4-Tage-Woche Zeitlich und finanziell entlastet: "Unsere Mitarbeiter sind happy"

Die Vier-Tage-Woche im Handwerk ist immer mehr im Kommen. Seit dem Jahreswechsel hat auch ein Betrieb in Fürth das Arbeitszeitmodell gewechselt. Reiner Dorn, Inhaber der Reichenbächer und Hasel Schleiftechnik GmbH, hat mit dieser Entscheidung schon länger geliebäugelt. Den Anstoß gab letztlich der Ukraine-Krieg.

Reiner Dorn (rechts) und sein Mitarbeiter Christian Strobel
Reiner Dorn (rechts) und sein Mitarbeiter Christian Strobel müssen stets mit voller Konzentration arbeiten. Zu Beginn der Umstellung des Arbeitszeitmodells zu einer Vier-Tage-Woche war dies eine besondere Herausforderung, da die Arbeitstage länger wurden. - © Handwerkskammer für Mittelfranken

Rückblickend war die wohl schwierigste Sache an der Umstellung von einer Fünf- auf eine Vier-Tage-Woche das Halten der Konzentration. "Die ersten Wochen war ich ganz schön geschlaucht", gibt Metallschleifer Thorsten Kohl zu. Denn statt 7,5 Stunden wurde nun neun Stunden gearbeitet. Das heißt, anderthalb Stunden länger volle Konzentration. "Das ist schon für den Kopf sehr anspruchsvoll", weiß Reiner Dorn, Inhaber der Reichenbächer und Hasel Schleiftechnik GmbH.

Ein Fehler kostet bis zu 10.000 Euro

Dabei hat es schon fast etwas Hypnotisierendes, wie sich die Maschinen in der kleinen Werkstatt hin und her bewegen. Es ist nicht übermäßig laut, es herrscht eher ein gleichmäßiges Brummen. Auch von fliegenden Funken, die man als Laie beim Metallschleifer erwartet, ist nichts zu sehen. Die wannenartigen Maschinen fahren einfach immer nur von rechts nach links und wieder zurück. Darin liegen Metallteile, die, durchgängig von Wasser umspült, von der Maschine zurechtgeschliffen werden. Es wirkt monoton, aber es ist hochprofessionell. "Wenn wir einen Fehler machen, dann kostet es schon mal 10.000 Euro", erklärt Dorn.

Präzisionsteile für den Formenbau

Der Betrieb stellt Hochpräzisionsteile für den Werkzeugformbau her. Zu den Kunden gehören Unternehmen und Konzerne aus den Branchen Elektronik, Elektro- und Medizintechnik, Maschinen-, Form- und Werkzeugbau und dem Automotivebereich. Bei der Produktion der Teile kommt es auf jeden Mikrometer an. Ein Mikrometer entspricht 0,001 Millimeter. Ein menschliches Haar zum Vergleich ist etwa 0,05 Millimeter stark. Bei der Arbeit müssen Reiner Dorn und seine Angestellten also immer einen wachen Kopf haben, die Konzentration – insbesondere bei der Planung eines neuen Werkstücks – darf nicht abfallen.  Nach der Umgewöhnung funktioniere es aber ganz gut. "Vom Bauchgefühl her glaube ich sogar, dass wir heute produktiver arbeiten", so Thorsten Kohl.

Finanzielle Entlastung für die Mitarbeiter

Die ersten Gedanken über eine Umstellung auf eine Vier-Tage-Woche hat sich Reiner Dorn bereits zu Zeiten der Corona-Pandemie gemacht. "Sollte es mal wieder eine solche Situation geben, wo wir auf Abstände achten müssen, dann können wir durch die vier statt fünf Tage uns besser auf eine Arbeitswoche verteilen", erklärt er. So könne er eher sicherstellen, dass der Betrieb arbeitsfähig bleibt. Der ausschlaggebende Punkt, tatsächlich in die Testphase einer Vier-Tage-Woche zu gehen, war dann aber doch ein ganz anderer: 2022 war ein Rekordjahr, wenn es um die Preise für Kraftstoff ging. Nachdem Russland die Ukraine überfallen hatte, stiegen in Deutschland die Preise für Benzin und Diesel in noch nie dagewesene Höhen. Ein Arbeitstag weniger sollte in erster Linie also die Mitarbeiter finanziell entlasten, die sich so eine Fahrt in der Woche zur Werkstatt in Fürth sparen konnten.

