WM der Berufe WorldSkills 2019: Warum den Deutschen Respekt gebührt

Bei Weltmeisterschaften zählen gemeinhin nur Medaillen. Doch bei den WorldSkills geht es um sehr viel mehr: Was die jungen Handwerker in der Vorbereitung alles auf sich nehmen, wie die Bundestrainer sie ehrenamtlich unterstützen und warum man auch ohne Edelmetall stolz auf die duale Ausbildung sein kann.

Daniela Lorenz

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    © WorldSkills Germany/Anja Jungnickel
    Schöne Geste: Dominik Philipp und seine Skill-Kollegen bauten die WC-Anlage in ihrem Wettbewerb für ein Kinderheim in Kasan.
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    Glückliche Zimmerer: Für Teamleiter Roland Bernardi und seinen Goldmedaillengewinner Alexander Bruns hat sich das intensive Training ausgezahlt.
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    Zufrieden auf Platz 8: Bundestrainerin Sabine Baumgarten und ihr Schützling Konditorin Theresa Noack ließen bis auf Frankreich alle europäischen Länder hinter sich.

Ein einziger Punkt mehr und Dominik Philipp hätte Bronze gewonnen. Nach 19,5 Stunden Wettkampf in drei Tagen landete der Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bei den WorldSkills in Kasan wegen Millimetern auf dem undankbaren vierten Platz. "Es ist schon ärgerlich, ich weiß ja, wo ich diese ein, zwei Punkte gelassen habe", sagt der 21-Jährige.

Der Grünberger nahm für seine Leistung eine Excellenzmedaille mit nach Hause. Weltmeister in seinem Beruf kann er aber nicht mehr werden. Denn wegen der Altersbeschränkung auf 22 Jahre bekommt jeder junge Handwerker in Deutschland nur einmal die Chance, an der Weltmeisterschaft der Berufe teilzunehmen. Dafür müssen sie Sieger des Bundesleistungswettbewerbs werden oder einen Entscheidungswettkampf gewinnen wie Dominik Philipp.

Zimmerer trainieren bis zu acht Mal im Jahr zusammen

Roland Bernardi aus Völklingen kennt den Druck, der auf den jungen Leuten lastet. Der Teamleiter der Zimmerernationalmannschaft setzt auf ein anderes Auswahlverfahren und ein ausgeklügeltes Trainingskonzept. Sein Teilnehmer kommt aus dem Kreis der Nationalmannschaft. Das Team aus fünf oder sechs Zimmerern trainiert über Jahre zusammen. Durch die regelmäßigen Trainings – mindestens achtmal im Jahr für drei bis vier Tage – weiß Bernardi um die individuellen Stärken und Schwächen, weiß, wer wie unter Zeitdruck arbeitet. Mentale und körperliche Fitness, die fachliche Entwicklung – das alles greift ineinander.

Zusätzlich pusht sich das Team gegenseitig zu Höchstleistungen. "Wir versuchen immer den Besten aus dem Team auszuwählen", sagt Bernardi. Der Erfolg gibt ihm Recht: Die Zimmerer holten fünf Mal Gold, drei Mal Silber und vier Mal Bronze bei Welt- und Europameisterschaften (2008–2019).

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    Christoph Rapp, Maurer aus Schemmerhofen.

    "Obwohl ich mich über meinen fünften Platz oder auch über die Goldmedaille bei den EuroSkills 2018 sehr freue, ist die Platzierung für mich letztlich Nebensache. Viel wichtiger ist der Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus der ganzen Welt, aber auch innerhalb der deutschen Nationalmannschaft. Davon werde ich noch lange profitieren."
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    Theresa Noack, Konditorin aus ­München.

    "Die zwei Wochen in Russland waren die bisher beste Zeit meines Lebens. Ich habe viele neue Kontakte geknüpft und neue Berufe kennengelernt. Dass ich im Wettkampf über mich hinauswachsen konnte, macht mich sehr stolz. Durch diesen Wettbewerb kann ich jetzt eine viel stärkere Leidenschaft für meinen Beruf entwickeln, die ich jetzt in mein Studium mitnehme."
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    Tobias Schmider, Stuckateur aus Windelsbach.

