Genau eine Woche vor der Bundestagswahl lieferten sich die Kanzlerkandidaten von Union, SPD, AfD und Grünen im einzigen direkten Aufeinandertreffen im TV bei RTL einen engagierten Vierkampf. Wie immer kamen zahlreiche aktuelle politische Themen zur Sprache – und auch das Handwerk kam an einer Stelle prominent zur Sprache.

Während die vier Kandidaten Friedrich Merz, Olaf Scholz, Alice Weidel und Robert Habeck in den sogenannten Townhall-Formaten von ARD und ZDF nur nacheinander auftraten und sich dabei Fragen von Zuschauern stellten, traten sie bei dem von RTL auf den schräg klingenden Namen "Quadrell" getauften Format direkt gegeneinander an.
Die Moderatoren Pinar Atalay und Günther Jauch schafften es in den zwei Stunden allerdings nur schwerlich, einen roten Faden in die Sendung zu bekommen. Immer wieder drifteten die Politiker, bei einer Viererrunde absehbar, in kleinliche Streitereien ab, und auch vermeintlich der Auflockerung dienende Einfälle wie etwa eine Fragerunde nach dem Motto "Was ist schlimmer – Opposition oder Dschungelcamp" kamen eher unterkomplex rüber angesichts der sich türmenden Probleme im Land.
Immerhin zog RTL das ganze Format verständlicher auf als die unsäglichen Diskussionsrunden und Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dies oft tun, bei denen stets schnell klar ist, dass Moderation und Redaktion Teil der Berliner Polit-Blase sind und aus dieser heraus den Menschen erklären wollen, wie die wichtigen Themen zu sehen sind, anstatt auf eine unvoreingenommene Information zu setzen.
Altbekanntes beim Thema Wirtschaft
Als es eine gute halbe Stunde lang um die Wirtschaft in Deutschland ging, die sich bekanntlich in der Rezession befindet, spulten die vier Diskutanten einmal mehr viel Altbekanntes herunter. Merz forderte weniger Bürokratie sowie Verbesserungen bei den Sozialversicherungsbeiträgen und den Steuern. Weidel legte den Fokus auf die hohen Energiepreise und forderte Technologieoffenheit sowie den Einsatz grundlastfähiger Kernkraftwerke. Habeck dozierte in gewohnter Manier über eine strukturelle Krise, die entstanden sei durch das Ende der billigen Energie aus Russland und mahnte, man solle doch sinngemäß nicht immer so viel über den Zustand des Landes jammern. Das Jammern nannte er "Gedröhne" und empfahl mehr Zuversicht als "Arbeit an der Hoffnung" – die übliche softe Rhetorik und blanke Ironie aus dem Mund eines Wirtschaftsministers, der ja für den Zustand der Wirtschaft qua Amt verantwortlich ist. Und Scholz sagte, was er immer sagt, wenn von der Wirtschaftskrise die Rede ist, nämlich dass sie mit dem russischen Angriffskrieg zu tun habe. Ein bisschen konnte man den Eindruck bekommen, es handle sich gerade nicht um eine existenzielle Krise, gerade auch für viele Handwerker und Mittelständler, sondern um eine kleine Delle, die wegverwaltet werden könne. Erschreckende Ambitionslosigkeit auf der RTL-Bühne, die leider der Ambitionslosigkeit in weiten Teilen des Landes entsprach.
Das Handwerk im Mittelpunkt
Interessanter wurde es, als es um das Thema Steuern ging. Zuerst holte Jauch den berühmten Bierdeckel, auf dem Merz seine früheren Ideen einer Steuerreform in Form einer Steuer-Rechnung aufgeschrieben hatte, hervor – das Original aus dem Haus der Geschichte. Das Exponat dürfe er nicht berühren, sagte er noch, ehe es im Studio auf den Boden fiel. Dennoch war dadurch der Startschuss für ein Thema gegeben, mit dem direkter Bezug zum Handwerk hergestellt wurde. Denn den Fakt, dass viele Selbstständige nicht Körperschaft-, sondern Einkommensteuer zahlen, nutzte Merz für einen Angriff auf die Steuerpläne der SPD und der Grünen. Denn dies treffe, so Merz, eben auch Handwerksbetriebe.
