Ganz normal anders Wo Menschen mit Behinderung hochwertige Handarbeit verrichten

In den Werkstätten des St. Josefs-Stift in Eisingen arbeiten rund 200 Menschen mit Behinderung. Angeleitet werden sie von erfahrenen Handwerkern. Ein Blick in den Arbeitstag von Schreinermeister Gerhard Heidrich.

Gemeinsam stark: Gruppenleiter Gerhard Heidrich gibt seinem Team (Stefan, Daniel und Kilian v.l.) eine praxisnahe Einweisung. - © privat

Es ist ein kalter Dienstag in Eisingen bei Würzburg, als die Sonne langsam ihre Strahlen durch die Wolkendecke schickt und die Mitarbeiter von der Mittagspause wieder Richtung Arbeitsplatz gehen. Es herrscht reges Treiben, Unterhaltung und vor allem: gute Laune. Einige haben gemeinsam in der Kantine zu Mittag gegessen, andere haben sich für einen Spaziergang zusammengeschlossen. Der Eingangsbereich der Eisinger Werkstätte im St. Josef Stift öffnet sich wie das Tor zu einer Welt, in der Menschen mit vorwiegend geistiger Behinderung ein "normales und selbstbestimmtes Leben" führen. Hier verschmelzen Wohnen, Arbeiten, Tagesstruktur, Therapie, Bildung, Freizeit und Kunst & Kultur zu einer Einheit.

Der Weg in die Vielfalt der Werkstattbeschäftigung für Menschen mit Behinderung

Insgesamt sind in Deutschland rund 270.000 Menschen mit Behinderung in Arbeitsbereichen verschiedener Werkstätten tätig und tragen somit zu wirtschaftlich verwertbarer Arbeit bei. In der Werkstätte in Eisingen arbeiten mehr als 200 Menschen, die in verschiedenen Bereichen wie Holzverarbeitung, Montage, Elektrofertigung, Metallverarbeitung, Wäscherei und Gartenarbeit tätig sind. Der Prozess, behinderte Menschen in diesen Werkstätten einzugliedern, beginnt mit einer individuellen Einschätzung durch den Berufsbildungsbereich und den Sozialdienst. "Die persönlichen Interessen, Ziele und individuellen Fähigkeiten der Menschen spielen innerhalb unserer beruflichen Bildungsarbeit eine ganz zentrale Rolle", erklärt Matthias Kraus, stellvertretende Werkstattleitung des St. Josef Stift in Eisingen.

Der Berufsbildungsbereich begleitet Teilnehmer bei der Entscheidung zwischen einer Beschäftigung in der Werkstatt für behinderte Menschen oder einer Förderstätte. Kraus betont, dass es unter anderem auch ausgelagerte Arbeitsplätze gibt, um Mitarbeiter, die dazu geeignet und daran interessiert sind, für den allgemeinen Arbeitsmarkt weiterzuentwickeln.

Die Holzwerkstatt: Handwerk, Hingabe und Gemeinschaft im Fokus

Handgefertigter Holz-Helikopter: Ein Bausatz für die Firma Opitec - © privat

Entlang des Gangs und vorbei an der Metallverarbeitung befindet sich am Ende des Flurs die kleine Schreinerei zur Holzverarbeitung. Gerhard Heidrich, Gruppenleiter des Teams der Holzverarbeitung, betritt seine Werkstatt mit anliegendem Büro. Heute in Arbeitshose und mit breitem Grinsen im Gesicht. Seit 20 Jahren leitet er die Gruppe, bestehend aus zwölf Mitarbeitern mit verschiedenen Einschränkungen. Sein beruflicher Hintergrund als Schreinermeister verleiht diesem Ort eine besondere Bedeutung. Hier geht es für ihn nicht nur um den Beruf; es ist seine Berufung.

