"O’zapft is" in München und die Bayern hatten Großes vor für das erste Match zur Oktoberfestzeit gegen den 1. FC Nürnberg. Groß war es zwar nicht, was die Bayern zelebrierten. Dafür hat Louis van Gaal schon nach einem Spiel eine bessere Bilanz als Vorgänger Klinsmann. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Wies'n-Verbot von der eisernen Tulpe
Meisterbetrieb: Trockener Kapellmeister
"O’zapft is" in München und die Bayern hatten Großes vor für das erste Match zur Oktoberfestzeit am Samstag gegen den 1. FC Nürnberg: Es galt, die letztjährigen Wiesn-Blamagen gegen Bremen (2:5) und Bochum (3:3) mit einem Erfolg im bayerischen Derby vergessen zu machen. Das gelang einigermaßen, die Münchner setzten sich mit 2:1 durch, womit van Gaals Oktoberfestbilanz nach einem Spiel schon besser ist als jene von Vorgänger Klinsmann. Wer allerdings glaubt, die bajuwarischen Balltreter würden nun im Siegestaumel tagelang durch die Festzelte torkeln, sieht sich getäuscht: Der neue Kapellmeister des FC Bayern verlangt volle Konzentration auf die kommenden Englischen Wochen, was ihm selbst vermutlich am leichtesten fällt, schließlich ist van Gaal nach eigener Aussage "kein Biertrinker".
Ganz im Gegensatz zu jener Gruppe Rostocker Profis, die sich vergangene Woche einen bösen Fehltritt geleistet haben. Die Hansa-Kicker waren stockbesoffen durch einen für Fußgänger verbotenen Autotunnel gelaufen und hatten Schmählieder gesungen – gegen den eigenen Verein.
Umso schlauer van Gaals Schachzug, seinen Kickern ein Wiesn-Verbot aufzuerlegen. Denn auch in München ist ja der ein oder andere mit seiner Situation nur bedingt zufrieden. Man stelle sich nur einmal vor, die Herren Ribéry, Gomez, Klose und Toni volltrunken und zu Fuß am Mittleren Ring unterwegs und unentwegt beleidigende Gesänge gegen Holländer schmetternd – wäre doch irgendwie peinlich!
Gesellenstück: Erster Sieg für den Reiseleiter
In Köln haben sie auch einen neuen Trainer, doch der nette Herr Soldo ist der genaue Gegenentwurf zur eisernen Tulpe in München. Der Kroate wirkt immer wie ein Reiseleiter in Split oder Dubrovnik – unverbindlich, freundlich, aber definitiv nicht autoritär. Und wenn sich Profifußballer im Trainingslager eher vorkommen wie im Club Med, wundert man sich nicht, wenn sie in Punktspielen nur halbherzig in die Zweikämpfe gehen. Zumal, bei Schönwetterkickern wie FC-Neuzugang Maniche. Die Geißböcke waren schon drauf und dran, sich in ihr Schicksal zu fügen: Ein Wahnsinnsstartprogramm hat der Spielplaner den Rheinländern beschert. Und wenn dem Kölner Fußballer von außen seine Chancenlosigkeit eingeredet wird, braucht es nicht viel Überzeugungskraft. Also torkelte der FC von einer Pleite in die nächste.
Ausgerechnet gegen den VfB, Soldos früheren Klub als Spieler, platzte nun der Knoten beim bisherigen Schlusslicht, die Schwaben wurden in deren Stadion mit 2:0 besiegt und der Kölner Trainer konnte den Druck auf seinen Kumpel Markus Babbel abladen, mit dem er noch vor einigen Tagen dessen Geburtstag gefeiert hatte.
Auf dieses Geschenk hätte Babbel wohl gerne verzichtet, er war nach dem Spiel ziemlich bedient. Und damit stimmungsmäßig in einer Liga mit seinem Keeper Jens Lehmann, der mal wieder für ein besonderes Highlight sorgte, als er das 0:2 mit einem völlig verunglückten Ausflug verschuldete. Wilfried Sanou nutzte den Patzer des Torwarts mit einem Treffer aus 41-Metern und zeigte danach einen Mega-Flick-Flack. So was ist nichts mehr für Liga-Senior Lehmann, aber vielleicht macht er ja bald wenigstens eine Rolle rückwärts und verabschiedet sich von seinem Ziel, bei der WM 2010 im deutschen Tor zu stehen.
