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Fleischerpräsident über Skandale bei Tönnies & Co. "Wir sind ganz anders als die Industrie"

Die Skandale in deutschen Schlachtbetrieben lassen das Fleischerhandwerk nicht unberührt. Verbandspräsident Herbert Dohrmann macht die ­Politik verantwortlich, dass es soweit kommen konnte. Ein Verbot von Werkverträgen greift aus seiner Sicht zu kurz. Auch höhere Fleischpreise könnten die Fehler im System allein nicht lösen.

Herr Dohrmann, überraschen Sie die Zustände in manchen Unternehmen der Fleischindustrie, die im Zuge der Corona-Ausbrüche aufgedeckt wurden?

Die Vielzahl dieser Vorfälle verwundert uns schon. Das Fleischerhandwerk verfolgt diese Entwicklung mit großer Sorge. Von den betroffenen Unternehmen ist zu fordern, dass sie ihrer Verantwortung in jedem Fall gerecht werden und sie nicht an andere abgeben.

Wie konnte es soweit kommen?

Die Politik trägt hier die Verantwortung. Sie hat die Strukturen gestützt und sogar noch befördert, die in den vergangenen 30 bis 40 Jahren entstanden sind. Nur deshalb konnten Schlachtbetriebe solcher Größenordnungen heranwachsen. Das ist ein gravierendes Problem.

Können Sie das näher erklären?

Der Gesetzgeber hat die Hürden für Schlachtbetriebe immer weiter erhöht. In meinem Familienunternehmen, das 1961 in Bremen gegründet wurde, konnten meine Eltern bis 1968 noch direkt vor Ort schlachten. Dann kam eine große Hygieneverordnung und uns wurde das Schlachten untersagt. Ein anderes Beispiel sind bauliche Anforderungen, die verschärft wurden. Diese Umbaumaßnahmen waren für viele Kleinbetriebe finanziell nicht tragbar. Die Strukturveränderungen, die wir heute vorfinden, sind deshalb das Ergebnis dieser Politik.

"Das ist kein Umgang mit Menschen, wie er vom Handwerk toleriert und akzeptiert wird."

Wird im Handwerk überhaupt noch geschlachtet?

Wir haben dazu aktuell eine Mitgliederbefragung durchgeführt. Immerhin 30 Prozent der rund 11.000 Handwerksfleischereien schlachten noch selbst. Aber sie haben keinen einfachen Stand. Ich habe Kollegen, die noch selbst schlachten und allein für die amtliche Untersuchung eines Schweins 18 bis 24 Euro zahlen, bevor es geschlachtet werden darf. Die Schlachtindustrie zahlt hingegen nur einen Bruchteil dieser Kosten. Es sind vielleicht zwei Euro pro Schwein. Das sind solche eklatanten Unterschiede, die es dem Handwerk unheimlich schwer machen, diese Arbeit noch zu leisten.

Bundesarbeitsminister Heil will die Missstände in der Fleischindustrie beseitigen. Hilft ein Verbot von Werkverträgen?

Man muss die Werkverträge nicht grundsätzlich schlecht reden. Ob die Vielzahl der Mitarbeiter, die in der Fleischwirtschaft, in der Landwirtschaft und in vielen anderen Bereichen mit einem Werkvertrag beschäftigt sind, so schnell auf anderem Weg zu bekommen sind, ist fraglich.

Sollte alles so bleiben wie es ist?

Keinesfalls. Das Problem sind aber nicht die Werkverträge an sich, sondern deren Ausgestaltung und Umsetzung. Die Unternehmer sind hier in der Pflicht, sich um die Menschen, die mit solchen Werkverträgen beschäftigt sind, genauso gut zu kümmern, wie um die festangestellten Mitarbeiter. Wenn man sieht, wie diese Menschen untergebracht sind und was an Lohn bei ihnen ankommt, finde ich das sehr zweifelhaft. Das ist kein Umgang mit Menschen, wie er vom Handwerk toleriert und akzeptiert wird. Das System ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Da wurde die Verantwortung an Subunternehmen abgegeben, die diese wiederum an Subunternehmen abgegeben haben und so weiter.

Sind höhere Bußgelder und mehr Kontrollen sinnvoll?

Das ist für mich politischer Aktionismus. Die Gesetze dafür gibt es schon längst. Man hätte sie einfach anwenden müssen.

Warum holen die Großschlachtereien ihr Personal aus Osteuropa?

Grundsätzlich ist es schwierig auf dem deutschen Markt entsprechende Arbeitskräfte zu bekommen. Sie finden hier kaum jemanden, der für 9,35 Euro die Stunde so eine anstrengende körperliche Tätigkeit von morgens bis abends, oft zehn bis zwölf Stunden am Stück, machen möchte. Es ist also letztlich eine ­Kostenfrage.

Woher kommt der Kostendruck?

Die Supermärkte und speziell die ­Discounter tragen hier eine Mitverantwortung. Wenn Fleisch als ­Ramschartikel verkauft wird und ein Sonderangebot das nächste überbietet, muss man sich nicht wundern, dass solche Strukturen befördert werden.

