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TV-Kritik: ZDF - "plan b" über das Comeback des Qualitätshandwerks Wie es Handwerker erfolgreich mit der Industrie aufnehmen

Die Probleme sind sattsam bekannt: Nachwuchssorgen, Preisdumping, Konkurrenz aus der Industrie und der unvermeidliche Fachkräftemangel. An Lösungen fehlt es indes vielerorts noch. Die neue ZDF-Reportagereihe "plan b" zeigte nun Handwerker, die auf Tradition und Qualität setzen und so den negativen Entwicklungen trotzen. Kann ein Comeback des Handwerks gelingen? Ein Film fürs Handwerkerherz, der auch einen interessanten Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus warf.

Solche Sätze müssen jedem Handwerker runtergehen wie Öl. "Das ist meine Arbeit, das liebe ich, und das ist irgendwie mein Leben", sagt Bäckermeister Jürgen Fink aus dem hessischen Steinau über seinen Beruf, der nach allem, was man in der ZDF-Dokumentation "plan b - backen, sägen, schneidern" sehen konnte, vielmehr eine Berufung ist.

Bei Fink gibt es keine industriellen Fertigmischungen, keine Zusätze, nur natürliche Rohstoffe, die auch noch vom Bauern und Müller um die Ecke geliefert werden. Dafür, so geht aus der Reportage auch hervor, muss der Kunde bei Fink auch etwas tiefer in die Tasche greifen, denn natürlich sind derartige Herstellungsprozesse deutlich aufwändiger als diejenigen in der Industrie. Am Anfang sei es durchaus hart gewesen, in den Zeiten der Umstellung, da seien einige Kunden auch abgesprungen, sagt Jürgen Fink. Aber mittlerweile, so scheint es, sitzt er fest im Sattel, hat Erfolg - und mit seinem Sohn schon einen Nachfolger parat, der die Bäckerei in einigen Jahren übernehmen wird.

Ist also dieser Weg, der des Qualitätshandwerks und der Besinnung auf traditionelle Werte der richtige, wenn es um den Kampf gegen die alltäglichen Probleme der Handwerksbranche wie Fachkräftemangel oder den Preiskampf mit der Industrie geht? Die ZDF-Reportage kam zu dem klaren Ergebnis: Ja, so geht es, konzentrierte sich dabei allerdings auf einige wenige herausragende Unternehmen, die den Sprung gewagt haben, und ließ die Breite der Branche und deren Probleme weitgehend außen vor.

Miss Handwerk 2017: "Man muss sich nur trauen und mitmachen"

Zum Beispiel die Frage, wie nachhaltig Nachwuchs gewonnen werden kann. Sie wurde anhand der Person von Helena Reppin aufgegriffen, die im elterlichen Steinmetz- und Maurerbetrieb zusammen mit ihrem Freund arbeitet und das Unternehmen von ihrem Vater übernehmen wird. 2017 wurde sie zur "Miss Handwerk" gekürt und findet, dass durch derartige Aktionen dem Nachwuchsmangel begegnet werden kann. "Es ist schön, wenn man das Handwerk so präsentieren kann, wie breit gefächert die Berufszweige sind", sagt sie beim Besuch der Wahl zu Mister und Miss Handwerk 2019 in München. "Man muss sich nur trauen und mitmachen."

Inwieweit derartige Marketingveranstaltungen aber tatsächlich dabei helfen, junge Menschen wieder an die Handwerksberufe heranzuführen, also der Weg vom Laufsteg in München zum unterschriebenen Ausbildungsvertrag, blieb in der Dokumentation ein wenig im Dunklen. Bei dem Betrieb in Lübeck, den derzeit noch Reppins Vater führt, scheint indes zwar die Nachfolgefrage geklärt, doch die Nachwuchssorgen gehen auch dort nicht spurlos vorüber. Reppins Freund obliegt es, die Vorzüge herauszustellen, die ein Job im Steinmetz- und Maurergewerk bietet. "Man kann sich weiterbilden, man kann zum Beispiel ein Restaurationsstudium machen, seinen Techniker oder seinen Meister", sagt er. Und auch in Lübeck bei den Reppins gilt: Die Qualität muss stimmen, damit sich der Betrieb auch in Zukunft auf dem Markt behaupten kann.

