Ein Lehrling, der nicht meckert Wie eine Kosmetikerin KI zu einer wichtigen Mitarbeiterin machte

Ein Computervirus löschte die Website von HopeCosmetics-Inhaberin Sh'ree Fruth: 20.000 Euro Investition, weg über Nacht. Heute baut sie ihre Seite selbst, in drei Wochenenden, mit KI-Tools wie ChatGPT und Claude Sonnet. Was Handwerksbetriebe von ihrer Strategie lernen können – und wo sie klar vor blindem KI-Vertrauen warnt.

Sh’ree Fruth
Auch wenn Sh’ree Fruth in ihrem Kosmetikstudio viel mit der KI arbeitet, beispielsweise zur digitalen Hautanalyse, sagt sie, dass die Technik niemals den Menschen vollständig ersetzen kann. - © Hopecosmetic

Zwanzigtausend Euro hat es sie gekostet. So viel wie für einen Kleinwagen investierte die Nürnberger Unternehmerin Sh’ree Fruth in ihre Firmenwebsite. Diese erfüllte ihren Zweck als Schaufenster ihrer beiden Kosmetikstudios in Nürnberg. Dann der Schock: Ein Computervirus genügte – und alles war weg.

Abhängigkeit von Agenturen

"Damals waren Host, IT-Dienstleister und noch eine Agentur beteiligt", erinnert sich die Inhaberin von HopeCosmetics. "Aber am Ende fühlte sich trotzdem niemand wirklich verantwortlich. " Viele Handwerksbetriebe kennen diese Abhängigkeit von Agenturen oder externen Dienstleistern. Fruth wollte sie beenden und beschäftigte sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, ohne die sich die US-Amerikanerin ihren Arbeitsalltag heute nicht mehr vorstellen kann.

KI als zuverlässiger Helfer

Heute baut sie nicht nur ihre Homepage mit KI. Wenn Fruth einen Instagram-Beitrag plant, entwickelt KI erste Textideen. Für ihre Website formuliert sie Überschriften. Bei der Hautanalyse liefert die Software objektive Messwerte. "Ich bin nicht kreativ", gibt Fruth schmunzelnd zu. "Das macht die KI für mich." Die Entscheidung trifft trotzdem sie.

Ihre Arbeitsweise ist dabei so simpel wie effektiv: Fruth befragt KI-Chatbots wie Claude Sonnet oder ChatGPT, lässt sie Prompts erstellen, die Fruth wiederum für ihr KI-Website-Tool verwendet.

Zweifache Auszeichnung

"Ich kann die Beste der Besten sein – wenn keiner davon erfährt, bringt mir das gar nichts", betont Fruth, die 2015 mit dem Spa Business Award und dem Travel Spa Award 2019 zweifach als beste Kosmetikerin Deutschlands ausgezeichnet wurde. Doch was sollte sie damit anstellen, wenn keiner ihrer potenziellen Kunden davon mitbekommt? "Für uns im Handwerk ist es extrem wichtig, dass man uns sieht", sagt Fruth mit Nachdruck in der Stimme.

"Viele Handwerker denken: Das betrifft mich nicht", sagt Fruth. "Ja, das Handwerk lebt von Tradition und Erfahrung, aber auch wir müssen die Tradition mit dem Modernen verbinden." Als gelernte Einzelhandelskauffrau und Kosmetikerin kennt die Inhaberin die Herausforderungen der Selbstständigkeit und sagt ganz klar: Gute Arbeit allein reicht heute nicht mehr. Nicht nur im Kosmetikstudio.

Vorsicht vor falschen Fakten

So begeistert die 49-Jährige von den Möglichkeiten der KI ist, so deutlich warnt sie davor, ihr blind zu vertrauen. Vor allem ChatGPT hätte ihr zu Beginn stets "Honig ums Maul geschmiert", war zu nett und zu gefällig.

Das brachte Fruth nicht weiter. Also gab sie dem System eine klare Ansage: "Benimm dich endlich wie die beste Marketingfirma, die ich mir vorstellen kann", erinnert sie sich. "Auf einmal hat er mich voll ge challenged! Ich wurde herausgefordert und kritisch hinterfragt. Du musst wissen, wie du mit der KI redest." Gerade bei medizinischen, rechtlichen oder fachlichen Themen sei es entscheidend, Informationen sorgfältig zu prüfen. Diese Erfahrung machte Fruth selbst, als sie zum Thema Radiofrequenz-Microneedling recherchierte, einer Methode, die etwa zur Regeneration der Haut beiträgt, und die KI wichtige Warnhinweise der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA zunächst wegließ.

Die Technik analysiert, der Mensch versteht

Trotz aller Begeisterung für neue Technologien gibt es auch Bereiche, in denen die Unternehmerin bewusst darauf verzichtet, KI einzusetzen. Was für Sh’ree Fruth nicht in Frage kommt, ist etwa eine Anrufannahme durch KI. "Gerade weil KI immer mehr Einzug in unser Leben hält, wird der echte Kontakt mit uns als Menschen umso wichtiger", sagt sie. "Die Art, wie wir diesen Kontakt gestalten, unterscheidet uns von anderen, macht uns wertiger und ist, wofür wir teurer werden können."

Auch bei der digitalen Hautanalyse sieht sie die Rollen klar verteilt. Das macht inzwischen eine Kamera, deren Analyse objektiv erscheint und frei von dem leisen Verdacht, der laut Fruth einer menschlichen Bewertung oft anhaftet: "Die will mir nur etwas verkaufen." Was Kunden hinterher aber wirklich brauchen, sei nicht nur ein Ergebnis, sondern jemanden, der es einordnet, erklärt und begleitet. "Keine KI kann die Beratung durch einen Menschen ersetzen. "

Der Kollege aus dem Rechner

Vor fünf Jahren zerstörte ein Computervirus die Website von HopeCosmetics. Heute sagt Fruth: Das war der Anfang von allem. Für sie ist KI längst mehr als ein Werkzeug. Sie vergleicht sie mit einem Lehrling, der nicht meckert: immer verfügbar, nie müde, nie beleidigt. Er arbeitet Tag und Nacht. Aber den Meister ersetzt er nicht. Mit Hilfe von KI baute Fruth ihre aktuelle Website selbst – an lediglich drei Wochenenden. "Drei Wochenenden versus 20.000 Euro."