen.

Erfahrene Bewerberinnen und Bewerber landen in vielen Handwerksbetrieben im Absagestapel – obwohl Stellen unbesetzt bleiben. - © fotografiedk - stock.adobe.com

Viele Handwerksbetriebe sprechen über Fachkräftemangel. Weniger gern sprechen sie über das, was sie innerlich blockiert: Menschen mit Erfahrung, mit Haltung und mit dem Blick fürs Ganze. Menschen, die nicht nur ausführen, sondern einordnen. 

Ich kenne dieses Spannungsfeld nicht nur aus Gesprächen mit Betrieben, sondern auch aus eigener Erfahrung. Nachdem ich meinen Steinmetzbetrieb aufgegeben hatte, weil sich Unternehmensführung und Familie nicht mehr in einen Kalender pressen ließen, wollte ich wieder angestellt arbeiten. Nicht aus Mangel an Können, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus.  
 
Die Ernüchterung kam schnell. Plötzlich war ich vieles zugleich, was offenbar nicht passte: Frau, Meisterin, ehemalige Betriebsinhaberin. Zu erfahren, zu eigenständig, zu viel. 

Was ich damals erlebt habe, sehe ich heute in vielen Betrieben wieder. Erfahrung wird aussortiert, weil sie unbequem wirkt. Die Kosten dieser Haltung tauchen später an ganz anderer Stelle auf.

Wer Erfahrung meidet, bezahlt Stillstand 

Unbesetzte Stellen sind kein theoretisches Problem, sie kosten Geld. Aufträge bleiben liegen, Teams arbeiten am Limit, Inhaber springen operativ ein, obwohl sie eigentlich führen müssten.  
 
Gleichzeitig liegen Bewerbungen von Menschen auf dem Tisch, die fachlich stark und erfahren sind und den Überblick haben. Sie werden aussortiert, weil man ahnt, dass diese Personen Fragen stellen, Zusammenhänge sehen und nicht alles kommentarlos hinnehmen. Stillstand fühlt sich zwar kontrollierbar an, ist aber teuer.

Erfahrung fordert Führung und genau daran scheitert es oft 

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Erfahrene Handwerker brauchen keine enge Anleitung, sie brauchen Klarheit.  
Sie erkennen Schwachstellen, benennen Unsauberkeiten und machen Verbesserungsvorschläge.  
 
Wer das als Angriff versteht, zahlt später den Preis, denn ungeklärte Themen werden zu Reibung, Fehlern und Abwanderung. Erfahrung senkt Risiken, aber nur dort, wo man sie wirken lässt. 

Wer Erfahrung aussortiert, zahlt mehrfach 

Betriebe, die Erfahrung meiden, suchen häufiger neu. Nicht, weil junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht wollen, sondern weil Stabilität fehlt.  
 
Jede Neubesetzung kostet Zeit, Einarbeitung und Produktivität. Erfahrene Handwerker bringen Beständigkeit, tragen Wissen und halten Teams zusammen. Das wirkt zwar nicht spektakulär, rechnet sich aber langfristig.

Fazit: Vielleicht wäre mehr möglich gewesen 

Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich damals auf einen Betrieb getroffen wäre, der meine Erfahrung nicht als Risiko gesehen hätte, sondern als Chance. Vielleicht hätte dieser Betrieb heute mehr Ruhe, mehr Struktur und mehr Klarheit. Erfahrung ist unbequem, weil sie Führung verlangt. Wer sie nicht aushält, zahlt dafür mit Geld und mit verpassten Möglichkeiten. Die Frage ist nicht, ob Sie sich Erfahrung leisten können. Die Frage ist, was es Ihren Betrieb kostet, sie weiterziehen zu lassen. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.