Ein Projekt der Handwerkskammer Dresden soll die Betriebe in der Lausitz auf den Kohleausstieg vorbereiten. Neue Chancen bieten sich durch Dienstleistungen im Sport.

Kohleflöze sind die Lebensader der Lausitz. Tausende Arbeitsplätze hängen von der Energiegewinnung aus dem fossilen Brennstoff ab. Doch das Ende naht, spätestens 2038 soll Schluss sein mit der Kohleverstromung in Deutschland. Der Lausitz steht ein gigantischer Strukturwandel bevor, der Ängste schürt, aber auch Chancen bietet. Letztere will die Handwerkskammer Dresden ergreifen und in dem ostsächsischen Gebiet ein Zentrum der Sporttechnologie etablieren.
Die Lausitz entwickelt sich seit einigen Jahren zu einem sporttouristischen Ziel, das Wanderer, Rad-, Reit- und Wassersportler anzieht. Für die rund 5.000 Handwerksbetriebe der Region können sich neue Märkte eröffnen, wenn sie sich rechtzeitig auf den Wandel einstellen. Mit dem Projekt "Sporttechnologie im Lausitzer Handwerk" bietet die Handwerkskammer Unterstützung an. "Betriebe vieler Gewerke können sich hier einbringen", sagt Martin Zschieck, der das Projekt vor Ort in Weißwasser koordiniert.
Vier Bereiche der Sporttechnologie
Seine Aufgabe: netzwerken. "Wir wollen Handwerker mit Partnern aus Hochschulen, Industrie und Sportverbänden zusammenbringen", sagt Zschieck. Ende November trafen sich etwa Orthopädietechniker, Forscher der Professur für Sportgerätebau an der TU Chemnitz und Sportler beim Eishockey-Zweitligist Lausitzer Füchse, um über Innovationen in verschiedenen Sportarten zu diskutieren.
Vier Bereiche hat die Handwerkskammer Dresden definiert, in denen die Netzwerkpartner die Sporttechnologie in der Lausitz vorantreiben sollen: Physiologie, Sportgeräte, Verletzungsprävention und Sportplatzbau. Bei der Physiologie spielt das Thema Sitzen eine Hauptrolle, nicht zuletzt, weil ostsächsische Handwerker hier schon ein beträchtliches Know-how aufgebaut haben, wie das Beispiel von Tom Büttner zeigt. Der Sattlermeister baut maßgefertigte Reitsättel mit dem Ziel, beim Reiten den Druck auf dem Pferderücken optimal zu verteilen und punktuelle Druckstellen zu vermeiden. Dabei möchte er sich künftig nicht mehr allein auf seine langjährige Berufserfahrung verlassen, sondern auch die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen.
Tomax bildet Pferderücken nach
Im Rahmen eines ZIM-Projektes hat Büttner zusammen mit der TU Dresden Tomax entwickelt. Über das patentierte Gerät lässt sich ein dreidimensionales Abbild des Pferderückens erstellen, auf dem der Sattel passgenau gefertigt werden kann. Die Daten, mit denen Tomax gefüttert wird, lassen sich über zwei Wege ermitteln: manuell über Abstandsmesser und Biegelineale oder digital. Zum Scannen des Pferderückens mit dem Smartphone greifen der Sattlermeister und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter auf Face ID zurück, eine App, die eigentlich zur Gesichtserkennung entwickelt wurde.
Ein auf Maß gefertigter Sattel dient der Gesunderhaltung von Pferd und Reiter gleichermaßen. "Man könnte unsere Arbeit mit der eines Orthopädieschuhmachers vergleichen. Wer einen deformierten Fuß hat, wird mit einem Schuh von der Stange nicht klarkommen", erklärt Tom Büttner. Aktuell arbeitet er an Satteln für zwei behinderte Reitsportler, die nächsten Sommer bei den Paralympics in Paris antreten wollen. Auch Profireiter mit sehr wertvollen Pferden oder ambitionierte Hobbyreiter vertrauen auf die Expertise von Tom Büttner, in dessen Sattlerei 23 Mitarbeiter und vier Auszubildende beschäftigt sind.
Einen großen Teil des Umsatzes im 1906 gegründeten Familienunternehmen, das Büttner 1987 übernommen hat, steuert der Reitsportfachhandel bei. Unter den rund 1.000 Sätteln, die pro Jahr verkauft werden, stammen weniger als 100 aus eigener Produktion. "Einen maßgefertigten Sattel zu bauen ist richtig aufwendige Handwerksarbeit. Daran wird auch die Digitalisierung nichts ändern. Aber sie liefert exaktere Daten als unsere Erfahrungswerte", sagt Tom Büttner. In seinem Betrieb bringt der Sattlermeister beide Welten zusammen: das klassische Handwerk und die digital erstellten Daten.
Bikefitting für Radsportler
Genau um solche Innovationen geht es im Projekt "Sporttechnologie im Lausitzer Handwerk". Tom Büttner ist einer von reichlich 40 Partnern im Netzwerk, dem sich auch Bike-Point Wiesner angeschlossen hat. In dem Fahrradgeschäft mit Filialen in Bautzen, Cottbus, Görlitz, Hoyerswerda und Senftenberg können die Kunden ihr Rad quasi auf ihre Anatomie und ihren Fahrstil maßschneidern lassen. Beim sogenannten Bikefitting nutzen die Zweiradspezialisten um Sebastian Mischke 3D-Videoanalysen und Druckmessungen während des Fahrens auf der Rolle, um mit den gewonnenen Daten die Kontaktstellen Sattel, Lenker und Pedale optimal einzustellen. Das dient nicht nur einem besseren Gefühl beim Radfahren, sondern beugt auch Verletzungen vor. "Im Idealfall verhelfen wir Menschen mit gesundheitlichen Problemen dazu, wieder schmerzfrei Rad zu fahren", sagt Mischke.
Er schätzt vor allem den Austausch unter den Partnern im Sporttechnologie-Projekt über das Handwerk hinaus, etwa wenn es darum geht, neue Produkte zu testen. "Die Handwerkskammer gibt da richtig Gas", freut sich Mischke über das Engagement aus Dresden. Dass sich neue Wege durchaus lohnen, zeigt sich am Beispiel des Bikefittings, das rund zwei Stunden in Anspruch nimmt und etwa 260 Euro kostet. Obwohl Bike-Point Wiesner seine Dienstleistung nicht aktiv bewirbt, vereinbaren im Schnitt zwei Kunden pro Woche einen Termin bei ihm. "Gerade wer ein teures Rad kauft, möchte nicht, dass ihm später beim Fahren die Hände einschlafen oder das Gesäß schmerzt", so Mischke.
Die Chancen, die innovative Handwerksbetriebe mit Sporttechnologie für sich nutzen können, sind so vielfältig wie der Sport selbst mit seinen verschiedenen Disziplinen. Dieses Potenzial möchte die Handwerkskammer Dresden mit ihrer Initiative in der Lausitz heben.
