Silke Keller-Thoß lernte zunächst den Beruf des Saitenmachers. Dann war sie als Schaustellerin, Fotografin und Restaurantbesitzerin tätig. Ein Fernsehbericht über ein von der Schließung bedrohtes Traditionsunternehmen war für sie ein Wink des Schicksals.
Sarah Jakob
Selbständig ist Silke Keller-Thoß schon lange – seit ihrem 19. Lebensjahr. Zunächst war die Ellefelderin als Schaustellerin und Pressefotografin tätig, wobei sie als passionierte Fliegerin unter anderem Luftaufnahmen erstellte. Zuletzt führte sie ein eigenes Restaurant in Auerbach. Und auch eine Ausbildung zur Saitenmacherin hatte sie einst absolviert – zunächst als Mittel zum Zweck. Denn erst mit einer bestandenen Facharbeiterprüfung konnte sie in der DDR einen Gewerbeschein anmelden und so ihren Wunschberuf Schaustellerin ausüben. Doch dann kam alles anders als geplant.
Mit dem Rückhalt der Familie
Per Zufall sah sie im Fernsehen einen Beitrag über Wolfgang Frank, Chef der Saitenmacherei Efrano. Als sie hörte, dass das 1919 gegründete Familienunternehmen mangels Nachfolger kurz vor dem Aus stand, bewertete sie das als Wink des Schicksals. “Ich habe den Beruf des Saitenmachers von der Pike auf gelernt.“ Folglich sei es eine Frage der Berufsehre, das Traditionsunternehmen fortzuführen, so Keller-Thoß.
Binnen kürzester Zeit meldete sie eine neue Firma an und begann mit dem Bau einer neuen Betriebsstätte. Rückhalt erhielt sie in dieser anstrengenden Phase von Familie und Bekannten, die mit Freundschaftsdiensten und Sachmitteln aushalfen. Ein Kreditgeber stand in dieser Phase nämlich noch nicht fest. In ihrer finanziellen Not schrieb die Gründerin schließlich einen Brief an den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig.
Mit Erfolg: Sein Ministerium nahm sich der Sache an und vernetzte sie mit der Bürgschaftsbank Sachsen, womit die Geschichte ihre positive Wendung nahm. Zudem standen Keller-Thoß ein Wirtschaftsberater und die betriebswirtschaftlichen Berater der Handwerkskammer zur Seite. Dabei zeigte sich, dass die Berater nicht nur spezialisiertes Wissen aus ihren Fachgebieten vermitteln können, sondern auch über Einfühlungsvermögen verfügen: “Zu einer guten Beratung gehört auch das Zuhören-Können , das Abholen des Unternehmers dort, wo er oder sie gerade steht“, sagt Messe- und Außenwirtschaftsberaterin Andrea D’Alessandro von der Handwerkskammer.
Bestellungen aus aller Welt
Das Unternehmen von Silke Keller-Thoß hat internationale Spannkraft. Aus Irland bezieht sie die von Schweinen und Rindern stammenden Rohdärme, die sie später zu Saiten weiterverarbeitet. Über ihren Webshop nimmt Keller-Thoß Bestellungen von Instrumentenbauern, Uhrmachern und Großhändlern aus aller Welt entgegen. Die fertigen Saiten, die sie in reiner Handarbeit herstellt, liefert sie dann bis nach Japan oder Neuseeland. An Motivation fehlt es Keller-Thoß nicht: “Ich bin mir der Tragweite meines kleinen Unternehmens bewusst und das beflügelt mich in meiner täglichen Arbeit.“
Neues Werkstattgebäude
Mit ihrem unermüdlichen Einsatz ist es Silke Keller-Thoß gelungen, dass das heute nicht mehr gelehrte Saitenmacher-Handwerk weiterhin Bestand hat und sie den altehrwürdigen Beruf in einem nagelneuen Firmengebäude ausüben kann. In einer Rekordzeit von nur zwölf Monaten waren auf einem neu erworbenen Firmengrundstück Wasser, Strom und Gas verlegt und ein schlüsselfertiges KfW-Energiesparhaus aufgestellt worden. So konnte die engagierte Bauherrin die moderne Werkstatt im Dezember 2018 beziehen.
Übrigens: Den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig hat Keller-Thoß mittlerweile persönlich getroffen – vergangenes Jahr zur Außenwirtschaftswoche in Dresden. Dieses Jahr konnte sie seiner Einladung nicht folgen – und das aus einem durchaus erfreulichen Grund: Zu beschäftigt war sie damit, die vielen Kundenaufträge abzuarbeiten.
