Während Betriebe händeringend nach Nachwuchs suchen, bleibt ein riesiges Potenzial oft ungenutzt: Frauen. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erklärt in ihrer DHZ-Kolumne, warum für sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Schlüssel ist – und nennt drei konkrete Maßnahmen.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir führen zwei völlig unterschiedliche Gespräche. Auf der einen Seite wird laut über fehlende Fachkräfte geklagt. Auf der anderen Seite gibt es einen Arbeitsmarkt, auf dem Frauen im Handwerk immer noch als Ausnahme gelten. Und das, obwohl der Nachwuchs händeringend gesucht wird.
Ich habe neun Jahre einen Handwerksbetrieb im Grabmalbereich geführt. Mein Team war zu gleichen Teilen weiblich und männlich. Für mich war das ganz normal. Ich habe die Arbeit selbst gemacht, also war klar: Auch andere Frauen können das. Bei mir stand bei der Stellenbesetzung nie die Geschlechterfrage im Vordergrund, sondern immer der Mensch und das Miteinander.
Trotzdem habe ich den Betrieb irgendwann geschlossen. Nicht, weil ich das Handwerk nicht mehr wollte, sondern weil ich Mutter wurde und ich irgendwann an meine Grenzen stieß. Ein Jahr lang haben mein Mann und ich alles gegeben. Für das Kind, für unsere Arbeit, für die Firma. Aber es war kein Platz mehr für irgendetwas außerhalb davon. Also habe ich mein erstes Baby, den Betrieb, losgelassen, um mein zweites Baby, mein Kind, öfter im Arm halten zu können.
Handwerksbetriebe haben oft keine familienfreundlichen Strukturen
Diese Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Sie ist Alltag für viele Frauen. Das Handwerk hat ein Vereinbarkeitsproblem. In vielen Betrieben ist Teilzeit noch immer ein Fremdwort und Elternzeit wird nicht ernsthaft mitgedacht. Und es fehlt häufig nicht an Motivation oder Kompetenz, sondern schlicht an passenden Strukturen. Fachkräftemangel ist dann kein Zufall mehr, sondern hausgemacht.
"Das Handwerk hat ein Vereinbarkeitsproblem."
Dabei zeigen aktuelle Zahlen, dass sich etwas bewegt: Jede fünfte Meisterprüfung im Handwerk wird inzwischen von einer Frau abgelegt, so das Institut der deutschen Wirtschaft. Das ist ein gutes Zeichen, zeigt aber auch: Es bleibt noch viel Luft nach oben.

Besonders deutlich wird das beim Blick ins Kfz-Gewerbe. Dort steigen zwar die Ausbildungszahlen, doch nur 9,4 Prozent der Auszubildenden sind weiblich. Ein Beruf mit Zukunft, aber noch immer mit einseitiger Zielgruppe. Umgekehrt gibt es Gewerke mit höherem Frauenanteil, etwa das Holzhandwerk, das mit rund 16,5 Prozent weiblichen Auszubildenden im Bundesvergleich besser dasteht. Auch hier ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft, aber es zeigt, dass es funktioniert, wenn Betriebe offener und ansprechbarer werden.
Denn wer heute moderne Kunden erreichen will, braucht moderne Teams. Die Zeiten, in denen das ganze Team aussieht wie auf einem Werbeflyer von 1990, sind vorbei. Vielfalt darf nicht nur auf der Website stattfinden. Sie muss gelebt, gezeigt und gestaltet werden.
3 Impulse, wie das gelingen kann
- Frauen gezielt ansprechen – und zwar sichtbar und ehrlich.
Viele Betriebe formulieren ihre Stellenanzeigen immer noch in einer Sprache, die ungewollt ausschließt. Wer ausschließlich von Monteuren, Bauleitern oder klassischen Handwerkern spricht, darf sich nicht wundern, wenn sich kaum Frauen bewerben. Auch die Bildsprache zählt: Zeigen Sie echte Gesichter, echte Teams, echte Vielfalt. Wenn Frauen sich auf Ihrer Website wiederfinden, bewerben sie sich eher. Ist die erste Frau an Bord, folgt die zweite Bewerbung oft deutlich schneller. - Teilzeitmodelle und flexible Arbeitszeiten aktiv anbieten.
Wer Teilzeit nur "auf Nachfrage" möglich macht, setzt ein schwaches Signal. Wer sie aktiv anbietet, zeigt Offenheit. Das gilt für Fachkräfte ebenso wie für Auszubildende oder Führungskräfte. Es geht nicht darum, alles möglich zu machen. Aber wer bereit ist, über Modelle zu sprechen, wird mehr Menschen anziehen, besonders Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren möchten. - Unternehmenskultur bewusst gestalten – innen wie außen.
Ein gemischtes Team bringt neue Fragen mit sich. Umkleiden, Sprache, Umgang, gegenseitiger Respekt. Das löst sich nicht von allein. Wer hier offen kommuniziert, Teamgespräche führt oder eine Schulung organisiert, sorgt nicht nur für ein besseres Miteinander, sondern sendet auch starke Signale nach außen. Das merkt nicht nur das Team, sondern auch die Kunden.
Mein Fazit
Wer wirklich Fachkräfte gewinnen will, kommt an Frauen nicht vorbei. Wir sind kein Sonderfall und keine Ausnahme, sondern gehören mitten ins Team. Und dafür braucht es keine Heldentaten, sondern Klarheit, Offenheit und den echten Willen, das eigene Handwerksunternehmen weiterzuentwickeln. Es lohnt sich. Für alle. Versprochen.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.