Von der Bäckerei bis zur Kfz-Werkstatt: In sieben Handwerksbetrieben der JVA Dresden können Insassen freiwillig unter der Regie erfahrener Meister arbeiten und teils einen Abschluss erwerben. Immer wieder zählen Azubis aus der JVA zu den Jahrgangsbesten. Einblicke in die verborgene Welt hinter Gittern.

Ins Gefängnis zu kommen, kann ganz schnell gehen. Ohne Banküberfall oder eine andere Straftat. Ein paar Telefonate, dann bekommt der Gast an der Pforte Personalausweis, Smartphone und Autoschlüssel abgenommen und schon öffnet sich die Schleuse in eine Welt, deren Innenleben sich der Öffentlichkeit entzieht. Abgeschottet hinter sechs Meter hohen Mauern regen sich auch in dieser tristen Umgebung handwerkliche Tätigkeiten. Ihren Spuren möchte der Reporter folgen.
Durch hohe Flure ohne Tageslicht geht es in der Justizvollzugsanstalt Dresden zur Backstube, wo sich gegen 9 Uhr die Schicht ihrem Ende nähert. Die meisten der rund 1.500 Brötchen und 660 Brote sind bereits auf dem Weg nach Bautzen, Görlitz, Torgau, Waldheim oder Zeithain. "Wir backen fast ausschließlich für den Eigenbetrieb und versorgen andere sächsische Gefängnisse mit unseren Backwaren", erklärt Bäckermeister Daniel Gerlach, während die Gefangenen aufräumen und putzen. Gespräche mit ihnen sind dem Reporter untersagt, zum Schutz der Insassen und ihrer Familien draußen, wie es heißt.
Keine Pflicht zur Arbeit
Von der Anhöhe des Hellers im Dresdner Norden aus betrachtet, wirkt die Justizvollzugsanstalt (JVA) wie ein graubrauner Monolith. Eine Blackbox, in deren Inneren sich 420 Justizbedienstete um rund 720 Gefangene aus 50 Nationen kümmern. Der Ausländeranteil liegt bei rund 40 Prozent, der Altersdurchschnitt bei 35 Jahren. "Ein Drittel der Insassen hat keinen Schulabschluss. Bei Berufsabschlüssen sieht die Quote noch schlechter aus", erklärt JVA-Sprecherin Anja Rücker. Aber Arbeitsplätze während der Haft sind unter den Gefangenen begehrt, obwohl es für sie in Sachsen keine Arbeitspflicht gibt.
In der JVA Dresden können sich die Männer um Jobs in sieben Handwerksbetrieben bemühen. Neben der Bäckerei gibt es eine Fleischerei, eine Tischlerei, eine Polsterei und eine Wäscherei sowie einen Metallbaubetrieb und eine Kfz-Werkstatt. Einige bilden aus, besonders erfolgreich die Bäckerei, in der im Jahr 2022 mehr Auszubildende den Bäckerberuf erlernt haben als in der gesamten Stadt Dresden, berichtet Daniel Gerlach nicht ohne Stolz. Seine Schützlinge gehören regelmäßig zu den Jahrgangsbesten, haben sogar schon im praktischen Leistungswettbewerb gewonnen.
Hinter Gittern zum Gesellenbrief

