Interview mit Jan Philip Weber "Wir haben keine Immobilienblase"

Angesichts der Euro-Schuldenkrise erhoffen sich viele im Beton-Geld eine sichere Anlage. Die Preise steigen stetig an und nach Ansicht des Immobilienmarktexperten Jan Philip Weber wird sich dieser Anstieg in bestimmten Ballungsgebieten fortsetzen. Eine Spekulationsblase sieht er jedoch nicht.

Karin Birk

Jan Philip Weber ist Immobilienmarkt-Experte beim Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken in Berlin. - © BVR

DHZ: Herr Weber, sehen Sie die Gefahr einer Überhitzung des deutschen Immobilienmarktes?

Weber: Aktuell sehe ich keine Überhitzung. In Ballungszentren erkennen wir zwar markante Preiserhöhungen. In der Breite lassen sich allerdings keine extremen Preissteigerungen feststellen. Wir haben in Deutschland einen Aufholeffekt, aber sicher keine Immobilienblase. Von einer Blase würde ich erst dann sprechen, wenn sich etwa wie vor wenigen Jahren in den USA, Irland oder Spanien die Immobilienpreise völlig von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgekoppelt haben.

DHZ: Wie haben sich die Preise hierzulande entwickelt?

Weber: Schaut man sich die Preise in den vergangenen 15 Jahren an, dann haben sie sich unterm Strich eher sehr schwach entwickelt. So fiel das Wachstum von 1995 bis 2006 teilweise sogar negativ aus. Betrachtet man dagegen die Preisentwicklung am aktuellen Rand, also aus jüngster Zeit, dann zeigen sich unterm Strich reale Preissteigerungsraten von rund zwei Prozent.

DHZ: In manchen Ballungsräumen sieht das aber anders aus.

Weber: Das stimmt. In Ballungszentren wie Frankfurt am Main, Berlin, München, Hamburg oder Düsseldorf haben die Preise je nach Lage deutlich stärker angezogen. Der Grund liegt darin, dass viele Investoren damit rechnen, dass das Preisniveau hier nicht zuletzt wegen attraktiver Arbeitsmärkte in den nächsten zehn Jahren mindestens erhalten bleibt. In den ostdeutschen Städten gilt dies bis auf einige Ausnahmen allerdings nicht.

DHZ: In manchen Städten haben die Preise zweistellig zugelegt. Was treibt die Nachfrage nach Immobilien?

Weber: Angesichts der Euro-Schuldenkrise erhoffen sich viele im Beton-Geld eine sichere Anlage. Sie schichten ihr Vermögen um. Das erklärt auch, weshalb trotz historisch niedriger Zinsen die Nachfrage nach Immobilienkrediten im ersten Quartal auch nur um 1,7 Prozent zugelegt hat. Und dies, obwohl der Hypothekenzins für fünf- bis zehnjährige Darlehen derzeit nur bei rund 3,5 Prozent liegt. Hinzu kommt, dass die Arbeitsmarktlage gut ist.

DHZ: Trägt nicht auch die Furcht vor Inflation zur Flucht in Sachwerte bei?

Weber: Das mag sein. Begründet ist die Furcht vor steigenden Preisen aktuell aber nicht. Wir sehen momentan eher das Gegenteil.

DHZ: Welche Entwicklung sehen Sie für die nächsten Wochen und Monate?

Weber: Der Preisanstieg bei Immobilien wird sich fortsetzen. Er wird aber auf bestimmte Ballungsgebiete begrenzt bleiben. Wir werden ganz sicher keine explodierenden Preise sehen. Mit zunehmendem Abklingen der Euro-Krise – und davon gehen wir mittelfristig aus – dürften auch die allgemeine Verunsicherung und damit auch die Immobilienpreisdynamik wieder etwas abnehmen und die Zinsen wieder steigen.

DHZ: Das sollte ein Immobilienkäufer nicht aus den Augen verlieren?

Weber: Niemand kann dauerhaft mit so niedrigen Zinsen rechnen. Auch die Anschlussfinanzierung muss machbar sein. Als solider Immobilienfinanzierer weisen wir die Kunden darauf hin. Glücklicherweise haben wir – anders als in vielen anderen Ländern – keine Verträge mit variablen Zinssätzen. Vielmehr gibt es bei uns eine ausgeprägte Festzinskultur, in der Verträge über die ganze Laufzeit zu festen Konditionen abgeschlossen werden. Außerdem gibt es keine Immobilienkredite ohne Eigenanteil. In Deutschland liegt dieser in der Regel bei rund 40 Prozent. Auch dies macht die Finanzierung und den ganzen Markt sicherer. Zur Stabilität trägt auch bei, dass der deutsche Immobilienmarkt mit Eigentumswohnungen, Mietwohnungsbau inklusive Genossenschaftswohnungen und sozialem Wohnungsbau deutlich heterogener ist.