Lange suchte Markus Protze vergeblich nach Fachkräften – bis er zwei Menschen mit Behinderungen einstellte. Mithilfe des Inklusionsansatzes "Job Carving" passte er die Aufgaben an die Stärken der Mitarbeitenden an, statt umgekehrt. Ein Modell, das auch anderen Betrieben neue Chancen eröffnet – und für das sie Unterstützung erhalten können.

Zeitungsannoncen, Anzeigen in Werbeblättchen, Social-Media-Kampagnen – doch nichts davon brachte Markus Protze den passenden Bewerber. Er ist Geschäftsführer der Schreinerei Protze GmbH, einem Schreinerbetrieb in Bubenreuth bei Erlangen in Bayern. Schon vor einigen Jahren hat er sich Gedanken um seine Mitarbeitersituation gemacht. Ab der Corona-Zeit wurde ihm allmählich bewusst: Mit den Babyboomern, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, geht ein großes Potenzial auf dem Mitarbeitermarkt verloren.
Eine Stellenausschreibung bei der Bundesagentur für Arbeit brachte Protze knapp 70 Vorschläge von Menschen, die Arbeit suchen. "Von denen haben sich sage und schreibe drei gemeldet. Und von den dreien ist eigentlich keiner für uns infrage gekommen", erinnert sich der Inhaber. Als auch dieser Versuch weiter ernüchterte, wusste Protze, dass er etwas anders machen musste.
"Wir haben immer definiert, was für einen Menschen wir suchen und was er aus unserer Sicht können muss, damit er die anfallenden Arbeiten erledigen kann." Aber so funktionierte das nicht. Eine Begegnung veränderte alles: Ein junger Mann macht in Protzes Schreinerei ein Praktikum. "Ihm fehlten zwei Finger – doch er erledigte seine Aufgaben sehr gut", erinnert sich Protze. "Das hat uns die Augen geöffnet."
Heute hat Markus Protze in seiner Schreinerei zwei Menschen mit kognitiven Behinderungen beschäftigt. Mit seinem achtköpfigen Betrieb ist der Inhaber nicht beschäftigungspflichtig. Die beiden Mitarbeiter mit Behinderungen übernehmen einfache, wiederkehrende Tätigkeiten wie Schleif- und Polierarbeiten in der Oberflächenbearbeitung. Protze sagt: "Statt den perfekten Menschen für die Arbeit zu definieren, haben wir die einzelnen Arbeiten an den Menschen angepasst." So können Menschen mit den verschiedensten Voraussetzungen Aufgaben in seinem Betrieb übernehmen.
Das Inklusionskonzept "Job Carving"
"Viele denken beim Thema Inklusion im Arbeitsleben an einen Rollstuhlfahrer oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung", sagt Jan Siegel, Inklusionsberater der Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) Bayern. "Doch viele Krankheiten sind äußerlich gar nicht sichtbar – und wirken sich im Arbeitsleben kaum aus." Darunter fielen zum Beispiel Autoimmunkrankheiten oder Diabetes. Bei anderen sind kleine Anpassungen notwendig.
Siegel spricht in dem Zusammenhang von "Job Carving", zu Deutsch: eine Arbeitsstelle schnitzen. Das ist ein Inklusionskonzept, bei dem Unternehmen Arbeiten so verändern, dass sie zum Bewerber passen – und nicht umgekehrt nach dem perfekten Bewerber für eine Vielzahl von Tätigkeiten suchen.
Wer als Arbeitgeber mit dem Thema Inklusion in Berührung kommt, kann sich bei den Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) melden. Sie unterstützen beispielsweise, wenn sich ein Mensch mit Behinderung bewirbt oder bei Fragen aufgrund der anfallenden Ausgleichsabgabe.
Siegel hat zahlreiche Unternehmer aus dem Handwerk beraten und weiß: Gerade diese Betriebe haben oft sehr konkrete Vorstellungen davon, wie Aufgaben aufgeteilt werden müssen. In seinen Beratungen zeigt er aber, dass mit entsprechender Kommunikation und der Bereitschaft, Tätigkeiten für eine Person maßzuschneidern, auch im Handwerk Lösungen gefunden werden können. "Wichtig ist, dass die Person für den Betrieb einen Mehrwert hat", betont er. "Darum geht es natürlich immer, denn es muss wirtschaftlich vertretbar und wertvoll für den Betrieb sein."
Für Protze entstand ein Mehrwert, weil die beiden Mitarbeiter sein Team entlasten. Anfangs fühlte sich der Inhaber mit dem Gedanken unwohl, denn, wie er selbst sagt: "Wenn man es ungeschickt ausdrückt, suchte ich jemanden für Arbeiten, die Fachkräfte nicht übernehmen möchten." Doch diese Sichtweise änderte sich schnell. Es gebe viele Menschen, die genau darauf angewiesen seien, wiederkehrende Tätigkeiten auszuführen. Sie wollen und brauchen klare Aufgabenstrukturen. "Und sie erledigen diese Arbeiten mit einer Präzision und Ausdauer, die ein Facharbeiter in dieser Form oft gar nicht leisten könnte", betont Protze. "Damit war es eindeutig nichts mehr, für das man ein schlechtes Gewissen haben müsste. Am Ende profitieren alle davon."
"Möglich war das nur mit Unterstützung"
Aber Protze betont auch: Die Bürokratie im Handwerk sei ohnehin überbordend, ohne Unterstützung hätte er es nicht geschafft. Durch ein Unternehmerfrühstück der Stadt Erlangen hat er von der Organisation Access erfahren. Der Fachdienst ist ein lokales Angebot und setzt sich für die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderungen mit besonderen Unterstützungsbedarfen ein und begleitete den Unternehmer während des gesamten Prozesses.
