Kolumne Zeitreise: Wo das Handwerk 2036 wirklich steht

Nachfolge ungewiss, Fachkräfte rar, Qualität wird zum Luxusgut. In Teil 1 ihrer Miniserie wagt Steinmetzmeisterin und DHZ-Kolumnistin Kathrin Post-Isenberg einen schonungslosen Blick in die Zukunft des Handwerks.

2036: Kein Überraschungsmoment – sondern die Konsequenz dessen, was heute unterlassen wird. - © Vitaly - stock.adobe.com

Wir wagen einen Blick in das Zukunftsfenster und beamen uns in das Jahr 2036. Die Babyboomer-Welle ist weitgehend durch. Jene Generation mit rund 1,3 Millionen Geburten allein im Jahr 1964 hat sich vollständig aus dem Erwerbsleben verabschiedet. 

Die Folgen sind bekannt, werden aber weiterhin verdrängt: Je nach Berechnung gehen Langfristprojektionen von bis zu 19,5 Millionen weniger Erwerbstätigen aus, netto rund sieben Millionen weniger Menschen in der Erwerbsbevölkerung. Das muss man sich mal vor Augen halten. 

Und das Handwerk? Es trifft nicht irgendeinen Bereich zuerst. Es trifft Bau, Elektro, Sanitär, Metall, Ausbau. Es trifft Meisterinnen und Meister, Gesellinnen und Gesellen. Es trifft jene Betriebe, die reale Wertschöpfung leisten. Besonders spürbar in industriestarken Regionen wie Nordrhein-Westfalen. 

Die Frage lautet also nicht, ob etwas passiert. Die Frage lautet, welches Szenario Realität wird. 

Realistisch erwartbares Szenario 1: Fachkräftemangel-Kollaps 

Ein erheblicher Teil der Handwerksbetriebe findet keine Nachfolge. Viele schließen leise, manche mit Insolvenz. Kunden warten Monate auf Reparaturen, Umbauten oder energetische Maßnahmen. 

Die Löhne steigen stark. Gute Gesellen erzielen Einkommen, die früher unvorstellbar waren. Gleichzeitig brechen Aufträge weg, weil Industrie und private Haushalte die gestiegenen Kosten nicht mehr tragen können und Investitionen verschieben oder ganz einstellen. Hohe Löhne treffen auf sinkende Nachfrage. Die Folge ist eine Pleitewelle – nicht wegen mangelnder Arbeit, sondern weil Betriebe zwischen steigenden Personalkosten und wegbrechenden Aufträgen zerrieben werden.

Kathrin Post-Isenberg
Die Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg leitete früher einen eigenen Betrieb in Siegburg. Mit ihrer Praxiserfahrung berät sie heute Handwerksunternehmen dabei, sich erfolgreich als Arbeitgebermarke zu etablieren. Seit 2025 praktiziert sie darüber hinaus wieder ihr ursprüngliches Handwerk – diesmal im Nebenerwerb. - © Markus Zielke

Der Alltag verändert sich spürbar. Ein Badumbau wird zum Langzeitprojekt. Azubis übernehmen früh Verantwortung, oft zu früh. Fachkräfte werden aus dem Ausland geholt, ohne ausreichende Begleitung und Integration. 

Realistisch erwartbares Szenario 2: Zuwanderung als Kraftakt 

Politisch wird gegengesteuert. In manchen Jahren kommen über eine Million Menschen nach Deutschland. Doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wer bildet aus, wer qualifiziert weiter, wer begleitet bis zur Meisterreife? 

Die Handwerksorganisationen arbeiten am Limit. Betriebe übernehmen Aufgaben, für die ihnen Zeit und Personal fehlen. Dienstleistungen verteuern sich deutlich. Sozialabgaben steigen spürbar, der Nettoeffekt für Beschäftigte bleibt überschaubar. 
 
Einige Ballungsräume halten sich, während ländliche Regionen ausdünnen. Billigimporte ersetzen handwerkliche Leistungen, wo sie es können. Qualität wird zum Luxusgut. 

Realistisch erwartbares Szenario 3: Generationenkonflikt und Systemüberlastung 

Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern verschiebt sich deutlich. Pflegeplätze sind rar, Wartezeiten werden zum Normalzustand. Viele Handwerkerinnen und Handwerker arbeiten weit über das heutige Rentenalter hinaus, nicht aus Freude, sondern aus Notwendigkeit. 

Jüngere Generationen tragen hohe Abgabenlasten und erleben gleichzeitig wachsende Versorgungslücken. Altersarmut wird kein Randthema mehr sein. Das Handwerk, lange Zeit Garant für Stabilität, gerät selbst unter Druck. 

Politische Antworten bleiben defensiv: höhere Steuern, längere Lebensarbeitszeiten, Hoffnung auf technische Lösungen. Vielleicht reparieren Maschinen eines Tages Heizungen. Vorausgesetzt, Strom ist verfügbar und bezahlbar. 

2036 wird kein Überraschungsmoment sein. Es wird die Konsequenz dessen sein, was heute unterlassen wird. Die Zahlen sind bekannt und wurden bereits mehrfach offen ausgesprochen. Die Entwicklung ist absehbar. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob das Handwerk betroffen sein wird. Sondern, ob es bereit ist, Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. 

>> Welche Spielräume es gibt und warum sie größer sind, als viele glauben, darum geht es im zweiten Teil dieser Kolumne, nächste Woche. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.