Bündnis warnt Wohnungsneubau: Es droht der Kollaps

Der Bedarf an Wohnraum war nie größer. Gleichzeitig waren die Rahmenbedingungen für den Neubau selten so schlecht. Arbeitgeber und Arbeitnehmer fordern jetzt 50 Milliarden Euro vom Staat. Andernfalls drohe ein Kapazitätsabbau.

Wohnungsbau Rohbau
Seit Monaten verzeichnet die Wohnungsbaubranche rückläufige Auftragseingänge. - © Kara - stock.adobe.com

Verbände und Organisationen der Bau- und Immobilienwirtschaft schlagen angesichts einer sich beschleunigenden Talfahrt im Wohnungsbau Alarm. "Der Wohnungsmarkt steht an einem Kipppunkt", betonte ein Bündnis von sieben Organisationen und Verbänden der Bau- und Immobilienwirtschaft auf ihrem Wohnunbsbautag. Mit Blick auf einen drohenden Kapazitätsabbau fordern die Verbände Dutzende Milliarden. "Der Staat muss seine Fördergelder für den Wohnungsbau massiv aufstocken."

Bündnis fordert schnelle Erhöhung der Förderung

Nach Einschätzung des Bündnisses sind allein für den sozialen Wohnungsneubau bis 2025 mindestens 50 Milliarden Euro nötig. Daneben bedürfe es weiterer 22 Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode für bezahlbaren Wohnungsbau etwa oberhalb des sozialen Wohnungsbaus. Angesichts der sich zuspitzenden Lage fordert Christian Staub, Vorstandsmitglied im Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB), eine schnelle Erhöhung der Förderung und eine zeitweilige Aussetzung der erhöhten Energiestandards. Ein Einbruch im Wohnungsbau gefährde die ganze Wertschöpfungskette im Bau, warnen er und andere Teilnehmer im Bündnis.

Geywitz will Neubauförderung bis Jahresende verstetigen

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) zeigte Verständnis für die Forderungen, verwies aber im gleichen Atemzug auf die Schuldenbremse im Grundgesetz. Sie betonte, dass sie mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) im Gespräch darüber sei, wie sie die im März gestartete Neubauförderung für den EH40-Standard bis zum Jahresende verstetigen könne. Bisher waren für 2023 rund 750 Millionen Euro veranschlagt.

Sie verwies auch auf ein Programm in Höhe von 350 Millionen Euro zur Wohneigentumsförderung von jungen Familien, das Anfang Juni an den Start gehen werde und auf das kürzlich vorgestellte Programm "Junges Wohnen", mit dem der Bau von Studenten- und Azubi-Wohnheime mit rund 500 Millionen gefördert werde. Nicht zuletzt erinnerte sie an die rund 14,5 Milliarden Euro, mit denen der soziale Wohnungsbau bis 2026 gefördert werden soll.

Habeck setzt auf Sanierungsförderung

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) betonte, dass die Politik die komplexe Situation im Wohnungsbau aus einer Mischung von hohen Material-, Zins-, Bauland- und Arbeitskosten nicht völlig auffangen könne. Gleichwohl stellte er Unterstützung in Aussicht. So könnten Familien etwa schon beim Erwerb sanierungsbedürftiger Immobilien finanziell unterstützt werden.

Studie bestätigt Ausnahmesituation am Wohnungsmarkt

Der Wohnungsbau steckt in einer "absoluten Ausnahmesituation", sagte Dietmar Walberg vom schleswig-holsteinischen Wohnungs- und Bauforschungsinstitut (ARGE) mit Blick auf die Ergebnisse einer vom Bündnis in Auftrag gegebene Studie. Zum einen gebe es einen noch nie da gewesenen Bedarf an rund 700.000 Wohnungen, zum anderen habe es noch nie so hohe Baukosten, Zinssprünge und so hohe Auflagen und Vorschriften für das Bauen gegeben, wenngleich es zuletzt eine leichte Erholung bei Materialpreisen wie Holz und Stahl gegeben habe.

Wohnungsbauziele der Ampel rücken in weite Ferne

Ursprünglich wollte die Ampel rund 400.000 Wohnungen im Jahr bauen, davon allein 100.000 Sozialwohnung. Nach den aktuellen Zahlen werden es im Jahr 2022 aber nur 280.000 und im laufenden Jahr rund 240.000 sein. Für das kommende Jahr rechnet das Bündnis mit rund 200.000 Wohnungen.

Zahlen des ifo-Instituts belegen Krisensituation

Die sich zuspitzende Lage am Wohnungsbau belegen auch die jüngsten Zahlen des ifo-Institutes. "Das Neugeschäft bricht förmlich ein und die Zukunftssorgen in der Branche sind groß", sagt ifo-Forscher Felix Leiss. Infolge der rasant gestiegenen Baukosten und der höheren Finanzierungszinsen rentierten sich viele Wohnungsbauprojekte nicht mehr, würden verschoben oder ganz gestrichen. Im März seien es 16 Prozent der Firmen gewesen, deren Kunden bereits erteilte Aufträge wieder zurücknahmen. Im Februar hatte dieser Anteil noch bei 14,3 Prozent gelegen, im Januar bei 13,6 Prozent. Noch verfügten viele Unternehmen über gut gefüllte Auftragsbücher, doch der Auftragsvorrat werde die wachsende Lücke bei den Neuaufträgen nicht ewig füllen können. "Die Krise scheint für viele Betriebe unausweichlich", sagte Leiss.