Gemeinsam haben sie etwa einzelne Aufgabenbereiche definiert. "Ich brauchte jemanden für die einzelnen Schritte der Oberflächenbearbeitung, aber mit handwerklichem Geschick“, betont Protze. Die Mitarbeiter von Access suchten dann nach einer passenden Person und stellten die nötigen Anträge zusammen.
Ein Erfolgsrezept bei den beiden Mitarbeitern bei Protze waren bebilderte Arbeitsanweisungen. Einer der beiden Männer hat Probleme mit seinem Kurzzeitgedächtnis – was er einmal erklärt bekam und ausgeführt hatte, war nach dem Wochenende oder einem längeren Urlaub wieder gelöscht. Die Mitarbeiter von Access hatten Anweisungen erstellt, sodass Protze diese nur korrigieren und freigeben musste.
Job-Carving ist eine gängige Methode in der Arbeit von Integrationsfachdiensten (Ifd). Solche gibt es flächendeckend deutschlandweit. In der Regel betreiben sie gemeinnützige Träger. Ifds sind üblicherweise Ansprechpartner für die betroffenen Menschen selbst, die versuchen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, es aber ohne Unterstützung nicht schaffen. Aber auch Arbeitgeber können sich an sie wenden, so wie es Protze gemacht hat.
Ansprechpartner für Arbeitgeber
Seit 2021 wurden mit dem Teilhabechancengesetz bundesweit die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) eingerichtet, um gezielt Arbeitgeber bei der Suche und der Einstellung von Menschen mit Behinderungen zu unterstützen.
"Deutschland ist ein Förderdschungel", sagt Siegel. "Wir sind trägerunabhängige Beratungsstellen und identifizieren wie in einer Lotsenfunktion Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten – und bringen sie ins Rollen, um Arbeitgeber damit zu entlasten." Er geht in den Betrieb, sieht sich die Arbeitsplätze vor Ort an und notiert sich, was den Arbeitgebern wichtig ist, um danach die notwendigen Anträge und Fördermöglichkeiten herauszusuchen.
Markus Protze erhält beispielsweise einen finanziellen Zuschuss, der die geringere Leistung ausgleicht, die ein Unternehmen von einem Menschen mit Beeinträchtigung erwarten kann. Diese Unterstützung sei laut Protze auch notwendig. "Eine finanzielle Förderung ist für uns als Unternehmen wichtig, damit wir weiterhin konkurrenzfähige Preise anbieten können", erklärt er.
Zugleich profitiere auch die Gesellschaft insgesamt: Durch die Anstellung verdient der Mitarbeiter sein eigenes Geld, leistet Sozialabgaben und trägt damit aktiv zur Gemeinschaft bei. So entstehe laut Protze ein Mehrwert für alle Beteiligten – für das Unternehmen, für den Beschäftigten und für die Gesellschaft.
Enge Vernetzung zwischen den Stellen
Auch manche Handwerkskammern bieten ihren Mitgliedsbetrieben eine Inklusionsberatung. Aber alle Beratungs- und Informationsstellen verfolgen dasselbe Ziel: Arbeitgebern beim Thema Inklusion unter die Arme zu greifen. Und sie arbeiten eng zusammen. "Mit den Integrationsfachdiensten und auch den Inklusionsberatern der HWKs ist es ein gemeinsamer Weg", sagt Siegel.
"Egal, wo: Hauptsache ist, dass sich Arbeitgeber Unterstützung holen, wenn sie mit dem Thema Behinderung konfrontiert sind."
Jan Siegel, Inklusionsberater bei der EAA Bayern
"Was wir nicht wollen, ist einen Arbeitgeber immer nur von einer Stelle zur anderen zu schicken." Wenn ein Anliegen nicht in seinen Kompetenzbereich fällt, der Arbeitgeber aber gerade offene Fragen hat, fragt er selbst woanders nach, um die zeitlichen Ressourcen des jeweiligen Arbeitgebers zu schonen. "Es ist egal, wo – Hauptsache man meldet sich, wenn man mit dem Thema konfrontiert ist."
Wenn sich die Mühen auszahlen
Die Mitarbeiter, die Protze heute angestellt hat, sind nicht die ersten Bewerber in diesem Verfahren gewesen. Die Vorschläge kamen zwar schnell, aber es brauche Praktika, um herauszufinden, ob Betrieb und Bewerber zueinander passen. "Jeder muss das selbst entscheiden, ein ganz normales Auswahlverfahren", sagt Protze.
Für sein Engagement hat Markus Protze zwei Preise erhalten. Der Pinguin-Preis geht aus dem Projekt LAUT hervor, das für "Leben, Arbeiten und Teilhaben" steht. Damit erprobte Access bis Ende April 2025 neue Wege zur Förderung arbeitssuchender Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Wenig später wurde Protze mit dem Inklusionspreis der deutschen Wirtschaft 2024 ausgezeichnet in der Kategorie "nicht beschäftigungspflichtige Unternehmen". "Das war schon eine klasse Rückmeldung für die tolle Arbeit des gesamten Teams", sagt er.
Aber nicht die Auszeichnungen haben ihn zu diesem Weg bewogen – sondern die Überzeugung, welches Potenzial in Menschen mit Behinderungen steckt. Weil er Menschen gefunden hat, die seinem Team zuverlässig Arbeit abnehmen – und das nun schon seit zwei Jahren.
Mut zur Inklusion
Protze wie Siegel sind überzeugt, dass eine offene Einstellung der wichtigste erste Schritt ist. Markus Protze ist auf eine für ihn neue Gruppe an Menschen aufmerksam geworden und ohne Vorurteile an sie herangetreten. Er betont: "Am Ende war es ein Gewinn für alle."