Ein Blick über den Tellerrand

Einen außergewöhnlichen Blick wagten die ZDF-Journalisten, als sie nach Italien fuhren und sich die Situation dort anschauten. Ein bisschen klischeehaft, dass sie sich gerade die Maßschneiderei als Beispiel herauspickten, die in Italien lange Tradition hat. Doch auch dort geht es vor allem darum, junge Leute wieder für die Berufe zu begeistern.

Dies will Luca Evangelista tun, der aktuell in einer Qualitäts-Maßschneiderei in Mailand arbeitet, aber irgendwann in sein Heimatdorf in den Abruzzen zurückkehren und dort nicht nur ein eigenes Unternehmen eröffnen, sondern damit auch die heimische Wirtschaft stärken will. Zu den Branchenproblemen kamen hier noch generelle ökonomische Schwierigkeiten in Italien wie das Nord-Süd-Gefälle - ein interessanter Aspekt, der auch in Deutschland bedenkenswert ist und angesichts aktueller Wirtschaftsdaten wichtig werden dürfte.

Schon jetzt wirbt Evangelista in einer Schule in seinem Heimatdorf für die Arbeit als Schneider, auch durch staatliche Förderungen werden vor Ort separate Kurse gebildet, in denen handwerkliche Fähigkeiten vermittelt werden. Auch in diesem Teil des Beitrags fielen Sätze, die ans Herz gehen. "Mode ist etwas anderes", sagte etwa die Chefin von Evangelista, als sie ihren Schneidereibetrieb beschrieb. "Ich will nicht durch Mode definiert werden. Wir machen Stil, zeitlos, von Hand."

Doch gerade, als der Zuschauer so richtig ins Schwärmen geraten war, holte eine Information ihn wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Bis zu 5.000 Euro muss der geneigte Kunde für einen Maßanzug in der Schneiderei auf den Tisch legen. Klar, der Anzug hält dann wohl auch ein Leben lang, aber mit solchen Summen erreicht man sicher auch nicht die breite Masse. Von daher galt auch hier: Ob die Probleme des Handwerks in Italien generell gut abgebildet wurden, steht in den Sternen.

Viel fürs Herz, aber es fehlt die Komplexität

So gab es durchaus Hinweise darauf, welche Wege aus dem Teufelskreis von Nachwuchsmangel und Industriekonkurrenz führen. Gerade bei letzterem Problem sind sowohl die Schneiderei in Italien als auch Bäcker Fink in Hessen gut aufgestellt, haben sie sich doch deutlich von ihrer Konkurrenz aus den Konzernen abgesetzt und mit einer speziellen Zielgruppe als Kunden Erfolg. Die Abrundung des Beitrags mit einem Besuch im Haus der Eigenarbeit in München, wo Laien unter Anleitung selbst handwerklich tätig sein können und etwa Möbel bauen oder reparieren, war eine nette Ergänzung, doch hier waren natürlich die konkreten Lösungen für die Handwerksbranche dünn gesät.

Und so blieben am Ende positive wie negative Aspekte hängen. Stolz auf die Arbeit als Handwerker, ein Motiv, das oft in dem Beitrag vorkam, ist ganz zentral dafür, dass der Betrieb Erfolg hat. Aufgeschlossenheit für Neues, hohes Können und ein wenig Wagemut, ausgetretene Pfade zu verlassen, ebenso. Aber am Ende ist die Welt des Handwerks eben doch zu komplex, als dass einfache Antworten passen würden. "Sie sind Enthusiasten und Spezialisten und wollen statt Billigware und Massenproduktion eine Rückbesinnung auf Werte und Qualität. Mit diesem Anspruch kann das Handwerk ein Comeback erleben", lautete das Fazit des Beitrags. Und genau solche Sätze in dem Beitrag waren es, die zwar ans Herz gingen, aber dann doch im Angesicht des Realität ein wenig zu unterkomplex daherkamen.

Sehen Sie hier die komplette Sendung. >>>

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