Zwischen Drill-Instructor und Softie Wie Sie als Chef Respekt gewinnen, ohne autoritär aufzutreten

Respektvoll führen – ohne Lautstärke und Macho-Gehabe. So gewinnen Sie als Handwerkschef Vertrauen, bleiben souverän und holen das Beste aus Ihrem Team raus.

Chef schreit
Wer nur laut wird, verliert – Respekt entsteht nicht durch Schreien, sondern durch Haltung. - © deagreez - stock.adobe.com

"Respektvoll im Beruf zu führen ist mehr als nur 'Ja und Amen' sagen oder das von seinen Teammitgliedern zu erwarten", erklärt Ulrich F. Schübel vom Institut für Diversity Management. Er verrät, wie Handwerkschefs Respekt gewinnen, Ihre Leute motivieren und ganz nebenbei den Betrieb auf Zack bringen.

Es gehe darum, die Fähigkeiten, Meinungen und die Persönlichkeit jedes Einzelnen im Team anzuerkennen. Das zeigt sich im Alltag durch einen wertschätzenden Ton, fairen Umgang und gleiche Chancen für alle. Das sorgt für Vertrauen und psychologische Sicherheit im Team, was wiederum Kreativität und gute Zusammenarbeit fördert. In der Praxis zeigt sich: Betriebe, in denen respektvoll miteinander umgegangen wird, haben weniger Kündigungen, zufriedenere Beschäftigte und bessere Ergebnisse.

Warum Chefs manchmal Respekt mit Gehorsam verwechseln

Viele Chefs tun sich schwer damit, Respekt zu geben wie auch zu bekommen, ohne gleich entweder wie ein Drill-Instructor und auf der anderen Seite wie ein Softie rüberzukommen. Der Grund? "Manche haben Angst, ihre Autorität zu verlieren, wenn sie offen, nahbar oder empathisch sind", so der Experte. Er betont: Respekt kannst du nicht einfordern, den musst du dir verdienen. Das gelingt durch konsequentes, authentisches Verhalten und offene Kommunikation. Er rät, auf Feedback und Gespräche zu setzen, statt auf Einschüchterung. Letzteres führt möglicherweise zu Gehorsam, verhindert aber auch, dass neben der eigenen andere, ebenfalls sachlich und fachlich möglicherweise relevante Sichtweisen thematisiert werden

Was die eigenen Leute wirklich brauchen: Die Grundbedürfnisse im Blick

Damit das Team richtig Gas geben kann, müssen ein paar grundlegende Dinge stimmen. Schübel nennt fünf Punkte:

  • Autonomie: Die Leute wollen mitentscheiden und mitgestalten können.
  • Kompetenz: Sie wollen sich weiterentwickeln und für ihre Arbeit anerkannt werden.
  • Soziale Eingebundenheit: Zugehörigkeit und Wertschätzung sind sehr wichtig.
  • Sicherheit: Klare Strukturen und Zukunftsaussichten geben Halt.
  • Sinn: Die Arbeit soll einen Sinn machen und Erfolgserlebnisse bringen.

Wer das berücksichtigt, hat motivierte, engagierte und zufriedene Mitarbeiter. "Studien zeigen, dass solche Teams innovativer und loyaler sind", weiß Schübel. Das zahlt sich auch finanziell aus.

Handwerk ist anders: Nähe und Herausforderungen

Im Handwerk gibt es oft familiäre Strukturen, flache Hierarchien und eine persönliche Nähe. "Oft ist der Chef oder die Chefin nicht nur die Führungskraft, sondern auch Teammitglied oder sogar Familie", so Schübel. Das kann super für den Zusammenhalt sein, aber auch zu Problemen führen, wenn Rollen unklar sind oder Kritik unausgesprochen bleibt. "Erfolgreiche Führung im Handwerk heißt, Nähe mit klaren Regeln, Wertschätzung mit Konsequenz und Tradition mit Offenheit zu verbinden", fasst Schübel zusammen.

Typische Denkfallen: Das solltest du als Chef vermeiden

Manchmal tappen Chefs in typische Fallen. Schübel warnt davor:

"Diese Denkfehler führen zu Demotivation, Unsicherheit und Konflikten im Team", so Schübel.

