Ob Brotbacken, Instrumentenbau oder Holzschindeln – die SWR-Reihe "Handwerkskunst" soll die Schönheit von altem Handwerk zeigen, sagen ihre Macher. Wer auf die Abrufzahlen auf YouTube und in die Kommentarspalten in den sozialen Medien schaut, reibt sich verwundert die Augen. Was fesselt die Zuschauer an diesem Format?

In voller Länge heißt das 45-minütige Video "Wie man ein gutes Brot backt", doch sie nennen die Folge nur "das Brot". Die Macher der SWR-"Handwerkskunst" haben schon ihre eigene Kurzform, weil die Ausgabe ihrer Sendung auf YouTube die mit Abstand höchsten Aufrufzahlen hat. Beinahe sechs Millionen Klicks hat das Video in etwa vier Jahren generiert. Ein Wert, der angesichts des Inhalts ungewöhnlich hoch ist. Denn der Film zeigt in gemächlichem Tempo und langanhaltenden Einstellungen ohne Hintergrundmusik, wie ein Bäcker tut, was er immer tut – ein Brot backen.
Klingt banal, trifft aber offenbar einen Nerv. "Unsere Sendung präsentiert das, was wir Werkstolz nennen", sagt Rolf Hüffer. Er hat das Format einst aus der Taufe gehoben und fungiert als Sprecher aus dem Off. Und diesen Werkstolz fühlen offenbar viele Handwerker. Wenn die SWR-Redakteure nach einem neuen Protagonisten suchen, erhalten sie kaum Absagen. Als Hüffer einmal einen Schmied anrief und ihn fragte, ob er die Sendung kenne, habe der brüsk geantwortet: "Das kennt jeder Handwerker in Deutschland."
Fachliches Interesse, aber auch "Zen-Meditation"
In der 17. Staffel läuft "Handwerkskunst" mittlerweile. Und es sind nicht nur Leute vom Fach, die die Sendung sowohl im klassischen Fernsehen, als auch auf YouTube anschauen. Die Zielgruppe bestehe vor allem aus jungen Männern, sagt Handwerkskunst-Redakteurin Carmen Lustig. Sie sehen sich die Sendungen aus ganz unterschiedlichen Gründen an, wie sich die Macher aus zahlreichen Kommentaren und Nachforschungen zur Zielgruppe erschlossen haben. Aus fachlichem Interesse einerseits, aber auch zur Beruhigung, sogar zum Einschlafen – und weil die Bilder hochwertig und schön sind. Von einer Art "Zen-Meditation" spricht Hüffer scherzhaft.
Und tatsächlich: wer sich einige Folgen der Reihe anschaut, würde zwar vermuten, dass sie im linearen Fernsehen funktionieren kann. Aber im Internet und in den Sozialen Medien? Eher schwierig. Deshalb waren die Macher überrascht vom Erfolg. Es gab ein Konzept für die Sendung, aber zunächst nicht für die Bereitstellung im Internet. Erst nach und nach etablierte sich ein eigener Kanal auf YouTube, der heute mehr als 350.000 Abonnenten hat. Nicht nur "das Brot", sondern auch andere Videos haben siebenstellige Abrufzahlen. Vollumfänglich den Erfolg erklären können sich die Macher nicht. "Die Sendung war nie für Social Media geplant", sagt Carmen Lustig. Es dürfte wohl eine Mischung aus unterschiedlichen Faktoren sein, die online zu den hohen Klickzahlen führt.
Kein Teil des DIY-Trends
Einer ist wohl der praktische Aspekt. Zwar sei man kein Do-It-Yourself-Kanal, betonen sowohl Lustig als auch Hüffer. Aber es sei der Anspruch, die Herstellung eines Produkts und die verschiedenen Arbeitsschritte eines Handwerkers ausführlich zu zeigen. Klar, dass sich bei Videos wie dem Brot oder auch "Wie man eine Karosserie ausbessert" der eine oder andere Kniff abschauen lässt. Zum allgemeinen DIY-Trend passt die Reihe aber aufgrund der Hochglanz-Qualität der Filme nicht. Sie soll vielmehr mit der Qualität der entstehenden Werkstücke Hand in Hand gehen.