    "Die Atmosphäre war gigantisch. Obwohl ich mit meiner Platzierung nicht ganz zufrieden bin, nehme ich aus dem Wettbewerb viel mit. Ich habe einiges gelernt, vor allem besser mit dem hohen Druck klarzukommen. Meine Mitstreiter haben das einfach besser hinbekommen. Spannend war außerdem, den Kollegen aus anderen Ländern über die Schulter zu schauen."
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    Jessica Jörges, Malerin und Lackiererin aus Dreieich.

    "Der ganze Stress hat sich wirklich gelohnt. Es war eine tolle Erfahrung und ein unvergessliches Erlebnis. Ich habe viele interessante Leute aus der ganzen Welt kennengelernt. Das Handwerk und die Berufsausbildung bekommen mit der Veranstaltung die Würdigung, die im Alltag oft ausbleibt. Ich würde es jedem empfehlen, dort mitzumachen."
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    Florian Meigel, Bauschreiner aus Benediktbeuren.

    "Ein wenig bin ich enttäuscht, dass es bei mir um zwei Punkte nicht zur Bronzemedaille gereicht hat. Aber die Teilnahme an den WorldSkills war natürlich trotzdem ein einmaliges Erlebnis und hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich habe sehr viel dazugelernt und es hat mich auch menschlich weitergebracht. Man sieht, was man alles leisten kann, das stärkt das Selbstbewusstsein."

Eine Nationalmannschaft scheint also ein Erfolgsmotor für ein Gewerk zu sein. Auch die Konditoren wollen sich jetzt ein Team aufbauen. "Wir müssen die Jugendlichen schon in der Lehre 'abgreifen', um mit ihnen ein hohes fachliches Level trainieren zu können", sagt Bundestrainerin Sabine Baumgarten. Um auf internationalem Niveau mithalten zu können, müsse man in Zukunft deutlich längere Trainingszeiten absolvieren.

Denn erst nachdem der Bundesleistungswettbewerb Ende vergangenen Jahres abgeschlossen war, konnten die Konditormeisterin und die Siegerin Theresa Noack ins Training einsteigen – und dann aber auch nur in den Ferien und in der Freizeit. Mit Platz acht und einer Excellenzmedaille sind beide daher vollauf zufrieden: "Ich bin sehr stolz auf Theresa."

Mehr Trainingszeit in der Vorbereitung

Es fällt auf, dass die Trainingszeit ein entscheidender Faktor ist. Die Teilnahme an Wettkämpfen bedeutet für alle, dass sie über einen langen Zeitraum ihre Freizeit und ihren Urlaub opfern oder sich von ihrer Arbeit freistellen lassen müssen. Eine Erfahrung, die auch schon der Stuckateur-Weltmeister von 2013 gemacht hat. "Ich musste auf vieles verzichten. Familie und Freunde kamen oft zu kurz", erinnert sich Andreas Schenk. Hätte er nicht im elterlichen Betrieb in Ehingen-Altbierlingen gearbeitet und hätten seine Eltern ihm nicht die Zeit gegeben, im Ausbildungszentrum in Leonberg zu trainieren – die Goldmedaille wäre vielleicht ein Traum geblieben.

Gegenüber der starken Konkurrenz vor allem aus Asien sind die geringeren Trainingsumfänge vieler Gewerke ein Nachteil. Diese kann sich oft ein ganzes Jahr und länger nur auf das Training konzentrieren, muss nicht arbeiten und erhält zudem finanzielle Unterstützung. "Dagegen sind wir Freizeitsportler", sagt Roland Bernardi. Dominik Philipp fehlte neun Wochen im Betrieb und hatte das Glück, dass ihm sein Arbeitgeber Walz Gebäudetechnik in Lich einige Zeit frei gab. Dennoch: "Das ist kein Vergleich etwa mit China. Dafür, dass wir so viel weniger trainieren können, haben wir eine starke Leistung abgeliefert."

Duale Ausbildung in Deutschland vorbildlich

In einem sind sich Bundestrainer wie Teilnehmer einig: An der dualen Ausbildung in Deutschland liegt es nicht, wenn der Medaillensegen ausbleibt. "Das duale System ist das beste Ausbildungssystem, das es gibt", sagt Sabine Baumgarten, die auch Berufsschullehrerin an der Städtischen Berufsschule für das Bäcker- und Konditorenhandwerk in München ist. In anderen Ländern finde die Ausbildung in einer Schule statt und erst danach gehe es in einen Betrieb. "Unsere Jugendlichen können hingegen nach der Lehre sofort selbstständig arbeiten."

