Dem deutschen Mittelstand geht es so gut wie lange nicht. Dennoch warnen Wirtschaftsverbände vor Risiken. Dahinter dürfte Kalkül stecken.
Harald Czycholl

Die Geschäfte der meisten Mittelständler laufen hervorragend, der deutschen Wirtschaft geht es so gut wie lange nicht: So erwarten etwa die Konjunkturforscher des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) für dieses Jahr trotz Störfaktoren von außen ein Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent. 2017 soll das Bruttoinlandsprodukt sogar um 2,2 Prozent zulegen.
Viele Unternehmen agieren dennoch sehr vorsichtig. Statt Zukunftsinvestitionen zu tätigen, legen sie einen Großteil ihrer Gewinne auf die hohe Kante. Das schlägt sich in einer steigenden Eigenkapitalquote nieder. Laut Daten des Branchendienstes des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) lag die Eigenkapitalquote 2015 laut ersten Auswertungen im Schnitt bei rund 25 Prozent. Zum Vergleich: 2012 waren es durchschnittlich 20 Prozent. Auch im Handwerk hat sich die Eigenkapitalquote signifikant verbessert: Nach Angaben der Kreditauskunftei Creditreform weisen mittlerweile 22,9 Prozent der Handwerksbetriebe eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent auf (Vorjahr: 19,2 Prozent). Grundsätzlich ist mehr Eigenkapital eine gute Sache: „Die steigende Eigenkapitalquote erhöht die Stabilität und Widerstandskraft der Unternehmen“, sagt DSGV-Mittelstandsexperte Sebastian Kral. Doch diese Entwicklung kann eben auch Ausdruck von Sorgen um die Zukunft sein, die so manchen Unternehmer umtreiben.
Gewinne sprudeln
Die aktuell gute wirtschaftliche Lage dürfe nicht über die wachsenden Risiken für die deutsche Volkswirtschaft hinwegtäuschen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Hausgemachte Belastungen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt müssten vermieden und bestehende abgebaut werden. Das angekündigte Mittelstandsentlastungsgesetz müsse genutzt werden, um vor allem kleine und mittelständische Betriebe spürbar zu entlasten, fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. „Hierzu zählen insbesondere eine praxisgerechte Neuregelung zur Abführung der Sozialversicherungsabgaben, die Anhebung der Grenze zur Befreiung von Beihilfeangaben und eine Vereinfachung der Nachweisführung der Energie- und Stromsteuererstattung.“
Die mahnenden Worte fallen in eine Zeit sprudelnder Gewinne. Laut Angaben des DSGV-Branchendienstes lag die Umsatzrendite der deutschen Mittelständler 2015 nach ersten Auswertungen bei durchschnittlich sieben Prozent. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht viel mehr als in den Vorjahren auch. Doch vor dem Hintergrund massiv gestiegener Umsätze ist diese Zahl beachtlich: In absoluten Zahlen betrachtet, haben sich die Gewinne der mittelständischen Unternehmen in Deutschland nämlich seit 2003 mehr als verdoppelt.
Starkes Umsatzplus für Meisterbetriebe
Die deutschen Handwerksbetriebe können sich über ein sattes Umsatzplus freuen: Im zulassungspflichtigen Handwerk stiegen laut Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) die Umsätze im ersten Quartal dieses Jahres um 3,1 Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das einem Plus von 3,2 Milliarden Euro auf nunmehr rund 118 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten legte im gleichen Zeitraum um 0,4 Prozent zu. Damit startete das deutsche Handwerk so gut in ein Jahr wie noch nie seit der deutschen Wiedervereinigung.
Vor allem Baubranche profitiert
Nach Branchen differenziert ist die Gewinnsituation der Firmen jedoch sehr unterschiedlich: Im Verarbeitenden Gewerbe etwa schwanken die Betriebsergebnisse stark, weil die Unternehmen stark von Exporten und den Rohstoffpreisen abhängig sind. Ähnlich ist die Situation auch im Großhandel, der durch Zulieferbeziehungen eng mit dem Verarbeitenden Gewerbe verknüpft ist. Die meisten anderen Branchen sind hingegen deutlich stärker vom privaten Konsum abhängig, der wiederum viel mit Lohnentwicklung, Arbeitsmarktlage und dem Niedrigzinsumfeld zu tun hat. Davon profitiert unter anderem die Baubranche.
Warum also die Mahnungen der Verbände, wenn die Lage doch eigentlich bestens ist? Vielleicht geht es darum, bloß keine Neider auf den Plan zu rufen. Denn wenn es der Wirtschaft zu gut geht, könnten Politiker schnell nach höheren Steuern rufen – oder den Gewerkschaften könnten höhere Lohnforderungen einfallen. Das kann kein Unternehmer wollen, würde es doch die Zukunftsfähigkeit der Firmen untergraben.