Tiere lieben und sie gleichzeitig töten – kann das funktionieren? Diesen scheinbaren Widerspruch beleuchtet eine Doku, die heute Abend erstmalig in der ARD ausgestrahlt wird und die danach in der Mediathek abrufbar ist. Das Fleischerhandwerk spielt darin eine zentrale Rolle.

Während der Fleischkonsum hierzulande seit Jahren sinkt, steigt er weltweit noch immer an. Wie kann das sein? Natürlich resultiert das vor allem daraus, dass die Weltbevölkerung stärker wächst als die Anzahl derer, die sich nur noch vegetarisch oder vegan ernähren. Fleischersatzprodukte wie Bratlinge auf Erbsenbasis oder Frikadellen aus Hack-Imitat genießen zwar Hochkonjunktur, aber eben auch noch das klassische Schnitzel oder die Wurstscheibe auf der Semmel.
Viele Fleischliebhaber blenden dabei allzu gerne aus, wie die würzige Bratwurst auf den Grill oder das saftige Steak in die Pfanne kommt – da können Tierschutzorganisationen und Aktivisten noch so viele Schockvideos über verheerende Zustände in der Massentierhaltung oder die schwarzen Schafe der Branche veröffentlichen. Doch wie gehen eigentlich die Menschen aus Handwerk und Industrie, die für das Töten und das Zerlegen der Tiere verantwortlich sind, mit ihrer beruflichen Tätigkeit um?
Dieser Frage widmet sich Filmemacher David Spaeth in seinem sehenswerten, weil sehr tiefgründigen Dokumentarfilm "Wir und das Tier: Ein Schlachthausmelodram", der am 11. März um 23:35 Uhr seine TV-Premiere feiert und danach in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Der Regisseur nimmt uns in zwei traditionsreiche Handwerksbetriebe mit und eröffnet spannende Einblicke hinter die Kulissen. Dabei richtet er den Scheinwerfer fernab von Klischees auf das Seelenleben jener, die Tiere lieben und respektieren, aber auch töten: Was denken, was verdrängen, was fühlen sie?
Ein Schlachtkurs als Geburtstagsgeschenk
Gleich zu Beginn stellt uns Spaeth die Personen vor, die in seiner gut 80-minütigen Doku zu Wort kommen. Darunter auch diese: Schlachterin Elisabeth arbeitet für einen kleinen Betrieb im Piemont, in dem man den Tieren noch Namen gibt. Zwei andere Freundinnen hören sogar auf denselben: Katrin hat Katrin einen Schlachtkurs in einer Landmetzgerei geschenkt und begleitet sie bei dieser einmaligen Erfahrung. Der erfahrene Metzgermeister Jürgen wiederum schätzt sich in Zeiten des Fachkräftemangels glücklich, denn er hat mit der jungen Amelie eine motivierte Auszubildende gefunden, die gerne Schweine zerlegt und auch das Schlachten nicht scheut.
So persönlich und nah David Spaeth diesen Personen in seinem einfühlsamen Film auch kommt, fällt eines doch direkt auf: An einer gewissen Anonymität scheint dem 2019 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Regisseur gelegen. Wir erfahren weder die Nachnamen, noch die genaue Herkunft der Akteure. Auch die Unternehmen werden nicht namentlich genannt. Erst durch eine Anfrage bei der SWR-Redaktion erfuhr die Deutsche Handwerks Zeitung (DHZ): Bei den besuchten Handwerksbetrieben handelt er sich um die streng biologisch wirtschaftenden Herrmannsdorfer Landwerkstätten aus dem bayrischen Glonn (mit Metzgermeister Jürgen und Azubine Amelie) und die Landfleischerei Neumeier in Hessisch Lichtenau, in der Metzgermeister Carsten mit großem Eifer die Schlachtkurse anbietet.
Das Tierwohl kommt an erster Stelle

