Zukunft Handwerk Habeck: "Wir brauchen Herzchirurgen genauso wie Fliesenleger"

Der dramatische Personalmangel, die überbordende Bürokratie und die mangelnde Wertschätzung für das Handwerk sorgten für viel Diskussionsstoff zur Eröffnung der Zukunft Handwerk in München. Die Teilnehmer waren sich einig, dass Tempo gefordert ist, um die Herausforderungen zu bewältigen.

Zukunft Handwerk
Zukunft Handwerk Gesprächsrunde (v.li): Moderator Wolfram Kons, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, Markus Söder, Ministerpräsident Bayern und CSU Vorsitzender und ZDH Präsident Joerg Dittrich. - © picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann

Die Vorzeichen für Deutschland und seine Wirtschaft hätten sich in den vergangenen beiden Jahren dramatisch verändert, sagte Habeck zum Auftakt der Zukunft Handwerk. Drei bislang als sicher geltende Säulen des Wohlstands wären nicht mehr vorhanden. Dazu zähle Russland als verlässlicher Energielieferant, die USA als Garant für unseren (auch militärischen) Schutz sowie China als wichtigster Markt für das Exportgeschäft.

Dunkelziffer von 2 Millionen offenen Stellen

Dies belaste die Wettbewerbsfähigkeit des Landes dramatisch, was auch das Handwerk zu spüren bekomme. Hinzukomme ein gravierender Personalmangel bei den Unternehmen, der zu einer zunehmenden Wachstumsbremse werden könne. Habeck nannte dazu Zahlen. 700.000 offene Stellen seien derzeit gemeldet.

Doch die Dunkelziffer könnte bei geschätzt zwei Millionen Stellen liegen, weil viele Betriebe ihre freien Plätze gar nicht mehr an die Arbeitsagenturen melden würden, sondern versuchten diese direkt – etwa über den Bekanntenkreis – zu besetzen. Der Personalmangel werde sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen, wenn noch mehr Menschen in den Ruhestand eintreten.

Habeck will bundesweiten Tag des Handwerks an Schulen

Auf der anderen Seite, so Habeck weiter, gäbe es weit mehr als zwei Millionen Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die keinen berufsqualifizierenden Abschluss hätten. Dies seien bei weitem aber nicht alle Faulenzer, die nicht arbeiten wollten. Sie müssten dringend in Arbeit gebracht werden. "Es fehlt an Händen und Köpfen", sagte Habeck.

Dabei soll nach dem Plan des Ministers das Handwerk eine zentrale Rolle einnehmen. So will er sich dafür einsetzen, dass der in Bayern an den Schulen verpflichtend eingeführte "Tag des Handwerks", künftig auch in anderen Bundesländern ausgerichtet werden. "Und das auch an den Gymnasien", betonte Habeck.

BAföG-Bedingungen gehen an Realität vorbei

Wichtig sei es, Anreize zu schaffen, die die Ausbildung im Handwerk attraktiver machen. Als kontraproduktiv bezeichnete es der Minister, wenn etwa ein Ausbildungsbetrieb seinem Azubi einen Führerschein spendieren wolle und dieser es dann als geldwerten Vorteil beim Finanzamt angeben müsse, auch wenn das vielleicht steuergerecht sei. Auch stellte Habeck die Sinnhaftigkeit infrage, wenn jemand, der für seine Ausbildung ausziehe, nur etwa 150 Euro mehr BAföG bekommen würde, als jemand, der Zuhause wohnen bleibe. Mit Blick auf Mieten und Lebenshaltungskosten gehe das an der Realität vorbei.

Zudem gelte es, die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung stärker zu fördern und die Wertschätzung in der Gesellschaft zu verbessern. "Wir brauchen Herzchirurgen genauso wie Fliesenleger", betonte Habeck. Jede Ausbildung habe ihre Berechtigung. Man müsse komplett davon wegkommen, zu vermitteln, dass nur jemand mit einem Studium etwas Richtiges gelernt habe.

ZDH-Präsident Dittrich: Betriebe brauchen mehr Verlässlichkeit

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, appellierte, dass die Wertschätzung für das Handwerk, die er auf Arbeitsebene mit der Politik spüre, auch in konkretes Handeln münden müsse. Deshalb sollten sich die Verantwortlichen bei ihren politischen Entscheidungen fragen, was dies konkret für die Betriebe und ihre Arbeitspraxis bedeute.

Dabei verwies er auf Praxischecks, die gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium bereits erfolgreich auf den Weg gebracht wurden. "Wir wissen, dass der Minister auf unserer Seite steht", sagte Dittrich. Hier wünsche er sich die gleiche Kooperationsbereitschaft bei anderen Ministerien.

Das Handwerk benötige zudem von der Politik mehr Verlässlichkeit für unternehmerische Entscheidungen. Dittrich stelle fest, dass bei Betrieben Investitionen zurückgehalten würden, weil sie vor ungewissen Rahmenbedingungen stünden, die keine Planbarkeit erlaubten. Als Beispiel wurde das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz angeführt.

Weiterhin machte der Handwerkspräsident deutlich, dass sich die betonte Gleichwertigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung auch in der Finanzierung des Bildungssystems widerspiegeln müsse, damit die Betriebe am Ende davon profitierten.

Söder: Bürokratie zeugt von Misstrauen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder appellierte, dass es einen Mentalitätswechsel in der Politik brauche und der Mittelstand als Leistungsträger der Gesellschaft wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden müsse. Man solle erst an die heimische Wirtschaft denken, bevor man in die Ansiedlung internationaler Konzerne investiere.

Einen Mentalitätswechsel brauche es aber auch innerhalb der Gesellschaft. So halte er wenig von einer Drei- oder Vier-Tage-Woche. Eigentlich müsste mehr gearbeitet werden. Aber das solle sich auch lohnen und der, der arbeite, müsse deutlich mehr in der Tasche haben als der, der nicht arbeite.

Dringendes Handeln sieht Söder auch im Hinblick auf die bürokratischen Hürden für Betriebe als erforderlich. Immer neue Vorschriften und Belehrungen würden von Misstrauen zeugen. Bürokratie solle aber nicht dazu dienen, die "weißen Schafe" an ihrer Arbeit zu hindern, sondern die schwarzen Schafe zu identifizieren.

Söder machte auch klar, dass dringend etwas für die Attraktivität von Unternehmertum getan werden müsse. Dazu zählten niedrigere Steuern, günstigere Energiepreise und einen Staat, der motiviert. Anstatt kleiner, punktueller Maßnahmen bräuchte es ein großes Paket.

Wachstumschancengesetz: Habeck macht Druck

Dies interpretierte Wirtschaftsminister Habeck als Signal, dass die Union ihrer Blockadehaltung beim Wachstumschancengesetz aufgeben werde, um nach dem Beschluss schnell ein neues Gesetz 2.0 auf den Weg zu bringen, das weitreichendere Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum schaffen könne.

Die Zukunft Handwerk findet in diesem Jahr zum zweiten Mal als wichtiger Branchentreff parallel zur Internationalen Handwerksmesse in München statt.