Mittelmeerinsel Malta "Wir beten um Wind"

Sie ist der kleinste Mitgliedstaat in der Europäischen Union. Eine größere Kirchendichte gibt es aber nirgendwo anders als auf Malta. Das Eiland im Mittelmeer mit seinen Schwestern Gozo und Comino bietet aber noch mehr: Kultur, Kulinarik und kristallklares Wasser. Von Patrick Choinowski

"Wir beten um Wind"

Mit der Fruchtbarkeit ist das so eine Sache auf Malta. Die heißen, trockenen Sommer erschweren es den Bauern, Landwirtschaft zu betreiben. Das ist allerorten zu sehen auf der kleinen Mittelmeerinsel. Karge Landschaften, wenig grün und viel Gestein soweit das Auge reicht. Dazu weht meist noch ein erfrischender Wind, der dem Besucher die heißen Temperaturen angenehm erscheinen lässt, den Bauern aber ein Dorn im Auge ist. Schließlich bläst der auch noch die wenigen Regenwolken weg, die sich zwischen Sizilien und Tunesien verirren.

Einige Bauern wie Rikardu hoffen dagegen auf Wind. "Wir beten darum." Der Wind ist sozusagen sein Kapital. Aber Rikardu tut sich mit solch einer Forderung auch leicht. Er ist Bauer und Restaurantinhaber auf Gozo, dem Eiland, das ob seinem vielen Grün gerne mit Irland verglichen wird. Zugegeben, ganz so grün ist Gozo nicht, aber immerhin fruchtbarer als die Hauptinsel Malta. Und davon profitiert Rikardu.

Alles aus Eigenproduktion

Unzählige weiße Förmchen hat er auf dem einfachen Holztisch in der dunklen, kleinen, aber gemütlich anmutenden Taverne platziert. In einem silbernen Topf schwimmt eine ebenso weiße Masse. Sieht aus wie Dickmilch und riecht, als ob sie von Schafen oder Ziegen kommen würde. Rikardu taucht die Förmchen in die dicke Masse ein, bis sie gut gefüllt sind. Eines nach dem anderen. Gemächlich macht er das, so wie die Gozitaner sind. Ricardu ist dabei seine Spezialität anzufertigen: eingelegten Schaf- und Ziegenkäse. "Alles ist aus Selbstproduktion. Ich habe 50 Tiere", sagt er stolz. Auch die roten, kleinen Chilischoten, die Tomaten und das Olivenöl stammen von seinem eigenen Hof.

Ohne Wind geht allerdings nichts. "Der Wind muss unter dem Dach die dicke Milch in den Förmchen trocknen", erklärt Rikardu. Ist das geschehen, wälzt er den Käse entweder in Pfeffer und Salz, gibt getrocknete Tomaten oder Chilischoten hinzu. Dann wird alles in einem Glas mit reichlich Olivenöl eingelegt. Selbst den Wein, den es zusammen mit frischen Tomaten, Kapern, Oliven und selbstgebackenem knusprigem Holzofenbrot zu dieser typisch maltesischen Brotzeit gibt, stammt aus Rikardus eigener Produktion.

Ja, es ist die Bodenständigkeit der Bewohner, die Gozo auszeichnet. Etwas grüner und vor allem ruhiger ist sie als die Hauptinsel Malta. Das heißt aber nicht, dass das Eiland nichts zu bieten hat: Zwar warten hier nicht 365 Kirchen auf den Besucher wie auf der großen Schwesterinsel, doch Gotteshäuser gibt es auch hier genug. Es ist die spektakuläre Küste und die Ruhe, die den Urlauber in ihren Bann ziehen. Vielfältige Aktivitäten bietet das Meer. Felsige Buchten, rote Sandstrände und kristallklares Wasser bieten den Raum zum Segeln, Schnorcheln, Tauchen und Fischen. Nicht fehlen darf natürlich das "Azure Window" — ein Felsbogen, durch den man auf das Meer hinausblicken kann. Für Taucher ist dieses Ressort eines der besten Reviere auf Gozo.

Nur 5 km ist die kleine Schwester von Malta entfernt. Mit der Fähre sind es nicht einmal ganz 30 Minuten. Doch trennen diese 30 Minuten gemächliches und pulsierendes Leben. Die Straßen auf Malta sind meist gesteckt voll. Kein Wunder, es gibt nicht viele Wege auf der 27 km langen und 15 km breiten Insel. Und die sind meist noch in schlechtem Zustand. Selbst in der Hauptstadt Valletta — UNESCO-Weltkulturerbe — ist manchmal Geländefahren angesagt.

Geschichte zwischen Orient und Okzident

Dafür besticht Malta durch sein kulturelles Erbe. Die Geschichte der Insel reicht mehr als 7000 Jahre zurück. Im Herzen des Mittelmeers gelegen, war Malta früher ein Zufluchtsort für Seefahrer. Heute stranden hier zahlreiche Flüchtlinge aus Nordafrika — ein Problem, mit dem der kleinste Mitgliedstaat der Europäischen Union nur schwer fertig wird. Als Urlauber bekommt man davon nichts mit. Man ist eher begeistert und fasziniert ob der schönen und gepflegten alten Städte. Ihre kulturelle Ausstrahlung verdanken diese den Rittern des Malteserordens. Aufgrund ihres Mutes erhielten die Ritter im Jahr 1530 den maltesischen Archipel von Kaiser Karl V. zum Geschenk. Die "Große Belagerung" Maltas von 1565 leitete schließlich den Untergang der osmanischen Herrschaft im Mittelmeer ein.

365 Kirchen sind bis heute auf Malta entstanden — sozusagen für jeden Tag eine. Nicht nur das verdeutlicht, dass die Insel sehr katholisch geprägt ist. Ein Erlebnis sind die so genannten "Festas". Der Dorfheilige wird dabei eine Woche lang gefeiert. Von zahlreichen Messen und Gebeten für den Schutzheiligen werden die Feierlichkeiten begleitet. Dessen Statue wird von jungen Männern durch das eigens und aufwendig geschmückte Ortszentrum auf Schultern getragen. Konfettiregen, Blasmusik und frenetischer Jubel der Dorfbewohner begleiten die Prozessionen. Höhepunkt und Abschluss eines jeden Kirchenfestes sind prunkvolle Feuerwerke, die nicht nur in den Abendstunden, sondern mancherorts auch schon mittags abgebrannt werden. Dann geht es übrigens überall laut zu – auf Malta und auch im beschaulichen und noch kleineren Gozo. Denn Feuerwerke sind für die Malteser ebenso wichtig wie die 365 Kirchen auf der Insel.