Winfried Hartwig setzt auf Spezialitäten statt Massenware und hat seit Corona das Catering als feste Einnahmequelle aufgebaut. Sein Familienbetrieb besteht seit 425 Jahren – trotz eingestellter Schlachtung und fehlendem Nachwuchs. Eine Geschichte über Tradition, Wandel und die Frage, wie Nachfolge im Lebensmittelhandwerk heute trotzdem gelingen kann.
425 Jahre Metzgerhandwerk – für Winfried Hartwig ist das keine historische Kulisse, sondern gelebter Alltag. Im vergangenen Jahr feierte die Metzgerei Hartwig in Pleystein in der Oberpfalz ihr 425-jähriges Bestehen und bekam dafür das Ehrenblatt in Gold der Handwerkskammer verliehen. Ein Jubiläum, das in Zeiten rasanter Umbrüche im Lebensmittelhandwerk Seltenheitswert hat – und von bemerkenswerter Kontinuität erzählt.
Metzgermeister Hartwig führt den Familienbetrieb in direkter Linie fort. Zur Metzgerei gehört auch ein Gasthaus mit Hotel im Stadtzentrum. Schwester und Ehefrau arbeiten mit, Entscheidungen werden gemeinsam getragen. Seit Jahrhunderten wird das Metzgerhandwerk von Vätern an Söhne übergeben. "Eventuell reicht unsere Metzger-Geschichte sogar länger zurück, das möchte ich nochmal recherchieren", sagt Hartwig.
Großmutter gab den Anstoß
Den Anstoß zur intensiven Familienforschung gab seine Großmutter. Als Flüchtling aus Böhmen hatte sie kaum Informationen über ihre eigene Herkunft – und begann, die Geschichte ihres Mannes aufzuarbeiten. "Meine Großmutter hatte sich das zur Lebensaufgabe gemacht und viel Mühe in unseren Stammbaum gesteckt." Das Ergebnis ist nicht nur auf Papier dokumentiert: Im ersten Stock des Hotels ziert ein aufwändig mit Holzintarsien gefertigter Stammbaum die Wand. Für Gäste wird die lange Tradition so sichtbar. "Er reicht noch nicht ganz zurück und mein Vater und ich sind noch gar nicht ergänzt", so Hartwig. Im Geäst des Stammbaums gebe es ein paar Lücken, die er eines Tages schließen möchte, "sobald ich mal Zeit habe".
Berufswunsch aus der Tradition heraus
Weitere Zeugnisse der Metzgertradition finden sich im Verkaufsraum, darunter ein Lehrbrief von 1908 oder der Meisterbrief des Großvaters. Dabei empfindet Winfried Hartwig die lange Geschichte nicht als Besonderheit. "Für uns ist das ein ganz normaler Zustand." Für ihn selbst stand der Berufsweg nie infrage. Als ältester von vier Kindern war früh klar, dass er den Betrieb übernimmt. Nach der Schule absolvierte er die Metzgerlehre im elterlichen Haus, hängte eine Kochausbildung an und legte 2000 die Meisterprüfung im Metzgerhandwerk in Landshut ab.
Veränderungen blieben dennoch nicht aus. In den 1990er-Jahren stellte der Betrieb die eigene Schlachtung ein. "Die damaligen neuen EU-Vorgaben haben es uns schwer gemacht, zudem war die Schlachterei zu nahe am Hotel." Auch die Landwirtschaft, die lange zum Anwesen gehörte, ist inzwischen verpachtet – aus Zeitgründen. Reue verspürt Hartwig keine. Trotz mancher Hürden habe er seine Entscheidung nie bereut und sei Metzgermeister aus Leidenschaft.
Hoffen auf Weiterführung in der Familie
Heute setzt er bewusst auf Spezialitäten, die es "nicht im Supermarkt" gibt. "Besonders beliebt sind bei uns die Pleysteiner Dosenwurst, also eine Kochsalami, oder ein italienischer, luftgetrockneter Schinken." Qualität, eigene Rezepturen und handwerkliche Herstellung stehen im Mittelpunkt. Seit Corona hat sich zudem das Catering-Geschäft als feste Größe etabliert. An Wochenenden und Feiertagen finden zahlreiche Veranstaltungen im Gasthof statt – von Familienfeiern bis zu Vereinsfesten. So wolle er sich von Großmetzgereien absetzen und weiter durchhalten: "Kleine Betriebe haben es heutzutage nicht leicht. Vor allem der Fachkräftemangel ist eine Herausforderung", sagt der Metzgermeister. Trotz Besuche an Schulen und gezielten Bewerbens der Lehre hat der Betrieb seit Jahren keinen Azubi mehr gefunden.
Und die Zukunft? Winfried Hartwig antwortet mit einem Schmunzeln: "Mein Neffe ist neun Jahre alt, hat aber schon geäußert, dass er unbedingt mal in meine Fußstapfen treten will." Noch ist es ein Kinderwunsch. Doch in einer Familie, in der seit über 425 Jahren das Handwerk weitergegeben wird, klingt selbst das wie ein mögliches Versprechen.