Während Spaeth den vor der Kamera befragten, bemerkenswert ehrlich antwortenden Menschen im Abspann explizit für ihr Vertrauen dankt, möchte er sie vielleicht auch vor Anfeindungen schützen – obwohl schnell deutlich wird, dass der Respekt vor dem Lebewesen und ein möglichst schonender Akt des Schlachtens bei allen Porträtierten an erster Stelle kommen. Und dass sie das Sterben nicht kalt lässt: Selbst der in der Industrie tätige Kopfschlächter Ionel, der täglich bis zu 1.000 Rinder tötet, verhehlt nicht, dass er die Augen schließt, wenn ein Tier mal gestresst ist. Auch der seit Jahrzehnten in der Branche tätige Metzgermeister Jürgen ist beim Setzen des Elektroschocks noch angespannt – und das nehme über die Jahre nicht ab, sondern zu. Fast scheint der Handwerker mit sich zu hadern: Ist sein Handeln in ein paar Jahren oder Jahrzehnten womöglich endgültig verpönt?
Hochinteressant gestalten sich auch die Antworten seine Azubine: Während die grundsätzliche Frage, warum ein junger Mensch sich heute für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk entscheidet, leider unbeantwortet bleibt, gibt sich Amelie bemerkenswert reflektiert. "Darf ich überhaupt Spaß bei meiner Arbeit haben?", fragt sich die kluge junge Frau – es handele sich schließlich um das Zerteilen eines Tieres, dem man sein Leben genommen habe. Klar distanzieren tun sich die Handwerkerinnen und Handwerker aber von der Fließbandarbeit, denn wer im Akkord Fleisch zerteile oder sortiere, verliere den Bezug zu seiner Tätigkeit. Gerade eine solche Person lässt die Dokumentation leider nicht zu Wort kommen. Geschäftsführer Matthias, der in Bayern den größten Schlachthof Europas leitet, sagt dafür aus voller Überzeugung einen Satz, der fast absurd anmutet: "Ich liebe Tiere."
Wer nicht selbst in der Fleischbranche tätig ist, findet die Identifikation in den Lehrerinnen Katrin und Katrin – und deren Gesichter beim Schlachtkurs sagen mehr als tausend Worte. Während die beschenkte Katrin nach anfänglicher Zurückhaltung Interesse ausstrahlt und beeindruckt von Metzgermeister Carstens Abgebrühtheit ist, trifft das Erlebte die schenkende Katrin mit voller Wucht. Als das erste Schwein zu Boden geht, dem sie zuvor noch in die Augen geschaut hat, kullern die Tränen. Man kann es ihr nachfühlen. Am nächsten Morgen beim Frühstück wird die Salamischeibe durch Marmelade ersetzt. Carstens flapsige Sprüche, sein stolzes Wühlen in Fleischteilen und die Gleichgültigkeit einer seiner Angestellten entlarven dabei auch, dass sich irgendwann wohl doch so etwas wie Routine einstellt. Das Wissen um die eigene Verantwortung geht dem hessischen Metzgermeister aber nie verloren.
Der Tod auf der Tonspur

Rein visuell entscheidet sich David Spaeth für den Schongang und fängt das Töten der Tiere nur indirekt ein. Mal führt Carsten den Elektroschock verschwommen im Hintergrund durch, mal setzt Elisabeth das Bolzenschussgerät außerhalb des Bildes und mal verdeckt eine Metallwand Amelies Messerschnitt. Der Tod findet meist auf der Tonspur statt. Dem Schock oder Schuss folgt ein Plumps, ein Schnitt und ein Platsch – nämlich dann, wenn der leblose Körper geöffnet und zum Ausbluten hergerichtet wird. Wer diesen Verzicht auf drastische Bilder als Schönfärberei fehlinterpretiert, missversteht die Intention des Films: Spaeth hält kein Plädoyer für Fleischverzicht oder will gar untragbare Zustände entlarven, sondern interessiert sich für die Menschen dahinter.
Wird überhaupt einmal ein Schwein im Detail zerschnitten, dann im Labor einer norwegischen Universität. Sie forscht an Robotern, die dem Menschen die handwerkliche Tätigkeit womöglich irgendwann abnehmen. Doch stellt sich direkt die Frage: Ist das wirklich gut, wenn Maschinen das tun? Im Vergleich zum Schlachthaus wirken die Bilder nämlich abstrakt und steril – und führen uns so vor Augen, wie schnell man beim Endprodukt zu vergessen droht, woher es eigentlich stammt.
TV-Termin: Montag, 11. März 2024, 23:35 Uhr, Das Erste (und anschließend in der ARD-Mediathek)