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Belastungen im Lebensmittelhandwerk Bäcker-Chef: "Systematische Zerstörung des Mittelstands"

Das Lebensmittelhandwerk hat auf der Internationalen Handwerksmesse starke Kritik an der Politik geübt. Die Sonntagsreden hätten mit der Realtität wenig zu tun. Bäckerpräsident Wippler spricht von einer systematischen Zerstörung des Mittelstandes.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Internationale Handwerksmesse

Die Entscheidung der Politik sei es, den Mittelstand systematisch zur zerstören, sagte Michael Wippler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, auf der Pressekonferenz der Lebensmittelhandwerke in München. "Die Handwerksbetriebe sind bereits über der Belastungsgrenze angekommen", sagte Wippler und spielte damit vor allem auf die bürokratischen Hürden - etwa bei den Dokumentationspflichten zum Mindestlohn - an. Wippler sieht für die Handwerksunternehmen zwei Möglichkeiten: "Entweder sie kümmern sich um Ihren handwerklichen Betrieb oder sie halten die Gesetze ein - beides zusammen geht nicht", so der Bäckerchef.

Wippler befürchtet, dass die bürokratischen Hürden für das Handwerk weiter steigen könnten - etwa im Zuge der neuen Datenschutzgrundverordnung, die im Mai 2018 in Kraft tritt. Ständiges Dokumentieren und Nachweisen könnte vielleicht die Industrie leisten, nicht aber das Handwerk, so Wippler.

Ein Dorn im Auge sind dem Bäckerpräsident auch die industriellen Betriebe, die mit handwerklichen Attributen werben. Gemeinsam mit der Verbraucherzentrale will sich der Verband für den Schutz des Begriffs Bäckerei als Betriebsstätte einsetzen.

Enorme Belastung durch EEG-Umlage

Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbandes, machte auf die enorme Belastung der Lebensmittelhandwerke durch die EEG-Umlage aufmerksam. Seit 2012 sei die EEG-Umlage um fast 90 Prozent gestiegen und damit maßgeblich für die vergleichsweise sehr hohen Strompreise in Deutschland verantwortlich. Ein Beispiel: Zahlte ein Handwerksbetrieb mit einem Jahresstromverbrauch von 1,3 Mio. kWh im Jahr 2003 noch 5.330 Euro EEG-Umlage, waren es 2016 bereits knapp 90.000 Euro. Zuzüglich Netzentgelten und sonstigen Steuern ergebe sich für den Betrieb pro Jahr ein sechsstelliger Betrag allein für Stromkosten.

"Die Schmerzgrenze für Betriebe ist überschritten", sagt Dohrmann, der einen verzerrten Wettbewerb wahrnimmt. Energieintensive Großverbraucher seien nämlich teilweise von der EEG-Umlage befreit und könnten deshalb ihre Tiefkühlprodukte auf dem deutschen Markt günstig anbieten. Davon profitiere auch der Lebensmitteleinzelhandel, der in direktem Wettbewerb zum Handwerk steht. "Betriebe des Handwerks müssten die teilweise Befreiung der Industrieunternehmen auch noch mitfinanzieren" sagte Dohrmann. Eine Reform zur Finanzierung der EEG-Umlage sei deshalb zwingend erforderlich.

Angriff der Dosenlobby

Detlef Projahn, Präsident des Verbands Private Brauereien, sieht für seine Branche ein bislang nicht funktionierendes Mehrwegsystem in Deutschland als großes Problem. Die "Dosenlobby" gewinne zunehmend an Einfluss auf dem Markt. Die Discounter würden die Dose wieder hoffähig machen und auch eine große Brauerei (Anm. d. Red.: Krombacher) habe erst kürzlich eine neue Dosenbefüllungsanlage in Betrieb genommen.

Projahn fordert eine Umkehrung des Trends hin zu mehr Mehrwegflaschen. Nach Vorstellung des Verbands Private Brauereien soll die Quote an Mehrwegflaschen bis 2021 auf 70 Prozent steigen. Davon würde nicht zuletzt die Umwelt profitieren, so Projahn.

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