Die Umstellung an sich sei nicht so schwierig gewesen, erklärt Reiner Dorn. Schon seit Jahrzehnten werde bei Reichenbächer und Hasel in einer 36-Stunden-Woche gearbeitet. Das lässt sich sehr gut gleichmäßig auf vier Tage verteilen. Zudem herrsche Gleitzeit: "Im Prinzip können die Mitarbeiter kommen und gehen, wann sie wollen. Wenn die Produktion nicht fertig wird, dann verdienen wir eben nichts", sagt Dorn trocken. Er hält nicht viel davon, seine Angestellten zu überwachen oder zu "pampern". "Die machen das schon", weiß er aus langjähriger Erfahrung und mit viel Vertrauen in seine Mitarbeiter. Dorn selbst arbeitet weiterhin auch freitags. "Es kann auch mal eine Lieferung an einem Freitag kommen und wir müssen ja erreichbar sein und", erklärt er. Die Kunden von Reichenbächer und Hasel kommen hauptsächlich aus der Industrie. Die seien noch nicht so weit, dort gebe es die Vier-Tage-Woche eher selten, weiß der Chef. In der Regel nutzt Betriebsinhaber Dorn den Freitag als Bürotag. Da kann er in Ruhe alles wegarbeiten, was auf dem Schreibtisch landet. Etwas, was früher oftmals erst am Samstag möglich war.

Mehrere Rechtsanwälte winkten ab

Zu Beginn hat es Dorn einfach erstmal laufen lassen. Doch allmählich machten ihm die arbeitsrechtlichen Modalitäten Kopfschmerzen. "Auch nach der vertraglichen Anpassung befürchte ich manchmal noch, dass da noch etwas um die Ecke kommt." Dabei hat er sich sogar Hilfe suchen wollen. "Ich habe drei Rechtsanwälte konsultiert, aber keiner wollte da abschließend beratend zur Seite stehen", berichtet der Betriebsinhaber.

Handwerkskammer unterstützte

Also hat er sich selbst an die Arbeitsverträge gesetzt. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von seiner Frau, die mit ihrem betriebswirtschaftlichen Studium Wissen beisteuern konnte. Und von der Handwerkskammer für Mittelfranken. "Ich habe meinen Vertragsentwurf mit der Rechtsberatung besprochen und mir noch ein paar Tipps geholt." Das sei sehr unkompliziert und vor allem schnell gegangen.

Dass die Vier-Tage-Woche nun auch vertraglich festgehalten wird, war besonders für die Buchhaltung des Betriebs wichtig. "Da hängen ja beispielsweise auch Urlaubstage mit dran", sagt Dorn. Und als es auf Ende 2023 zuging, habe schließlich seine Bürokraft gefordert, es müsse endlich Klarheit her. Die Anpassung der Arbeitsverträge gab es mit dem Jahreswechsel.

Kaum Nachteile durch die kurze Arbeitswoche

Für Reiner Dorn und seine Angestellten überwiegen die Vorteile der Vier-Tage-Woche. Das verlängerte Wochenende kommt bei den Mitarbeitern gut an. Nebenbei ist es auf dem Arbeitsmarkt ein gutes Argument, wenn es um neue Angestellte geht. Schließlich müssen sich auch Betriebe in Zeiten des Fachkräftemangels gut aufstellen. "Langfristig wird das aber kein Argument mehr sein, es stellen ja immer mehr Betriebe auf vier Tage um", glaubt Dorn. "Außerdem sparen wir in der Woche gut eine Stunde Rüstzeit ein, weil wir die Maschinen ja nur noch viermal starten und richtig einstellen müssen", erklärt Dorn. Das ist ein praktischer Vorteil, weil so die Produktion in der Woche schlicht eine Stunde mehr Zeit hat.

Ein wirklicher Nachteil, den die Vier-Tage-Woche mit sich gebracht hat, fällt weder den Mitarbeitern noch Chef Reiner Dorn ein. Sie sind zufrieden mit dem Arbeitsmodell. "Sollte es die Situation nötig machen, dann gehen wir eben auch wieder auf fünf Tage", meint Thorsten Kohl. Wenn man einen Nachteil suchen will, dann sind es vielleicht die Feiertage, gibt Reiner Dorn zu: In den Arbeitsverträgen ist die Kernarbeitszeit mit Montag bis Donnerstag festgeschrieben. Das heißt, wenn ein Feiertag auf einen dieser Tage fällt, muss die Zeit nicht nachgearbeitet werden. Die Mitarbeiter könnten aber, wenn sie wollen, auch am Freitag arbeiten. Dann würden sie Überstunden sammeln, die sie später abfeiern können. Das sei in der Testphase nur etwa dreimal vorgekommen, erinnert sich Dorn. Die Vier-Tage-Woche ist für Dorn und sein Team bislang ein voller Erfolg.