Generationen-Mix: Wie ticken Azubis, Gesellen und "alte Hasen"?

Schübel gibt Entwarnung: "Die vielbeschworenen Generationskonflikte sind oft kleiner, als man denkt." Jüngere Mitarbeiter wünschen sich zwar tendenziell mehr Mitspracherecht und Flexibilität, Feedback und Sinn in ihrer Arbeit, aber auch klare Strukturen und einen wertschätzenden Umgang mit Vielfalt. Ältere Kollegen sind oft noch an klassische Hierarchien und traditionelle Werte gewöhnt. Schübel meint: "Erfolgreich sind generationenübergreifende Teams, wenn gegenseitiger Respekt und Lernbereitschaft gefördert werden." Wichtig ist, die unterschiedlichen Erwartungen zu kennen und Brücken zu bauen, zum Beispiel durch Mentoring-Tandems.

Führung nach Maß: Azubi, Geselle, Profi – jeder ist anders

Egal ob Azubi, Geselle oder langjähriger Mitarbeiter – Wertschätzung und ein stärkenorientierter Blick sind das A und O. Trotzdem gibt es feine Unterschiede:

  • Azubis: Brauchen oft mehr Orientierung, Struktur und Geduld.
  • Gesellen: Sollten konsequent in Entscheidungen eingebunden und bei ihrer Entwicklung unterstützt werden.
  • Langjährige Mitarbeiter: Erwarten Wertschätzung für ihre Erfahrung und das Gefühl, kein "altes Eisen", sondern "Edelstahl" zu sein.

"Eine differenzierte, individuelle Führung fördert am Ende Motivation, Bindung und Leistungsbereitschaft in allen Gruppen", resümiert Schübel.

Erwartungen klar kommunizieren – ohne Brüllen

Klare Kommunikation gelingt durch Ich-Botschaften ("Mir ist wichtig, dass ..."), Arbeitsaufträge und Ziele, die analog dem S.M.A.R.T.-Prinzip (spezifisch, messbar, annehmbar und attraktiv, realistisch, terminiert) formuliert sind, und einen dialogischen Kommunikationsstil. Erwartungen sollten transparent, nachvollziehbar und begründet vermittelt werden. Statt lediglich Anweisungen zu geben, können Führungskräfte Fragen stellen ("Wie sehen Sie das?" oder "Vielleicht haben Sie ja noch eine andere Idee, wie wir das angehen können?") und Mitarbeitende einbeziehen.  "Wertschätzende Sprache, aktives Zuhören und die Bereitschaft zu Feedback schaffen Akzeptanz und Eigenverantwortung", so Schübel.

Beispiele für eine respektvolle, aber bestimmte Kommunikation

Respektvolle Kommunikation ist klar, wertschätzend und lösungsorientiert. Beispiele dafür sind Formulierungen wie:
"Aus meiner Sicht ist für dieses Projekt folgende Vorgehensweise sinnvoll: […] Sehen Sie eine Alternative dazu?"
Oder: "Könnten Sie bitte den Bericht bis Freitag fertigstellen? Das hilft uns, den Zeitplan einzuhalten. Wäre das für Sie machbar?"

Auch Kritik sollte stets konstruktiv und respektvoll formuliert sein, zum Beispiel:
"Mir ist aufgefallen, dass […] – wie können wir das gemeinsam verbessern?"

Ebenso zentral ist, wie Anerkennung ausgesprochen wird:
"Ihr Einsatz gestern war klasse – vielen Dank, das war wirklich stark, wie Sie sich eingebracht haben."

Wichtig dabei: Kritik sollte sich immer auf das Verhalten beziehen – nie auf die Person.

Grenzen setzen ohne laut zu werden: Souveränität im Alltag

"Grenzen setzt man am besten ruhig und klar", sagt Schübel. Benenne Konsequenzen, aber bleibe sachlich. Wichtig ist auch die Selbstkontrolle: Atme tief durch, wenn es mal hoch hergeht, oder verschiebe das Gespräch, wenn die Emotionen kochen.