"August Bebel war Handwerker"
"Sie tun so, als ob jeder Handwerksbetrieb fünf Millionen Gewinn machen würde", erwiderte Scholz. Danach würden sich viele Handwerksbetriebe sehnen. Und der Kanzler gab Merz noch eine direkte Breitseite mit, wenn auch mit einer eher fadenscheinigen Schlussfolgerung: "Sie sprechen von Handwerkern, meinen aber Vorstandsvorsitzende", sagte er mit Blick auf die geplanten Entlastungen bei der Steuer im Unions-Programm. Woraufhin Merz wiederum entgegnete: "Das Handwerk kommt bei Ihnen gar nicht vor", und Scholz als Retourkutsche nur einfiel, weit in die Historie abzutauchen: "Einer der Gründer der SPD, August Bebel, war Handwerker. Friedrich Ebert, der erste Staatspräsident der Weimarer Republik, war Handwerker." Dass Bebel Drechsler und Ebert Sattler gelernt hatten, war damit wohl gemeint – aber die Frage, was das mit der aktuellen Politik zu tun habe, wurde damit auch nicht beantwortet.
Unterschiedliche Vorstellungen bei der Steuerpolitik
Gut war, dass sich die Politiker an dieser Stelle um ihre gänzlich unterschiedlichen Vorstellungen beim Thema Steuer stritten. So wurde einmal mehr klar, dass gerade für SPD und Grüne der Reichtum, der dann auch konsequent und höher als bisher zu besteuern sei, schon früher beginnt als bei der Union und der AfD, die eher – dem progressiven Steuersystem entsprechend – auch diejenigen entlasten, die ohnehin schon deutlich mehr bezahlen. Merz bekam dafür den Vorwurf eingeschenkt, seine Vorstöße seien nicht finanzierbar. Weit aus dem Fenster lehnte sich indes Habeck, als Moderatorin Atalay ihn fragte, was denn die recht gut situierte Klientel der Grünen von seinen Plänen halten würde, und er sinngemäß meinte, die seien auch dafür.
Dann ging es noch darum, ab welchem Einkommen jemand reich ist – eine interessante Frage, die keiner der Politiker am Ende konkret beantworten musste, weil die Diskussion schnell wieder sehr zerfahren wurde. Lediglich Scholz sagte, dass jemand, der etwa 300.000 Euro brutto wie ein Bundeskanzler verdiene, schon reich sei. Ins Schwimmen kam Scholz, als der SPD-Plan, 95 Prozent der Steuerzahler durch eine Mehrbelastung von fünf Prozent der Steuerzahler zu entlasten, hinterfragt wurde. Denn um ein entsprechendes Volumen zu erzielen, würde die Mehrbelastung der fünf Prozent kaum reichen. Scholz redete von Spekulationsgewinnen und ähnlichem, aber hier hatte er keinen guten Moment.
Wenig Neues bei den weiteren Themen
Auch bei den anderen Themen Migration, Außenpolitik, Wohnen und Rente schafften es die Moderatoren nicht, den Politikern wirklich Neues zu entlocken. Skurril wurde es, als Jauch sich offenbar investigativ betätigen wollte und Weidel fragte, ob sie neben der deutschen noch eine andere Staatsbürgerschaft habe – gemeint war wohl die Schweizerische wegen Weidels Schweizer Ehefrau. Überhaupt wirkten die Nachfragen in Richtung der AfD-Frau oft gezwungen kritisch, auch Habeck musste sich die eine oder andere Spitze gefallen lassen, während Scholz und Merz tendenziell eher besser davonkamen.
Die Erkenntnis: Es gab wenig neue Erkenntnis
Und so war es ein Abend, der wohl auf die Wahlentscheidung der meisten Bürger nur wenig Auswirkungen haben dürfte. Ein bei aller sonstigen Ambitionslosigkeit in Migrations- und Wirtschaftspolitik (Standard-Aussage: "Geht halt nicht!") angriffslustiger, stellenweise aggressiver Kanzler, ein blasser Unions-Herausforderer, ein zuweilen fast schon gelangweilt wirkender und schief dastehender Wirtschaftsminister und eine AfD-Kandidatin, die manchmal die nötige Aufmerksamkeit vermissen ließ, um der Diskussion zu folgen – all das machte leider kein gutes "Quadrell", sondern brachte viel mehr die Erkenntnis, dass es wirklich relevante, neue Informationen in solchen Formaten eher nicht zu finden gibt. Zumal, wenn die Moderatoren den schmalen Grat zwischen Politik und Unterhaltung, auf dem Privatfernsehen wohl wandeln muss, mitunter eher in Richtung Zotigkeit verlassen.