Den Wert des Handwerks aufzeigen
Und vieles, das die "Handwerkskunst" zeigt, wäre für den Heimwerker in Ermangelung des richtigen Werkzeugs und des nötigen Könnens schlicht nicht umsetzbar. Hüffer verweist auf einen wichtigen Aspekt, wenn er betont, dass man mit der Reihe auch ein Verständnis dafür schaffen wolle, "warum solches Handwerk so viel kostet, wie es kostet". Man kann nicht alles selber zuhause umsetzen wie ein Profi, soll die Botschaft wohl heißen. Und für diese professionelle Leistung muss man auch entsprechend bezahlen. Viele der Protagonisten verzeichneten nach der Ausstrahlung ein höheres Auftragsvolumen. Mancher, so Lustig, habe schon abgesagt, weil er die Öffentlichkeit und die mögliche Auftragsflut gescheut habe.
Natürlich bildet "Handwerkskunst" bei Weitem nicht das volle Spektrum aller Gewerke ab. Der Heizungsmonteur im Notdienst oder der SHK-Geselle auf der Baustelle geben nicht die Art von Bildern her, die die SWR-Redakteure für ihr Konzept brauchen. Und von einer "Kunst" im Sinne der Reihe, die auch Folgen über die Herstellung eines Tisches mit Intarsien beinhaltet, kann im oft rauen, von Zeitdruck geprägten Alltag vieler Handwerker nicht die Rede sein. Das ist aber auch nicht der Anspruch der Macher. Vielmehr geht es darum, Menschen in hochwertigen Bildern bei Dingen zu zeigen, die sie gut können und "eine Lanze für das Handwerk generell zu brechen", so Hüffer. Manche Filme behandeln auch keine echten Handwerksberufe – etwa wenn es um das Backen einer Pizza geht.
"Man muss nicht immer studieren"
Die alltäglichen Probleme in Handwerk und Mittelstand spielen eine eher untergeordnete Rolle. Ein Protagonist spricht in einem O-Ton am Rande mal über den Azubi-Mangel, aber zentral sind diese Themen zu keiner Zeit. Die Macher selbst sind sich aber durchaus der Herausforderungen der Branche bewusst. "Man muss nicht immer studieren", formuliert Hüffer ein Credo, das durch die Reihe transportiert werden soll – und schneidet damit das wichtige Thema der Überakademisierung auf dem Arbeitsmarkt an. Wer wirtschafts- und mittelstandspolitische Themen erwartet, der ist bei "Handwerkskunst" aber nicht richtig.
"Sendung mit der Maus für Erwachsene"
Ob die Reihe nun, wie Hüffer es scherzhaft nennt, "wie DMAX für Männer" ist oder wie seine Kollegin Lustig es ausdrückt, eher "die Sendung mit der Maus für Erwachsene", diese Frage muss sich der Zuschauer selbst beantworten. Die Darstellung von altem Handwerk scheint in dieser Machart vor allem im Internet zu funktionieren. Letztlich bleibt "Handwerkskunst" auf YouTube ein Phänomen, weil es von der Machart her all dem widerspricht, was Experten dort für tauglich halten. Seit neuestem ist die Redaktion als "German Handwerkskunst" auch in dem sozialen Netzwerk Tiktok unterwegs, bei dem die Aufmerksamkeitsspanne mitunter nur ein paar Sekunden pro Video beträgt. Ob Videos wie das zum Bau einer Geige dort auch funktionieren, wird sich zeigen. Es sei eben "ein Experiment", sagen die Macher. Aber eines, das sich gut anlässt. Einzelne Kurzclips sprengten bereits die Marke von einer Million Aufrufe. Etwa das eines Zimmermanns beim Richtfest.
>>> "Handwerkskunst" ist nicht nur auf YouTube, sondern auch in der ARD-Mediathek abrufbar.