Trotz 7,9 Prozent mehr Genehmigungen im Juni bleibt der Wohnungsbau auf historisch niedrigem Niveau. Fachverbände fordern dringend politische Maßnahmen gegen die anhaltende Krise.

Leichtes Plus im Wohnungsbau, aber kein Umschwung. Im Juni wurden in Deutschland 19.000 Wohnungen genehmigt – das sind 7,9 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Das teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) mit. Für das gesamte erste Halbjahr registrierte Destatis 110.000 genehmigte Wohnungen. Das entspricht einem Plus von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Die scheinbar positive Entwicklung täuscht über die anhaltende Schwäche des Wohnungsbaus hinweg. Laut Destatis war die Zahl genehmigter Wohnungen im ersten Halbjahr 2024 bereits auf den niedrigsten Stand für eine erste Jahreshälfte seit 2010 gesunken. Das aktuelle Plus von knapp 3.100 Wohnungen reicht bei weitem nicht aus, um eine Kehrtwende darzustellen und den Wohnungsmangel entgegenzuwirken.
Einfamilienhäuser beliebt – Mehrfamilienhäuser stagnieren
Die Entwicklung verläuft je nach Gebäudetyp unterschiedlich. Bei Einfamilienhäusern verzeichnete Destatis im ersten Halbjahr 2025 einen Anstieg um 14,1 Prozent auf 21.300 genehmigte Wohnungen. Zweifamilienhäuser hingegen verloren 8,3 Prozent und erreichten nur noch 6.000 Genehmigungen.
Besonders problematisch entwickelt sich das Segment der Mehrfamilienhäuser, das für die Wohnungsversorgung der Bevölkerung entscheidend ist. Hier stagnieren die Genehmigungen bei 57.300 Wohnungen – lediglich 0,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. "Das wichtigste Segment für die Wohnungsversorgung der Bevölkerung ist der Bau von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, auf den zwei Drittel des Neubaus entfallen", erklärt Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. Zwischen 2021 und 2024 sei in diesem Bereich bereits ein Rückgang um mehr als 40 Prozent verzeichnet worden.
Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, stellt die aktuellen Zahlen in einen ernüchternden Kontext: "Im Juni 2021 und 2022 wurden zum Halbjahr jeweils noch über 185.000 Wohnungen genehmigt. Von diesem Niveau sind wir weit entfernt." Beim Mehrfamilienhausbau seien es in den Spitzenjahren jeweils noch über 90.000 genehmigte Wohnungen gewesen.
Branche warnt vor gesellschaftlichem Sprengstoff
Die Fachverbände sehen in den aktuellen Zahlen keine Trendwende. "Statt eines Aufschwungs erleben wir das alte Muster: ein leichtes Auf und Ab auf historisch niedrigem Niveau", kritisiert Pakleppa. Im Zangengriff weiterhin hoher Zinsen und Baukosten springe der Wohnungsbau nicht an, ergänzt Müller von der Bauindustrie.
Als eines der größten Hemmnisse identifiziert die Bauindustrie den Baulandmangel. Laut Müller wurden 2011 in den sieben A-Städten (Berlin, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Hamburg, Köln, München, Stuttgart) noch 5,850 Millionen Quadratmeter Bauland verkauft, 2024 waren es mit 1,633 Millionen nur noch rund ein Viertel. Pakleppa warnt auch vor den gesellschaftlichen Folgen: "Jedes Zögern verschärft den Wohnungsmangel und treibt Mieten weiter nach oben. Das bringt Menschen an ihre Belastungsgrenze – und birgt erheblichen gesellschaftlichen Sprengstoff. Wohnen darf nicht zum Luxusgut werden."
Verbände fordern schnelle politische Maßnahmen
Beide Fachverbände drängen auf schnelle politische Maßnahmen. Zwar begrüßt Müller den "Bau-Turbo" der neuen Bundesregierung zur beschleunigten Aufstellung von Bebauungsplänen, doch das reiche nicht aus: "Allein der politische Wille baut noch keine Wohnung." Die Bundesregierung müsse im zweiten Halbjahr dringend einen Maßnahmenplan zur Umsetzung der weiteren Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag vorlegen.
Pakleppa fordert konkret ein neues EH 55-Plus-Programm – eine Förderung, die den Effizienzhaus-Standard 55 mit einer 100 Prozent regenerativen Heizlösung kombiniert. Dieses Programm müsse für neue Projekte offen sein, nicht nur für bereits genehmigte. "Der Bundestag entscheidet im Herbst über die Haushalte 2025/2026. Dort muss die Förderpolitik nachjustiert werden."
Die Zeit drängt: Mit durchschnittlich 26 Monaten Vorlauf bis zur Fertigstellung einer Wohnung wäre die Legislaturperiode bei weiterem Zögern fast vorbei. "Alles, was nicht 2025 angestoßen wird, hat für den Wohnungsbaumarkt kaum noch einen Effekt in dieser Legislaturperiode", warnt Müller. ewö