Erstes Lehrjahr: Von Pinguinen und Pleitegeiern
Mit dieser Einstellung braucht sich der Mensch nicht zu wundern, wenn um ihn herum die Umwelt zugrunde geht. Rapid Wiens Trainer Peter Pacult hatte auf den Plan der UEFA, in der neuen Europa League Torrichter einzusetzen, ziemlich respektlos reagiert: "Für mich sind es erst mal nur zwei Pinguine mehr auf dem Platz", sagte der frühere Münchner Löwe. Und das in Zeiten von Klimaerwärmung und Gletscher-Schmelze, wo man schon froh sein muss, wenn es in der Antarktis noch ein paar der putzigen Tierchen gibt.
Dabei gab es in der Bundesliga auch am Wochenende durchaus Torrichter-Bedarf: Etwa in München beim Wembley-Gedächtnis-Nicht-Tor von Mario Gomez. Oder auf Schalke, wo Kevin Kuranyis Versuch von Wolfsburgs Keeper Lenz unter Einsatz aller möglicher Körperteile irgendwie abgewehrt wurde und auch die Fernsehkameras nicht hundertprozentig Klarheit darüber bringen konnten, ob die wirren Bewegungen des Torwächters vor oder hinter der Linie stattfanden. "Aberwitzig", findet etwa "Wölfe"-Coach Veh, dass in der heutigen Zeit keine technischen Hilfsmittel bei der Beantwortung der Frage "Tor oder nicht" herangezogen werden dürfen.
Schalkes Trainer Felix Magath war nach der Pleite gegen seinen Ex-Verein so oder so auf Hundertachtzig und ließ seiner Wut nach dem Spiel freien Lauf. Zur umstrittenen Kuranyi-Szene blaffte er einen Fernsehmoderator an: "Ich kann nicht sagen, ob er drin war, aber wenn sie behaupten, dass er nicht drin war, dann war er nicht drin." Und zum Defensivverhalten seiner Mannschaft beim 1:0 für die Wölfe giftete er: "Wir haben uns angestellt wie in der Regionalliga."
Die Laune in Gelsenkirchen ist im Keller, was nicht nur an der allenfalls mittelmäßigen sportlichen Bilanz, sondern vor allem am Kassenstand liegt. Der Pleitegeier, einst Stammgast in Dortmund, ist ein paar Kilometer weiter gezogen und bedroht nun die Königsblauen. Also schnell das Dach der heimischen Arena zumachen, bevor das Federvieh zum Sinkflug ansetzt. Und keine Angst vor dem Torrichter-Pinguin, der hat mit finanziellen Problemen nämlich gar nichts zu tun.
Zwei linke Hände: Ende einer Leidenszeit
Im Umfeld des VfL Bochum konnten es einige gar nicht erwarten, Marcel Koller endlich loszuwerden. Schon ein paar Stunden vor der offiziellen Trennung war der Rauswurf vorübergehend auf der offiziellen Vereinshomepage zu lesen. Die moderne Kommunikation hat eben auch ihre Tücken, im Zeitalter von Twitter, Facebook und MySpace ist manchmal zwischen offiziell und inoffiziell, Spekulation und Vollzug, nicht mehr zu unterscheiden. Fest steht, dass die Erleichterung in Bochum nach dem am Sonntagabend endgültig besiegelten Ende der Ära Koller groß ist. Und das obwohl der Schweizer Trainer den Ruhrpott-Klub in den letzten drei Jahren im Oberhaus gehalten und in der Saison 2006/07 mit Rang acht die drittbeste Platzierung in der Bundesligageschichte erreicht hatte. Aber Fußball ist Tagesgeschäft und in diesem war der Verein für Leibesübungen zuletzt nicht gerade ein Synonym für Erfolg, Party und Glück. Das schrieben die Fans vor allem dem Coach zu, bei der 2:3-Pleite am Samstag gegen Mainz, die letztlich Kollers Schicksal besiegelte, waren die Anhänger mehr mit diversen Protestkundgebungen gegen den Übungsleiter beschäftigt als mit der Anfeuerung der eigenen Lieblinge. Da kann dann die Entlassung auch mal wie eine Erlösung wirken – und die Abfindung wie ein schönes Schmerzensgeld. Aber das wird Koller kaum ins Internet schreiben, noch nicht mal vorübergehend.
