Die positiven Signale der jüngsten Zeit für eine Verbesserung der konjunkturellen Lage haben einen Rückschlag erlitten. Die mittelfristigen Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren verschlechterten sich im Juli überraschend.
ZEW-Konjunkturerwartungen verschlechtern sich
Ein "erhebliches Risiko" für die weitere konjunkturelle Entwicklung sei die Frage, wie die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Haushalte funktionieren werde, warnen die Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Zudem vollzieht sich die Erholung der europäischen Industrie offenbar schwächer als erwartet.
Der sogenannte ZEW-Konjunkturindex, ein wichtiger Stimmungsindikator der deutschen Wirtschaft, sank von 44,8 Punkten im Vormonat auf 39,5 Punkte im Juli. Experten hatten nach den überraschend gut ausgefallenen Zahlen zu den Auftragseingängen und der Industrieproduktion im Schnitt mit einer Verbesserung auf 47,4 Punkte gerechnet. Für den Index werden monatlich rund 300 Analysten und institutionelle Anleger befragt. In den vorangegangenen acht Monaten hatte sich der Index stetig verbessert und im Juni sogar den höchsten Stand seit Mai 2006 erreicht.
Der Teilindex, der die Einschätzungen zur aktuellen Konjunkturlage abbildet, verbesserte sich im Juli leicht auf minus 89,3 von minus 89,7 Punkten im Juni. Volkswirte hatten allerdings einen Anstieg auf minus 85,1 prognostiziert, nachdem zuletzt eine Reihe von "harten" Konjunkturdaten unerwartet günstig ausgefallen war. Die Einschätzungen bestätigten die bisherigen Prognosen, dass in diesem Jahr die Entwicklung der Wirtschaftsleistung in der Größenordnung von sechs Prozent zurückgehen werde, sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Die Wachstumsraten dürften sich bis ins nächste Jahr entlang der Nulllinie entwickeln.
Bankvolkswirte zeigten sich allerdings wenig irritiert von der leichten Eintrübung und sagten, der Index werde wohl schon im August seine Aufwärtsbewegung der vergangenen Monate wieder fortsetzen. Carsten Brzeski von ING Bank begründete den Rückgang vor allem mit den zuletzt gefallenen Aktienkursen. Mit Blick auf die aktuelle Konjunkturlage sagte er, der freie Fall der deutschen Wirtschaft sei im zweiten Quartal beendet worden. "Die deutsche Volkswirtschaft könnte eine der ersten sein, die der Rezession entflieht", sagte er.
Thilo Heidrich von Postbank Research meinte ebenfalls, dass das Umfrageergebnis nicht als negatives Indiz für die konjunkturelle Entwicklung in den kommenden Monaten gewertet werden sollte. Zum einen lägen die Erwartungen immer noch über dem langjährigen Durchschnitt von knapp 26 Punkten, zum anderen sei der ZEW-Index in der Vergangenheit des Öfteren für kurze Rückschläge in Aufstiegsphasen bekannt gewesen. "Wir bleiben daher weiterhin bei unserer Einschätzung, dass es im Verlauf des zweiten Halbjahrs zu einer moderaten Erholung kommt", sagte Heidrich.
Indes ist die Industrieproduktion in der Eurozone im Mai erstmals seit August vergangenen Jahres wieder gestiegen. Allerdings fiel die Erholung schwächer aus als erwartet. Die Produktion (ohne Baugewerbe) erhöhte sich gegenüber April saisonbereinigt um 0,5 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat mitteilte. Nach den starken Daten aus Deutschland und Frankreich hatten Volkswirte allerdings mit einem Anstieg um 1,4 Prozent gerechnet. Im Vergleich zum Vorjahr lag die Erzeugung um 17,0 Prozent niedriger. Ökonomen hatten ein Minus von 17,9 Prozent prognostiziert.
Ralf Beunink/ddp