Interview "Wir brauchen ein unabhängiges Zahlungssystem"

Wer heute kontaktlos zahlt, nutzt fast immer US-Infrastruktur. Wird sie abgeschaltet, stehen Händler und Kunden ohne Alternative da. Der digitale Euro soll genau das verhindern – doch seine Einführung stockt. Finanzforscher Lars Hornuf erklärt, was hinter dem Projekt steckt und wann es so weit sein könnte

Lars Hornuf
Lars Hornuf ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen ­Uni­versität Dresden und Experte für Finanzwirtschaft und ­Finanztechnologie. - © Nils Eisfeld

Herr Professor Hornuf, brauchen wir den digitalen Euro überhaupt?

Lars Hornuf: Ja, auf jeden Fall. Das ist eine geopolitische Frage. Wir müssen uns unabhängig machen von Bezahlsystemen aus den USA und anderen Regionen. Mit dem digitalen Euro wird die Infrastruktur durch europäische Unternehmen bereitgestellt. Das ist ein wichtiger Punkt für die Sicherheit unseres Zahlungsverkehrs.

Droht dem digitalen Euro nicht ein ähnliches Schicksal wie Wero, ein Zahlungsmittel, dem die Akzeptanz fehlt?

Es gibt zwei wesentliche Argumente für den digitalen Euro. Erstens: Sie haben beim digitalen Euro eine Forderung gegenüber dem Eurosystem. Ich finde es wesentlich attraktiver, eine Forderung gegenüber der EZB zu haben als gegenüber einer Privatbank. Die Zentralbank ist immer in der Lage, Geld auszuzahlen – anders als eine Privatbank, wenn diese in Schwierigkeiten gerät. Bank Runs passieren immer wieder, zuletzt 2023 bei der Silicon Valley Bank. Das zweite Argument ist die gesetzliche Akzeptanz. Wero hat keine spezielle gesetzliche Grundlage. Der digitale Euro bekommt durch die EU-Kommission eine Rechtsgrundlage, die gerade im Gesetzgebungsprozess ist. Ursprünglich sollte er überall dort akzeptiert werden müssen, wo der Händler eine andere Karte annimmt.

"Die Kernidee ist, dass Sie zum Bäcker gehen und kontaktlos bezahlen."

Das klingt nach einer Pflicht, die auch für kleine Betriebe gilt?

Das wurde inzwischen leider verwässert. Aktuell soll es Ausnahmen für Kleinstunternehmen geben – bis zehn Mitarbeiter und zwei Millionen Euro Bilanzvolumen. Das macht den digitalen Euro wieder unattraktiver. Die Kernidee ist ja, dass Sie zum Bäcker gehen und kontaktlos mit Ihrer Uhr oder Ihrem Handy bezahlen können – und sich sicher sein können, dass es immer akzeptiert wird wie Bargeld.

Der digitale Euro soll auf den Euroraum beschränkt sein und nur bis 3.000 Euro funktionieren. Warum diese Grenzen?

Das ist eine Praktikabilitätsfrage. Wenn Sie unbegrenzt Geld im digitalen Euro parken könnten, würde jeder das tun, weil es sicherer ist als bei einer Privatbank. Das könnte zu Problemen im Bankensystem führen. Die Begrenzung hat auch mit der Offline-Funktionalität zu tun. Sie können mit dem digitalen Euro Geld auf Ihr Handy laden und dann offline zwischen zwei Personen zahlen, ohne dass ein Dritter mitbekommt, wie die Zahlung von A nach B gegangen ist. Das ist wie bei Bargeld – und da haben wir ja auch Grenzen, was Sie bar bezahlen können. Die 3.000 Euro sind auch eine Maßnahme gegen Geldwäsche.

Zwingt man die EZB damit nicht in eine falsche Rolle?

Nein, würde ich nicht sagen. Der digitale Euro soll genauso funktionieren wie physisches Zentralbankgeld, nur eben digital. Die Infrastruktur wird nicht von der EZB geschaffen – dafür hätte sie auch nicht die Kompetenz. Die EZB soll die Funktionsfähigkeit des Geldsystems gewährleisten, und genau das ist ihre Rolle. Wir wollen Unabhängigkeit von internationalen Akteuren außerhalb der EU.

"Mit einer in Europa geschaffenen Technologie sind wir von Ausfällen ausländischer Systeme unabhängig."

Sie sprechen von systemischer Sicherheit. Was meinen Sie damit konkret?

Wenn uns jemand die Zahlung mit Kreditkarten abschaltet, müssen wir in der Lage sein, auch im innereuropäischen Ausland zu zahlen. Stellen Sie sich vor, Sie sind in Spanien oder Griechenland im Urlaub und können nicht mehr bezahlen, weil ausländische Systeme nicht funktionieren. Mit einer in Europa geschaffenen Technologie sind wir davon unabhängig.

