Detlef Projahn, Präsident der Privaten Brauereien Deutschland, über den harten Preiskampf im Handel, welche Vorteile die Kleinen am Markt haben und wie sinnlos es ist, leere Flaschen durch die Gegend fahren zu müssen.
Frank Muck

DHZ: Herr Projahn, im Moment geht der Trend zu regionalen Spezialitäten und Craft-Bieren. Läuft der Markt für die Kleinen gerade gut?
Projahn: Eigentlich sind wir Kleinen ja auch alles Craft-Bier-Brauer. Das sind ja alles handwerklich gebraute Biere. Diesen Trend sehen wir durchweg positiv. Endlich wird wieder mehr über Bier geredet und der Genuss gerät mehr in den Fokus. Insofern ist es gut, dass es diese Craft-Bier-Geschichte gibt.
DHZ: Unterläuft diese Kreativität nicht eher die Erhaltung des Reinheitsgebots?
Projahn: Wir vertreten im Verband der Privaten Brauereien überwiegend das Reinheitsgebot. Wir haben so viele Hopfensorten und so viele Hefestämme und unterschiedliche Malze, durch die wir eine große Geschmacksvielfalt erreichen. Wir variieren mit unseren Bieren so, dass wir sie geschmacklich unterschiedlich einbrauen können, aber eben immer unter Einhaltung des Reinheitsgebotes. Für uns ist das Tradition und Verpflichtung.
"Die Konsumenten wollen ein ehrliches Produkt und wissen, wo ihr Bier herkommt."
DHZ: Sollte man dabei nicht den Kunden entscheiden lassen?
Projahn: Ja sicher, es gibt ja auch schon Biere aus anderen Ländern. Letztendlich entscheidet ja der Kunde. Wir als private Brauer werden das aber nicht forcieren. Der überwiegende Teil der Kunden wird am Ende wieder zum normalen Konsumbier zurückkehren. Das ist dann Pils oder eine andere klassische Biersorte.
DHZ: Dennoch könnte dieser Markt eine Chance für Mittelständler sein, die ja auch den normalen Biermarkt bedienen und sich gegen große Konkurrenten abgrenzen müssen.
Projahn: Sicher, gerade der junge Konsument ist experimentierfreudig und erwartet von seiner regionalen Brauerei ein besonderes Geschmackserlebnis. Dabei darf man aber auf keinen Fall die Hauptmarken vernachlässigen. Das Tagesgeschäft mit den wichtigsten Sorten muss stehen. Dann hat man die Basis gelegt, um ein bisschen zu experimentieren.
DHZ: Haben Sie als Chef einer mittelständischen Brauerei das Gefühl, dass es eine Rückkehr zum Regionalen gibt, eine Abkehr vom Einheitsbier?
Projahn: Das ist schon zu verzeichnen. Zum Tag des deutschen Bieres hatten wir unsere Kunden zur Besichtigung eingeladen. Unsere Bauern für Hopfen und Braugerste und die Malzfabrik aus Erfurt waren ebenfalls vor Ort. Wir haben den Besuchern gezeigt, wie unser regionaler Wirtschaftskreislauf funktioniert. Die Leute waren begeistert. Manche wussten gar nicht, dass wir unsere Rohstoffe aus der Region beziehen. Wir haben zum Beispiel die verschiedenen Hopfensorten erklärt. Daran sieht man schon, dass die Konsumenten ein ehrliches Produkt wollen. Die wollen wissen, wo es herkommt.
DHZ: Ist das überall so?
Projahn: Es gibt ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Die regionalen Brauereien in Bayern und Baden-Württemberg etwa haben einen ganz anderen Stand als wir im Osten. Gerade in Ostdeutschland fällen ganz viele Leute ihre Kaufentscheidung noch nach dem Geldbeutel. Das macht uns hier am meisten zu schaffen. Der Unterschied zwischen dem, was sie regional eigentlich gerne kaufen würden, und dem, was sie im Einkaufswagen haben, ist sehr groß.
DHZ: Das heißt, viele Leute sind gar nicht so empfänglich für besondere Biere zu einem besonderen Preis?"Das Tagesgeschäft mit den wichtigsten Sorten muss stehen. Dann kann man experimentieren."
Projahn: Ein besonderes Bier würde man schon mal kaufen zum Probieren, aber nicht oft und nicht viel. Das Problem liegt noch woanders. Die großen Brauereikonzerne machen uns durch ihre Aktionspreise das Leben schwer. Der Aktionspreisanteil liegt laut der Gesellschaft für Konsumforschung bei über 75 Prozent im Jahr 2015. Drei Viertel der Kisten Bier wird unter 10 Euro verkauft. Nur jede Vierte zum Normalpreis.
DHZ Tippspiel zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich
Wird die deutsche Elf das Kunststück fertig bringen und nach dem WM-Titel auch den EM-Titel holen?