Grenzen setzen gelingt durch ruhige, klare Kommunikation und das Benennen von Konsequenzen, etwa: "Wenn das so nicht klappt, müssen wir …"

Ebenso wichtig ist eine deeskalierende Sprache, zum Beispiel mit Ich-Botschaften: "Ich verstehe bzw. respektiere Ihre Sichtweise, allerdings …"

Entscheidend dabei ist eine gelungene Selbstkontrolle: Kritik sollte sich auf die Sache oder das Verhalten beziehen – ohne persönlich zu werden. Auch bewusst gesetzte Gesprächspausen oder das Verschieben eines Gesprächs bei hoher Emotionalität können helfen, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Studien zeigen: Führungskräfte, die ruhig, klar und gleichzeitig wertschätzend kommunizieren, werden als deutlich respektvoller wahrgenommen als laute oder impulsive Vorgesetzte.

Was wenn man wiederholt nicht respektiert wird?

Wichtig sind eine direkte Ansprache, reflektiertes Vorgehen und das Ergründen möglicher Hintergründe oder Ursachen – sowie das Setzen klarer Grenzen.
Das Verhalten sollte konkret benannt werden, etwa mit Formulierungen wie:
"Mir ist aufgefallen, dass …" oder "Mich stört, wenn …"

Anschließend sollte nach möglichen Gründen gefragt werden. Was zunächst respektlos wirkt, kann seine Ursache auch in Überforderung, Missverständnissen oder privaten Belastungen haben.
An dieser Stelle Unterstützung anzubieten, kann helfen, ungünstige Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Wiederholt sich das Fehlverhalten jedoch, sollte es konsequent thematisiert und gegebenenfalls mit klaren Maßnahmen beantwortet werden.

Die Macht der nonverbalen Kommunikation: Dein Körper spricht Bände

"Körpersprache macht einen Großteil unserer Wirkung aus", betont Schübel. Eine offene Haltung, Blickkontakt und ein freundlicher Ton signalisieren Respekt. Augenrollen oder verschränkte Arme wirken hingegen abwertend. Gerade in Konfliktsituationen ist bewusste Körpersprache entscheidend, um Eskalationen zu vermeiden.

Das Selbstbild als Chef: Der Spiegel der eigenen Führung

Das Selbstbild beeinflusst maßgeblich, wie man führt. Wer ein stabiles, positives Selbstbild hat, tritt authentischer und gelassener auf. Das verhindert übermäßige Strenge oder Konfliktvermeidung. "Regelmäßiges Feedback und Selbstreflexion helfen dabei, ein realistisches Bild von sich selbst zu bekommen und so die eigene Wirkung zu verbessern", erklärt Schübel.

Rituale und Feedback: So wird Respekt zur Betriebsregel

Wie fördert man eine respektvolle Kultur im Alltag? Schübel hat ein paar Ideen:

  • Wöchentliche Austauschrunden: Kurz, knackig und wertschätzend.
  • Regelmäßige Teammeetings: Alle auf dem gleichen Stand.
  • Feedbacktage: Offene Gespräche über Leistungen und Zusammenarbeit.
  • Gemeinsame Pausen oder Events: Stärkt den Zusammenhalt.
  • Klare Teamregeln: Schafft Verlässlichkeit.
  • Feiern von Erfolgen: Zeigt Anerkennung und stärkt die Identifikation.

Um die eigene Wirkung zu checken, empfiehlt Schübel Feedback-Formate wie Aufwärtsbeurteilungen, bei denen Beschäftigte ihre Vorgesetzten beurteilen oder kurze anonyme Umfragen. Wichtig ist: Sei offen für Kritik und setze Verbesserungen sichtbar um.

Ulrich F. Schübel studierte Psychologie und Jura und gründete nach Tätigkeit in einer mittelständischen Unternehmensberatung und als Wissenschaftler an einem betriebswirtschaftlichen Forschungsinstitut an der TU Kaiserslautern die beiden Beratungsunternehmen IVUT und Institut für Diversity Management. Er gestaltet mit seinem Team Veränderungsprozesse und begleitet Organisationen beim Aufbau betrieblicher Gesundheitsmanagementsysteme und beim gelingenden Umgang mit personeller Vielfalt.