Dem stimmt Roland Bernardi zu: "Ich halte sehr viel von der dualen Ausbildung, da man Theorie und Praxis miteinander verknüpfen kann." Sie sei im Prinzip das beste Training, das man bekommen könne, findet auch der 27-jährige Stuckateurmeister Andreas Schenk. "Jeden Tag auf der Baustelle muss man sich neuen Herausforderungen stellen, Lösungen finden und unter Zeitdruck arbeiten." 2021 in Shanghai geht die deutsche Mannschaft wieder auf Medaillenjagd.

Drei Fragen an Hubert Romer

Hubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany, im DHZ-Interview über Nationalmannschaften für jedes Gewerk und warum Ausbildungssysteme auf Änderungen und Anforderungen der Zukunft reagieren müssen.

DHZ: Sie möchten langfristig für jedes Gewerk eine Nationalmannschaft aufbauen, so wie sie die Zimmerer schon haben. Würde sich dadurch in der Vorbereitung auf die Wettkämpfe etwas verändern?
Hubert Romer: Ja, das Nationalteam für jeden Skill wäre ein starker Wunsch von uns allen. Am Ende sind es die Verbände, die die Entscheidung umsetzen. Die größte Veränderung wäre, dass die deutschen Meister nicht automatisch das Ticket für die internationalen Wettbewerbe erhalten. Sie müssen sich in den Folgemonaten in diesem genannten Nationalteam weiter bewähren und beweisen, dass sie neben den fachlichen Fähigkeiten auch weitere notwendige Skills besitzen, wie Stressresistenz, Kommunikationsfähigkeit, Beharrlichkeit etc.

DHZ: Im Moment sind Euro- und WorldSkills auf freiwilliges und ehrenamtliches Engagement sowie auf Sponsoren angewiesen. Gibt es Aussicht auf mehr Unterstützung von offizieller Seite?
Romer: Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren ihre Unterstützung Stück für Stück ausgeweitet und wir dürfen auch für die Zukunft positive Veränderungen erwarten. Nur, wir dürfen nicht allein die öffentliche Hand in der Pflicht sehen. Auch die Verbände und die Wirtschaft müssen die Besonderheit dieser öffentlichkeitswirksamen und werbewirksamen Maßnahmen erkennen. Wir erzeugen ein starkes Grundrauschen in der Öffentlichkeit, das jedem Unternehmen und jedem Betrieb zugute kommt. Auch wenn es nicht immer direkt spürbar ist. Deshalb müssen wir das als Gemeinschaftsaufgabe verstehen und umsetzen.

DHZ: Die duale Ausbildung in Deutschland ist eine Besonderheit. Wie bewährt sie sich im internationalen Vergleich?
Romer: Ich war kürzlich mal so frei und habe WorldSkills Germany mit Union Berlin verglichen, verbunden mit der Vision, dass sie im internationalen Vergleich gegen den FC Barcelona kämpfen. Das passt gut zu uns. Denn Union Berlin traut man viel zu, da sie mit Begeisterung, Leidenschaft und gutem Training arbeiten. Unsere Ausbildung in Deutschland erlaubt es, dass unsere Wettkämpferinnen und Wettkämpfer aus dem beruflichen Alltag heraus sehr viel Wissen vermittelt bekommen und auch sehr viel Praxis. Ein Fakt, der es ihnen ermöglicht, mit weniger Trainingseinheiten, als in manch anderem Land, oben mit zu spielen. Wir haben ein sehr hohes durchschnittliches Niveau. Oftmals fehlen nur wenige Punkte für eine Medaille. Kaum auszumalen, wie wir abschneiden würden, wenn wir noch etwas mehr Trainingsmöglichkeiten hätten.

Erlauben Sie mir eine Beobachtung zum Schluss: Wir sollten mit unserem Ausbildungssystem nicht stehen bleiben. Wir müssen auch offen für Neuerungen sein, müssen dynamisch auf die Änderungen und Anforderungen der Zukunft reagieren und sollten uns auch mal aus der globalen Ebene gute Dinge zu Eigen machen, wenn sie sinnvoll für unsere berufliche Bildung sind. WorldSkills ist eine hervorragende Plattform, um andere Bildungssysteme der Welt kennen zu lernen und um sich mit diesen inhaltlich zu vergleichen.