Es wird die größte Europameisterschaftsendrunde aller Zeiten: Erstmals nehmen 24 Teams teil, um am 10. Juli den silbernen Sieger-Pokal in den Pariser Nachthimmel zu stemmen, wobei es natürlich nur einen Sieger geben kann. Ganz anders beim großen EM-Tippspiel von Deutsche Handwerks Zeitung und handwerk magazin: Zusammen mit unseren Partnern verlosen wir Preise im Gesamtwert von 2.000 Euro.
DHZ: Sind das allgemeine Trends?
Projahn: Man muss immer differenzieren. Im Süden und im Westen ist es anders. Dort zählen die regionalen Biermarken mehr. Bei uns ändert sich das auch langsam, sonst würden wir ja auch nicht so viel verkaufen. Wir als Vereinsbrauerei Apolda verkaufen derzeit ungefähr 95.000 Hektoliter pro Jahr. Das ist auch nicht gerade wenig.
DHZ: Besteht die Gefahr, dass die Preispolitik der großen Braukonzerne kleinere, mittelständische Brauereien gefährdet?
Projahn: Ich bin mir sicher, wenn das mit den Aktionspreisen so weitergeht, machen sie eher solche Marken wie Radeberger und Wernesgrüner kaputt. Die Wertigkeit geht verloren. Diese Biere kauft schließlich keiner mehr zum Normalpreis. Die großen Biere sind außerdem alle flach und austauschbar. Die Leute wollen gerne etwas Regionales trinken, gerade auch wenn sie auf Reisen sind. Da haben wir unsere Chancen. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen und sagen, wir wollen im Konzert der Großen unbedingt mitspielen.
"Wir dürfen nicht den Fehler machen und sagen, wir wollen im Konzert der Großen mitspielen."
DHZ: Gibt es andere Gefahren?
Projahn: Wir haben ein Problem mit dem Leergut. Dadurch, dass große Brauereien alle ihre eigenen individualisierten Flaschen nutzen, haben wir sehr viele Fremdflaschen in unseren Kisten. Die regionalen Brauereien müssen diese Fremdflaschen kostenpflichtig entsorgen, weil sie sie ja nicht mit dem eigenen Bier befüllen können. Früher hatten alle Brauereien dieselben Flaschen in einem Mehrweg-Pool. Jeder konnte diese Flaschen nehmen, die Etiketten wurden abgelöst und es wurde neu etikettiert. Da werden leere Flaschen hunderte Kilometer durch Deutschland gefahren, weil dieser Mehrwegpool nicht mehr existiert. Außerdem kostet es uns im Jahr zwischen 60.000 bis 80.000 Euro zusätzlich.
DHZ: Gibt es denn auch Vorteile der kleinen Brauereien gegenüber den Braukonzernen?
Projahn: Ja sicher, sonst wären wir ja nicht mehr am Markt. Allein schon durch die Sortenvielfalt in der jeweiligen Region. Die großen Brauereien ziehen in dem Bereich zwar nach, indem sie alle ein Kellerbier, ein Helles und ein Weißbier auf den Markt bringen. Doch dafür fehlt ihnen letztlich die Kompetenz. Irgendwann nehmen sie diese Sorten auch wieder aus dem Programm. Das Helle trinkt der Verbraucher dann doch lieber von seiner regionalen Brauerei aus Franken oder sonst woher. Unser Vorteil ist, dass wir die Kompetenz für die Markenvielfalt und die Spezialitäten haben.
DHZ: Wo liegen weitere Stärken?
Projahn: Wir müssen den Leuten rüberbringen, dass wir regional stark sind, dass die Rohstoffe aus der Region sind, dass wir die Arbeitsplätze sichern und dass die Biersteuer im Land bleibt. Dann haben wir auch eine gute Chance zu überleben.
Private Brauereien Deutschland
Der Verband Private Brauereien ist der Vertreter der mittelständischen Brauwirtschaft. Der Verband tritt unter anderem ein für die Förderung regionaler Rohstoffe zur Bierherstellung ohne Gentechnik, das uneingeschränkte Bekenntnis zum Mehrwegsystem, engagiertern Einsatz für den Erhalt der Biervielfalt und Bierkultur. private-brauereien.de
Das Thema Bier in Ausstellungen
- "Bier. Braukunst und 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot", Technoseum Mannheim, bis 24. Juli
- Ausstellung mit Seiten aus dem frisch erschienenen Band „Bier. Alles über den Durst“, Münchner Initiative Comicaze, Bier- und Oktoberfestmuseum München, bis 31. Januar 2017
- Geschichte des „fünften Elements“ in Bayern und speziell die Brau- und Wirtshauskultur, Bauerngerätemusuem Ingolstadt, bis 10. Juli
- Bier.Macht.München, Stadtmuseum München, bis 8. Januar 2017
- Bier ist der Wein dieses Landes, Jüdisches Museum München, bis 8. Januar 2017
- "7.000 Jahre Bier und Wein", Museum Quintana in Künzing, bis 25. September
- "Bier in Bayern", Kloster Aldersbach im Passauer Land, bis 30. Oktober
- Ein Prosit der Erinnerung, Soldaten und ihre Bierkrüge, Bayerisches Armeemuseum in Ingolstadt, 5. Juli bis 30. Dezember