Die Gründe für die gute Ausbildungsbilanz sieht Gerlach in der persönlichen Eins-zu-Eins-Betreuung der Azubis, die in einer im freien Wettbewerb stehenden Bäckerei nur schwer durchzuhalten sei. "Außerdem sind unsere Lehrlinge meist schon etwas älter, haben mehr Lebenserfahrung als die Schulabgänger draußen", erklärt Gerlach. Und Anja Rücker ergänzt: "Die Gefangenen kennen das Scheitern, wissen um die Probleme in einem Leben ohne Berufsabschluss. Das stärkt ihre Motivation."
Wichtig für eine erfolgreiche Ausbildung im geschlossenen Vollzug sei eine ausreichend lange Haftzeit, da die Fortsetzung der Lehre nach einer Entlassung meist scheitert. Ausnahmen sind die Fachkraft für Metalltechnik und Gebäudereiniger, deren Ausbildung modular aufgebaut ist und jedes Modul mit einem Zertifikat abschließt. Die Bäckerausbildung in der JVA Dresden dauert zwei Jahre, da es sich um eine Umschulung handelt. Auf fachfremde Fächer wie Sprache oder Sport wird verzichtet. Auch das erleichtert den Weg zum Gesellenbrief.
Baustein für Resozialisierung
Handwerk hinter Gittern gehört in allen deutschen Gefängnissen zum Alltag – als wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Resozialisierung nach der Haft. Das wurde auch zur diesjährigen Internationalen Handwerksmesse in München deutlich. Unter dem Motto "Zukunft gestalten" präsentierte die bayerische Justiz in der Sonderschau Exempla ihre Angebote am Beispiel der JVA Neuburg-Herrenwörth.
Insgesamt wurden in Bayern in den vergangenen zehn Jahren mehr als 51,3 Millionen Euro in neue Arbeitsbetriebe, die Sanierung bestehender Betriebe und in moderne Maschinen investiert. Für Justizminister Georg Eisenreich ist das gut angelegtes Geld. "Struktur im Alltag und eine abgeschlossene Berufsausbildung verbessern die Chancen auf ein straffreies Leben außerhalb der Gefängnismauern", sagte der CSU-Politiker bei seinem Besuch auf der Messe.
Drogenfrei zum Job
In der JVA Dresden verantwortet Annette Grimmer den reibungslosen Ablauf in den Betrieben. Sie achtet auf Arbeitsschutz und kümmert sich um Personalfragen. Will ein Gefangener handwerklich aktiv werden, muss sie das befürworten. "Nur wer suchtmittelfrei ist, darf arbeiten. Außerdem darf keine Suizid- oder Fremdgefahr von ihm ausgehen", umreißt die Leiterin für Betriebswesen die wichtigsten Kriterien. Von Vorteil sind berufliche Erfahrungen und Sprachkenntnisse. Die Arbeitszeiten sind streng reguliert. Jedem Gefangenen steht eine Stunde Hofgang pro Tag zu und die Teilnahme an Gruppentherapien.
Bei der Frage nach dem Lohn wird es kompliziert. Aktuell würden die Gefangenen mit 15 bis 18 Euro pro Tag vergütet, unterteilt in sechs Lohngruppen. Aber nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2023 müssen die Länder die Arbeit der Strafgefangenen, die zudem nicht sozialversichert sind, besser bezahlen. In Sachsen steht eine Neuregelung noch aus. Bargeld bekommen die Gefangenen ohnehin nicht auf die Hand, stellt Anja Rücker klar. Ein Großteil des Arbeitsentgelts muss angespart werden, um etwa Schulden zu tilgen, Überbrückungsgeld für die Zeit nach der Entlassung aufzubauen oder zum Unterhalt beizutragen. Die Haftkosten pro Gefangenen beliefen sich in der JVA Dresden im Jahr 2024 auf 132 Euro am Tag, Investitionen nicht mitgerechnet.

Zum Tüv ins Gefängnis
Als coolster Job im Knast gilt unter den Gefangenen ein Arbeitsplatz im Kfz-Betrieb. "Wer bei uns drei Tage unentschuldigt fehlt, fliegt raus", stellt Werkstattleiter Jan Kremser klar. Zusammen mit sieben bis acht Gefangenen, einem weiteren Kfz-Meister und einer Bürokraft stemmt das Team rund 1.000 Aufträge pro Jahr. 20 Prozent für die Behörde, 30 Prozent für Mitarbeiter und rund die Hälfte für Privatkunden.
Wer sein Auto im Gefängnis reparieren lassen möchte, kann über den Gitterladen, den Online-Shop der sächsischen Justizvollzugsanstalten, Kontakt mit der Werkstatt aufnehmen und erhält einen Kostenvoranschlag. Die Übergabe des Fahrzeugs läuft hingegen kontaktlos. Schlüssel und Papiere kommen in den Nachtbriefkasten. Ansonsten unterscheidet sich das Angebot der Gittergarage kaum von einer freien Kfz-Werkstatt. "Wir übernehmen Inspektions- und Wartungsarbeiten an Fahrzeugen bis zu einem Gesamtgewicht von fünf Tonnen verschiedenster Marken, inklusive Eintrag ins digitale Serviceheft", erklärt Jan Kremser. Zum Angebot gehören auch Haupt- und Abgasuntersuchungen sowie die Einlagerung von Rädern. "Aber da stoßen wir gerade an unsere Kapazitätsgrenze", tritt der Kfz-Meister auf die Bremse.
Christstollen für den Gitterladen
Im vergangenen Herbst hatte auch die Bäckerei ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Denn das Weihnachtsgebäck aus der JVA ging im Gitterladen weg wie warme Semmeln. Die rund 15.000 kiloschweren Stollen, dazu noch 5.000 kleinere Exemplare, haben Bäckermeister Daniel Gerlach, drei Gesellen und sieben bis zwölf ungelernte Gefangene nur mit personeller Verstärkung und zusätzlichen Schichten stemmen können. Fast wie im richtigen Leben, wie in jeder anderen Bäckerei jenseits der Gefängnismauern, in der zur Vorweihnachtszeit die beliebten Dresdner Christstollen die Öfen zum Glühen und die Bäcker ins Schwitzen bringen.
Zum Feierabend geht es für die Gefangenen zurück in die Zelle. Einzelhaftraum im Justizjargon. Elf Quadratmeter Privatsphäre, ausgestattet mit Bett, Schrank, Stuhl, Schreibtisch und Bücherbord sowie einem separaten Nasstrakt mit Waschbecken und Toilette. So schnell wie der Reporter ins Gefängnis gekommen ist, möchte er nun auch wieder hinaus. Dorthin, wo nicht nur die Gedanken frei sind.