Ein neuer Beruf im Elektrohandwerk entsteht "Wir stehen in Konkurrenz zu Amazon und Google"

Ingolf Jakobi, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und ­Informationstechnischen Handwerke über Smart Living, neu geordnete Berufe und ­die Herausforderungen durch die Digitalisierung. 

Ingolf Jakobi
Ingolf Jakobi, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke. - © ZVEH

Seit August gibt es im Elek­trohandwerk fünf statt sieben Ausbildungsberufe, darunter den neu geschaffenen Elektroniker für Gebäudesystemintegration. Herr Jakobi, warum haben Sie die Reform der Ausbildungsberufe so stark vorangetrieben?

Ingolf Jakobi: Unsere Branche wurde von der Digitalisierung sehr früh erfasst. Das bedeutet für uns die Chance, aber auch die Pflicht, unsere eigentlich schon modernen Ausbildungsberufe sehr schnell zu reformieren. Wir stehen in der Gebäudetechnik in Konkurrenz um die Daten mit Amazon, Google oder Telekommunikationsunternehmen. „Alexa“ ist ja nichts anderes als eine einfache Smart-Home-Anwendung. Auf diese Anforderungen müssen wir sehr schnell reagieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Was hat die Initiative Smart Living damit zu tun?

Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Akteuren aus unterschiedlichen Handwerksbranchen, der Elek­troindustrie, der Heizungsindustrie, der Versicherungswirtschaft und der Wohnungswirtschaft. Die Initiative möchte Deutschland zum Leitmarkt für Smart-Living-Anwendungen entwickeln. Dies geht nur mit den richtigen Fachkräften. Miteinander besprechen wir, was für uns jeweils technische Erneuerungen in Gebäuden bedeuten, mit was für Erwartungen das verbunden ist. Das erweitert unsere Sichtweise und wir konnten mit Hilfe dieser Rückmeldungen die Berufe gezielt reformieren beziehungsweise den Elektroniker für Gebäudesystemintegration entwickeln.

Aber warum musste es ein ganz neuer Beruf sein?

Wir reagieren damit auf die durch die Digitalisierung veränderten, sehr anspruchsvollen Aufgabenfelder für Elektrohandwerker. Unser Ziel ist es, die verschiedenen technischen Anwendungen im Gebäude gewerkeübergreifend zu planen, also schon in der Planungsphase Schnittstellen zu anderen Gewerken zu legen, beispielsweise für die Wärmeversorgung zu SHK, zu Rollladen- und Jalousiebauern und für die Schließtechnologie zum Metallhandwerk. Die Elektro- und Kommunikationstechnik steht hier in der Pole-Position, ohne moderne Kommunikationsmittel funktioniert in einem neuen Haus nichts mehr. Der Gebäudesystemintegrator soll die anderen Gewerke mitberücksichtigen sowie Schnittstellen und Übergabepunkte an sie vorbereiten.

Konnte das nicht Bestandteil der bisherigen Berufszweige werden?

Nein. Vor einigen Jahren hatten wir ein Pilotprojekt zur Digitalisierung in der überbetrieblichen Ausbildung. Damals haben wir erkannt: Wir können die bestehenden Berufe nicht immer noch komplexer machen. Wir können den jungen Leuten nicht immer noch mehr auflasten, denn auch die Tiefe in den Berufen muss bleiben. Also wurden die bestehenden Ausbildungsordnungen modernisiert und zusätzlich der Elektroniker für Gebäudesystemintegration entwickelt.

Was muss ein junger Mensch mitbringen, um ein guter Gebäudesystemintegrator zu werden?

Er muss Spaß haben an innovativen Denkweisen und Begeisterung für komplexe Themen wie beispielsweise Energiemanagement mitbringen. Gute Leistungen in Mathematik und Physik sind die Basis. Es wird eine sehr anspruchsvolle Ausbildung, und wir haben die große Hoffnung, mit dem Beruf noch mehr Abiturienten und Fachhochschüler zu gewinnen.

Wie steht es denn derzeit um die Ausbildung im Elektrohandwerk?

Die Zahl der Auszubildenden ist bei uns das sechste Jahr in Folge gestiegen. Wir haben derzeit über 45.000 Auszubildende. Wenn auch wegen Corona die Zahl der Neuverträge im Lehrjahr 2020/21 etwas gesunken ist. Dabei ist der Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik mit Abstand der größte Zweig und wird es auch bleiben. In dem neuen Beruf wurden schon zahlreiche Ausbildungsverträge abgeschlossen. Aber die Entwicklung eines so modernen Berufsbildes braucht Zeit.

Mit wie vielen Auszubildenden rechnen Sie?

Wenn wir in diesem ersten Ausbildungsjahr eine dreistellige Auszubildendenzahl bekommen, freut mich das schon. Die Betriebe und Bildungsstätten müssen sich ja auch auf den neuen Ausbildungsgang vorbereiten und mit den Inhalten der Ausbildungsordnung vertraut machen. Wir wenden uns derzeit an die vielen Betriebe, die bereits Erfahrungen mit Smart Home haben. Sie sind die idealen Ausbildungsbetriebe für diesen Beruf. Auch die Ausbildungsberater bei der Bundesagentur für Arbeit müssen wir mitnehmen.

Wo werden die Gebäudesystemintegratoren zur Berufsschule gehen?

In Baden-Württemberg könnten wir eine eigene Klasse zustande bekommen. In anderen Regionen werden sie wahrscheinlich im ersten Ausbildungsjahr gemeinsam mit den Elek­tronikern für Energie- und Gebäudetechnik zusammen beschult werden. Auch die Lehrkräfte an den Berufsschulen müssen sich ja erst auf die Inhalte im Rahmenlehrplan einstellen. Auf lange Sicht sind eigene Klassen geplant.