"Durch die niedrigen Preise wird Fleisch zum Wegwerf­produkt. Denn was wenig kostet, kann auch nicht viel wert sein."

Muss Fleisch also teurer werden?

Zuerst müssen sich die Strukturen ändern, die dann auch einen höheren Fleischpreis rechtfertigen. Dazu gehören das Tierwohl, bessere Haltungsbedingungen und letztendlich sprechen wir von einer Umstrukturierung der gesamten Landwirtschaft. Mehr Platz für Tiere kostet mehr Geld. Damit würden die Fleischpreise automatisch steigen. Es ist ein langwieriger Umbruchprozess. Im Handwerk wird dies an vielen Stellen schon lange praktiziert.

Kritiker bemängeln, dass sich viele Verbraucher teureres Fleisch nicht leisten können. Sollte Fleisch ein Luxusartikel werden?

Fleisch ist ein Grundnahrungsmittel, das sich jeder Mensch leisten können muss. Auch in Zukunft. Aber es muss ja nicht jeden Tag Fleisch auf dem Teller liegen. Wenn man sich anschaut, was pro Woche an Fleisch in deutschen Haushalten weggeworfen wird, sollte sich der Verbraucher auch an die eigene Nase fassen. Durch die niedrigen Preise wird Fleisch zum Wegwerfprodukt. Denn was wenig kostet, kann auch nicht viel wert sein.

Sind die Verbraucher zu einem Umdenken bereit?

Dieser Prozess findet schon eine Weile statt. Es gibt eine große Gruppe in unserer Gesellschaft, die sich sehr genau mit Ernährung auseinandersetzt und hinterfragt, woher die Produkte kommen. Sie sind bereit für ein gutes Produkt einen angemessenen Preis zu bezahlen. Aber leider gibt es auch eine weitaus größere Gruppe, für die der Preis das wichtigste Kriterium ist. Hier müssen wir dranbleiben und das Bewusstsein schärfen.

Kann der Kunde zwischen einem Produkt aus Industrie und Handwerk unterscheiden?

Ein Großteil der Bevölkerung packt leider alles in einen Topf. Aber diejenigen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, werden die Unterschiede schnell feststellen. Wir sind ganz anders als die Industrie. Das Handwerk ist seit ewiger Zeit mit der Region verwurzelt. Und damit meine ich das direkte Umfeld des Betriebsstandortes. Das betrifft die Kontakte in die Landwirtschaft, zum Kunden und die Geschäftsbeziehungen insgesamt, die von einem nachbarschaftlichen miteinander geprägt sind. Auch der Umgang mit den Mitarbeitern ist ein ganz anderer im Handwerk. Unser Personal lebt mit uns in der Gesellschaft. Die kommen nicht von irgendwoher, sondern sind oft selbst in der Region verwurzelt. Und natürlich verdienen sie auch mehr Geld. Bei uns würde niemand für den Mindestlohn arbeiten. Nicht zuletzt ist der Arbeitsprozess ein ganz anderer. Die Mengen, die wir produzieren, sind Kleinstmengen. Das Fleisch wird mit handwerklichem Können zu tollen Produkten verarbeitet. Wir müssen uns gar nicht abgrenzen von der Industrie, weil wir komplett verschieden sind.

Trotz der genannten Vorzüge sucht ihre Branche händeringend nach Fachkräften.

Das ist leider ein Problem und eine große Herausforderung, mit der jede Branche zu kämpfen hat. Die Corona-Krise bringt vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas Entspannung, weil durch Betriebsschließungen Mitarbeiter frei werden. Aber grundsätzlich erwarten wir hier keine Trendwende.

Aber hat das Fleischerhandwerk nicht auch ein Imageproblem, das die jungen Leute abschreckt.

Daran müssen wir arbeiten und das machen wir auch. Wir sind überall dort präsent, wo wir die jungen Menschen erreichen können und zeigen ihnen für was das Handwerk steht. Aber natürlich sind solche Bilder und Berichte aus den Schlachtbetrieben, wie sie gerade durch die Medien gehen, nicht gerade förderlich jungen Menschen für unseren Beruf zu begeistern Es muss aufhören, dass kübelweise Mist über der ganzen Branche ausgeschüttet wird.

Überdies haben die Betriebe mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu kämpfen. Wie schwer hat es sie getroffen?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Fleischereien mit einem guten Thekengeschäft konnten sogar profitieren, weil die Restaurants geschlossen waren. Jene Betriebe, die selbst an die Gastronomie liefern oder einen eigenen Catering-Service haben, mussten hingegen teils deutliche Einbußen hinnehmen. 25 Prozent der Betriebe befinden sich in größeren Schwierigkeiten. Sie sind teilweise unter Rettungsschirmen und Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

Und wie geht es dem Verband?

Es ist kein Geheimnis, dass die Mitgliederzahlen rückläufig sind. Wir müssen deshalb an der ein oder anderen Stelle Kosten einsparen. Seit einem knappen Jahr haben wir Umstrukturierungen vorgenommen und Aufgaben neu verteilt. Das heißt jedoch nicht, dass unsere Mitglieder einen schlechteren Service bekommen als vorher. Im Gegenteil: Wir sind in vielem besser geworden.

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