Was bietet der digitale Euro dem Verbraucher sonst noch?

Der große Vorteil ist die garantierte Akzeptanz durch die gesetzliche Grundlage. Die Technologie mit Banking-Apps und Near Field Communication ist heute schon weit verbreitet – gerade während Corona haben sogar viele Senioren angefangen, kontaktlos zu bezahlen. Aber es ist die Frage: Mit welchen Kosten ist das verbunden, und welche Risiken haben wir, wenn wir uns nur auf ausländische Systeme verlassen? Es wäre gut, wenn wir ein eigenes System in Europa hätten.

Wie hoch sind die Entwicklungskosten, und warum dauert die Einführung so lange? Es ist ja geplant, den digitalen Euro erst in drei Jahren einzuführen.

Das würde ich auch kritisieren. Wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir zu lange für die Entwicklung brauchen. In China ist die Central Bank Digital Currency e-CNY schon implementiert. Leider ist es technologisch nicht trivial. Die Frage ist: Gibt es die Möglichkeit, dass jemand das System hackt? Diese Herausforderungen müssen erst technisch gelöst werden und die EZB muss dafür mit Drittfirmen zusammenarbeiten.

"Möglicherweise brauchen Sie neue Endgeräte, die geleast oder sogar kostenfrei zur Verfügung gestellt werden können."

Wie würde die Nutzung konkret aussehen?

Es wird wohl eine Integration in die Banking-Apps geben, sodass Sie mit Near Field Communication bezahlen können. Aber die konkrete Technologie steht noch nicht zu 100 Prozent fest. Wir haben den Teamleiter des digitalen Euro-Projekts seit drei Jahren regelmäßig in unseren Vorlesungen. Im November 2025 wurde die Vorbereitungsphase abgeschlossen und im Sommer 2027 ist mit einer Pilotierung zu rechnen.

Müssen Unternehmen neue Geräte anschaffen?

Wahrscheinlich ja. Bei Peer-to-Peer-Zahlungen zwischen Personen funktioniert es über Smartphones. Aber bei Point-of-Sale-Terminals ist die Frage, ob Sie die so umprogrammieren können, dass der digitale Euro integriert werden kann. Möglicherweise brauchen Sie neue Endgeräte, die je nach Hersteller geleast oder sogar kostenfrei zur Verfügung gestellt werden können.

Wird der digitale Euro das Bargeld ersetzen?

Das sind immer langfristige und erratische Prozesse. Der digitale Euro wird das Bargeld nicht von einem Tag zum anderen verdrängen. Corona war ein externer Schock, der das kontaktlose Bezahlen massiv vorangetrieben hat – das konnte niemand vorhersehen. Aber ich finde, wir müssen solche Projekte umsetzen. Wir brauchen Visionen. Denken Sie an europäische Leuchtturmprojekte wie den Eurotunnel oder die Einführung des Euro. Ich stand damals um 0.05 Uhr am Geldautomaten und wollte sehen, ob tatsächlich Euro rauskommen – und es hat funktioniert. Wir brauchen solche Projekte, um zu zeigen, dass wir es können.

"Wir brauchen einen digitalen Euro, auch um zu zeigen, dass wir die Technologie selbst entwickeln können."

Der digitale Euro hat für Sie also auch einen ideellen Wert!?

Ja, würde ich schon sagen. Wenn Sie in Shanghai sind und mit WeChat Pay zahlen, funktioniert alles – im Taxi, an der U-Bahn, überall. Die Amerikaner haben die großen Kreditkartenfirmen. Und was haben wir? Wir versuchen, transeuropäische Systeme aufzusetzen, bislang mit wenig Erfolg. Deshalb würde ich dafür werben – trotz negativer Punkte wie der langen Entwicklungszeit. Wir brauchen einen digitalen Euro, auch um zu zeigen, dass wir die Technologie selbst entwickeln können.

Was ist mit dem Datenschutz? Wie groß ist die Gefahr von Datenmissbrauch?

Das wissen wir heute noch nicht endgültig, weil die Technologie noch nicht fertig ist. Aber der EZB ist bewusst, dass Datenschutz den Bürgern sehr wichtig ist. Niemandem ist daran gelegen, ein System zu haben, das Datenlecks generiert. Gleichzeitig muss man sagen: 100-prozentige Sicherheit gibt es nie. Das sehen wir auch bei Banken. Aber was ist die Alternative? Gar nicht mehr bezahlen zu können, weil die Amerikaner das Kreditkartensystem abschalten? Interessant ist übrigens: Laut einer aktuellen Umfrage machen sich vor allem die Deutschen Sorgen um den Datenschutz beim digitalen Euro. Spaniern und Italienern ist das relativ egal. Der Datenschutz scheint ein sehr deutschlandspezifisches Phänomen zu sein.