"In unserer Werkstatt nehmen wir uns Zeit für die Dinge, die viele Industriefirmen oft mit aufwendiger Elektronik realisieren. Wir setzen auf qualitativ hochwertige Handarbeit, verbunden mit dem Inklusionsgedanken", so Heidrich. Von der sorgfältigen Verpackung von Schraubensortimenten bis zur präzisen Herstellung aufwendiger Bausätze – das Dienstleistungsangebot in der Holzverarbeitung erstreckt sich über ein breites Spektrum. Mit Handwerksgeschick und Hingabe entsteht hier ein Produkt mit wertvollem Hintergrund. "Der jeweilige Werkstattleiter akquiriert Aufträge, die für das Personal passen und ich teile sie dann sinnvoll für mein Team ein. Dazu gehören die Planung und individualisierte Unterstützung bei der Umsetzung." Die Mitarbeiter in der Holzverarbeitung realisieren Aufträge großer Firmen aus der Umgebung. Dazu gehören beispielsweise Montagesets für die Firma Wellhöfer oder das Anfertigen von Bausätzen für Opitec. "Auf unseren Mitarbeitern lastet kein Leistungsdruck – die individuelle Förderung steht im Vordergrund."

Handwerkliches Geschick: Sebastian arbeitet präzise beim Zuschneiden der Holzlangteile an der Zugsäge. - © privat


Der Geruch von Holz liegt in der Luft, während Mitarbeiter Sebastian mit Hingabe die Holzlangteile an der Zugsäge zurechtsägt und sich eine kleine Spähneschicht auf der Maschine bildet. "Immer darauf achten, dass das Holz an der Kante anliegt", gibt Heidrich an Sebastian weiter und legt mit Hand an. Sebastian nimmt den Tipp dankend an und setzt es direkt um. Es wird deutlich: Hier vereinen sich handwerkliches Geschick und persönliche Bedeutsamkeit zu einem harmonischen Ganzen.

Im angrenzenden Raum stehen zwei geräumige Tische mit jeweils vier Arbeitsplätzen. An einer Wand hängt der Gehörschutz der Mitarbeiter – für jeden erkennbar an seinem persönlichen Foto. Daneben hohe Regale, die fein säuberlich mit deren Inhalt beschriftet sind. Daniel erklärt, dass hier die Kleinteile des Auftrags zusammensortiert und verpackt werden. Dabei teilen sie sich untereinander Arbeitsschritte auf und vollenden einen Bausatz in einer Art Fertigungsstraße.

Der letzte Schliff: Kilian entnimmt die Schrauben und Muttern aus der Zählvorlage und verpackt sie versandfertig. - © privat

Fast jeder der Arbeitsplätze ist besetzt, und ein lebhaftes Rascheln begleitet die konzentrierte Arbeit, wenn die Mitarbeiter die Muttern aus den bunten Sichtlagerkästen entnehmen. Als ein schriller Ton erklingt, kommt der Gruppenleiter kurze Zeit später mit dem Telefon am Ohr zum Team zurück. Ein Mitarbeiter aus dem Team, der sich aktuell im Krankenstand befindet, hat angerufen – er vermisst seine Arbeitskollegen und hatte vor kurzem auch Geburtstag. Gemeinsam mit Chef Heidrich singen alle für ihn "Zum Geburtstag viel Glück" in den Lautsprecher.

Heidrich wirft einen prüfenden Blick auf die fertiggestellten Aufträge der Mitarbeiter und den Materialbestand. "Wir freuen uns über die zahlreichen Aufträge – wichtig ist nur, das Pensum an die Mitarbeiter angemessen zu regulieren. Alles andere führt zu Überforderung und Frustration."

"Wir haben einen tollen Chef"

Langsam verabschieden sich die Sonnenstrahlen, die den Raum durch die großen Glasfronten den ganzen Tag erhellt haben. Auf die Frage, was den Menschen mit Handicap an ihrer Arbeit am besten gefällt, antwortet Sven mit "auf jeden Fall das Team!", Daniel mit "die Arbeit mit Holz!", und Stefan mit "unser toller Chef!".

Ein Blick auf den Tagesablauf zeigt, dass die Eisinger Werkstätte im St. Josef Stift nicht nur ein Ort der Arbeit, sondern auch des Zusammenkommens, der Kreativität und vor allem der persönlichen Bedeutsamkeit für die Mitarbeiter ist. Hier wird das Motto "Ganz normal anders" gelebt und umgesetzt – ein Ort, an dem Menschen mit Handicap in einer warmen und unterstützenden Umgebung echte, wirtschaftlich verwertbare Arbeit finden.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.