Kolumne Wie Sie bei Konflikten mit Azubis richtig reagieren

An einem Freitagnachmittag geraten eine Auszubildende und ihr Ausbilder aneinander. Ein Streit, der hätte vermieden werden können – oder zumindest besser gelöst.

Gastautor Peter Braune

Ein Konflikt entsteht häufig dann, wenn die Motive und Sichtweisen des Gegenüber im Dunkeln bleiben oder nicht verstanden werden. - © blacksalmon - stock.adobe.com

Auf dem Weg zur bestandenen Abschlussprüfung lauern etliche Stolpersteine, denn die Interessen der Ausbildenden und Auszubildenden sind manchmal unvereinbar. Das musste auch ein Raumausstatter feststellen, der versucht hat, eine junge Frau zur Raumausstatterin auszubilden. Er erhoffte sich eine erfolgreiche und befriedigende Ausbildungszeit. Mit Beginn der Ausbildung waren seine Erwartungen groß. Das Miteinander im betrieblichen Alltag brachte dann jedoch so manchen Konflikt mit sich. Da deckten sich die beiderseitigen Vorstellungen von den Rechten und Pflichten aus dem Ausbildungsvertrag nicht mehr so ganz. Häufig beruhten die Konflikte auf einem Missverständnis oder Unverständnis.

Der Konflikt

An einem Freitagnachmittag kam es schließlich zum großen Knall. Da waren der Geselle und die 18-jährige Auszubildende noch in einem Privathaushalt beschäftigt. In einem Zimmer sollte noch eine Wand tapeziert werden. Durch das aufwändige Muster der Tapete kam es allerdings zu unvorhergesehenen Schwierigkeiten. Es wurde klar, dass die beiden diese Arbeit nicht in der regulären Arbeitszeit ausführen konnten. Der Chef kam hinzu und entschied, dass hier ein paar Überstunden notwendig waren, weil er der Kundin die Fertigstellung an diesem Freitag zugesichert hatte. Die Auszubildende hatte jedoch eine wichtige private Verabredung. Sie war nicht bereit länger zu bleiben. So entstand ein Konflikt.

Warum es soweit kam

Ich denke, das Hauptproblem im Umgang mit so einem Konflikt ist, dass zu wenig miteinander darüber geredet wird, was in den Beteiligten vorgeht oder sie wirklich wollen. Die Motive und Sichtweisen bleiben im Dunkeln oder werden nicht verstanden. Die Hintergründe für das Verhalten werden nicht klar. Der eine ordnet, ohne eine ausreichende Erklärung, die Überstunden an. Er fragt seine Auszubildende nicht nach ihren zeitlichen Möglichkeiten. Die junge Frau erklärt sich auch nicht ausreichend. Sie sagt nur, dass sie heute nicht länger bleiben kann. Der Chef versäumte es, der Auszubildenden zu erläutern, unter welchem wirtschaftlichen und betrieblichen Druck er als Unternehmer steht und wie wichtig die einzelnen Aufträge für ihn sind. Die junge Frau hingegen erklärt nicht, was sie nach der regulären Arbeitszeit vorhat und wie dringend der private Termin für sie ist.

Ohne die Kenntnis des Konflikthintergrundes macht man sich leicht ein falsches Bild von seinem Gegenüber. Der Chef hatte keine Kenntnis von den privaten Sorgen seiner Auszubildenden. Daher hat er sich ein falsches Bild von ihr gemacht. Er unterstellt ihr eine gewisse Lustlosigkeit und vermutet Arbeitsunwillen. Die Auszubildende hatte den Termindruck vom Chef nicht wahrgenommen. Sie war sauer auf ihn, ohne ihn richtig verstanden zu haben.

Die Lösung

Vielen Menschen fällt es schwer, die eigenen Gefühle, Erwartungen und Interessen auszudrücken. Dementsprechend war es offenbar auch für die Auszubildende nicht möglich, zu erklären, wie wichtig die Verabredung mit ihrer Freundin in der gegenwärtigen Beziehungskrise für ist. Auf der anderen Seite spricht der Chef ebenfalls nicht über Zusammenhänge, die für ihn von großer Bedeutung sind.

Ein positives Betriebsklima erhöht die Leistungsbereitschaft und Motivation. Nach so einer Situation könnte der Chef, den Gesellen und die Auszubildende, zum Ausgleich für die Überstunden, zu einer Pizza einladen. Diese freundliche Geste würde eine wohlwollende Atmosphäre schaffen und ist förderlich für ein gutes Betriebsklima.

Vom gegenseitigen Geben und Nehmen haben alle etwas. Der Chef hätte die junge Frau auch darauf hinweisen können, dass sie mehrfach, an vergangenen Freitagen, als nicht so viel zu tun war, früher nach Hause gehen durfte. Ein Wechsel des Standpunktes, bei dem man versucht, sich in die Gefühlswelt der anderen Menschen hineinzuversetzen, ist ein geeignetes Werkzeug für einen zielführenden Umgang mit den Konflikten. Dabei ist es eigentlich ganz einfach überhaupt nicht erst in so eine Situation hinein zu schlittern. Die regelmäßigen Ausbildungsgespräche sind hier ein wichtiges Instrument. Der enge Kontakt im Verhältnis zwischen den Ausbildungsverantwortlichen und Auszubildenden und eine entscheidende Bedingung für deren Motivation.

Handwerkskammern bieten Unterstützung

Auch die Ausbildungsberater der Handwerkskammer helfen bei der Vermittlung oder Problemlösung. Wenn etwas in der Ausbildung schiefläuft, sind sie die Fachleute in allen Angelegenheiten und sollten als erste angesprochen werden. Sie kennen die Konfliktstrukturen und Lösungswege. Durch ihre Neutralität sind sie meist in der Lage, die Wogen zu glätten. Wenn es einmal ganz kritisch wird, sind Sie mit den rechtlichen Gegebenheiten vertraut.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.