Das deutsche Bäckerhandwerk klagt gegen Aldi Süd und dessen Behauptung, Aldi würde frische Brötchen backen. Im DHZ-Interview erläutert Bäcker-Präsident Peter Becker die Klage, die Entwicklungen am Backwarenmarkt und Wege der Kundenbindung. Interview: Karin Birk
"Wir wollen klare Wettbewerbsbedingungen"
DHZ: Herr Becker, Aldi Süd wirbt seit einiger Zeit mit derm Slogan, dass er "ofenfrische Brötchen" anbietet. Haben Ihre Kollegen aus dem Süden schon Kunden verloren?
Becker: Das kann man jetzt noch nicht beantworten. Nach meiner Information wird sich das nicht nur auf den Umsatz naheliegender Bäcker auswirken. Auch andere Lebensmittelhändler und Discounter werden es spüren. Auch Aldi selbst: Wer warme Brötchen kauft, wird keine Brötchen aus dem Regal mitnehmen.
DHZ: Sie bezweifeln, dass die Brötchen bei Aldi frisch gebacken sind und haben beim Landgericht Duisburg gegen den Werbeslogan "Frisch aus dem Ofen – direkt in die Tüte" geklagt. Was versprechen Sie sich davon?
Becker: Wir wollen klare Wettbewerbsbedingungen. Wir wollen, dass Aldi offen und ehrlich mit seinen – und unter Umständen auch mit unseren Kunden – umgeht. Nach unserer Information wird hier eben nichts frisch gebacken. Es findet kein richtiger Backvorgang statt.
DHZ: Was heißt für Sie, richtig Brötchen backen?
Becker: Brötchen backen heißt für mich, dass sich der Teig grundsätzlich verändert. Dass er sich zuerst einmal durch die Hefe und dann im weiteren Verlauf in der Eiweißstruktur verändert und dass in einem letzten Schritt die Brötchen gebräunt werden und sich die Geschmacksstoffe voll entfalten. Dabei kann der Backvorgang zwischen dem zweiten und dritten Schritt auch unterbrochen werden. Diese halb gebackenen Brötchen können dann zum Aufbacken in Filialen oder Tankstellen gebracht werden. Mit oder ohne Unterbrechung dauert so ein Backvorgang 20 oder 25 Minuten. In einer Zeitschiene von ein oder zwei Minuten ist das nicht getan.
DHZ: Selbst wenn das Bäckerhandwerk Recht bekommt, ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der Marktmacht der Discounter?
Becker: Auch wir sind nicht blauäugig. An den Marktanteilen wird sich nichts ändern. Selbst wenn wir Recht bekommen, werden die Automaten weiter aufgestellt und frequentiert werden. Es geht uns um Klarstellung. Die Kunden sollen wissen, wo bekomme ich frisch gebackenes und wo aufgewärmtes Brot.
DHZ: Wie sieht es mit den Marktanteilen aus?
Becker: Abgesehen von leichten regionalen Unterschieden kann man sagen, dass etwa 50 Prozent des Backwarenmarktes auf Industrie, Discounter, Lebensmitteleinzelhandel und Tiefkühlanbieter anfallen. Die anderen 50 Prozent entfallen auf die handwerklichen Bäckereien unterschiedlicher Größe. Dabei haben wir rund 15.000 Bäckereien mit rund 30.000 Filialen. Und von diesen Bäckereien machen etwa 430 rund die Hälfte des Bäckereiumsatzes.
DHZ: Vor ein paar Jahren gab es mehr. Trägt das Bäckerhandwerk nicht auch Schuld daran, weil es selbst zu sehr auf fertige Teigmischungen gesetzt hat?
Becker: Das ist eine alte Mär, die auch durch mit Wiederholung nicht wahrer wird. Ich kenne eine Menge Bäcker, und die backen traditionell. Es wäre im Übrigen auch viel zu teuer, eine Tüte teure Fertigmischung aufzureißen und Wasser beizumischen. Das heißt nicht, dass es bei Brotsorten mit geringer Stückzahl nicht sinnvoll sein kann, eine Körnervormischung zu nehmen und den eigenen Sauerteig dazuzugeben.
DHZ: Was muss das Bäckerhandwerk tun, um Kunden zu halten?
Becker: Es gibt durchaus Kunden, die nur nach dem Preis kaufen. Das ist Fakt. Und es gibt Kunden, für die Qualität, Individualität und Kauferlebnis wichtig sind. Das ist unser Kundenpotenzial. Wir müssen erstklassige Produkte und erstklassigen Service bieten und natürlich müssen wir unsere Geschäfte so führen, dass es Spaß macht, zu seinem Bäcker zu gehen. Es ist ganz einfach so: Wir müssen Lebensqualität verkaufen.
