Betriebsnachfolge Wie eine 26‑Jährige den Betrieb ihres Vaters umbaut

Mit 26 übernimmt Aileen Richter den Elektrobetrieb ihres Vaters – und krempelt vieles um: Statt Industrieaufträge in China gibt's jetzt Smart Homes in Mainfranken. Wie der Generationswechsel gelingt.

Geschäftsmodell Smart Home: Elektroingenieurin Aileen Richter
Aileen Richter ist Elektroingenieurin und arbeitet seit drei Jahren im Familienbetrieb ihres Vaters. Bald wird sie die Firma übernehmen. - © Sophia Fries

Schon beim Öffnen der grauen, schweren Eisentür bemerkt man die kalte Luft und den leichten Stahlgeruch. Hinter einer eingezogenen Wand und einem grünen Regal verbirgt sich eine Werkstatt. Aileen Richter beginnt ihren Arbeitstag statt im warmen Büro vor einem weißen Schaltschrank. Ihr Blick huscht immer wieder zwischen braunen, roten und blauen Kabeln und ihrem leise brummenden Laptop hin und her.

Dann greift sie erneut zur rot-gelben Zange und knipst das nächste Kabel ab, um es an die vorgesehene Stelle zu platzieren. "Der hier ist für ein Smart Home mit einer Einliegerwohnung in Würzburg", erklärt Aileen Richter, die Elektroingenieurin ist und seit drei Jahren im Familienbetrieb FWZ Elektrotechnik in Dettelbach, den ihr Vater Frank Zehe vor 28 Jahren gegründet hat, arbeitet. Dort kümmert sie sich vor allem um die Programmierung von Smart Homes.

In der Unterzahl: Als innovative Betriebsleiterin in der Elektrotechnik

In diesem Jahr soll Aileen Richter, die bereits eingetragene Betriebsleitung ist, nun offiziell einen Teil der Firma übernehmen. "Ich persönlich kenne nur einen Betrieb hier in der Gegend, der auch von einer Frau geführt wird. Das macht sie zu etwas Besonderem", erzählt Frank Zehe. Als Frau gehört Aileen Richter in ihrer Branche einer Minderheit an. Nach Zahlen des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke waren 2024 nur 3,1 Prozent der Auszubildenden im Elektrohandwerk Frauen. Nachteile sieht Aileen darin allerdings keine. Tendenziell werde ihr sogar mehr Kompetenz attestiert, erzählt sie stolz.

Das auf der Werkbank liegende kugelförmige Gerät, welches mit einem grünen Kabel verbunden ist, macht Aileens Ingenieurstalent und ihre innovativen Ideen deutlich. "Das ist ein Industrieregenmesser, den ich auch schon im Waschbecken ausprobiert habe", erklärt sie und zeigt dabei auf den Regenmesser. Er soll bei einem ihrer Kunden später über das Zählen von Impulsen und durch eine programmierte Logik aus der Anzahl an Impulsen die Regenmenge automatisch errechnen, den Kunden darüber informieren und beispielsweise automatisch die Jalousien schließen.

Umstellung des Geschäftsmodells von Industrie zu Smart Homes

Neben innovativen Konstruktionsideen überzeugt der Familienbetrieb bei Kunden aber auch damit, dass nicht nur die Planung, sondern auch die Installation der Elektrotechnik übernommen wird. "Wir machen im Prinzip alles unter einer Prämisse: Smart muss es sein", erklärt Frank Zehe. Ihm fällt es nicht schwer seinen Betrieb langsam in die Hände seiner Tochter zu übergeben. "Es macht sehr viel Spaß, eine eigentlich ganz neue Firma mit ihr aufzubauen", erzählt er.

Geschäftsmodell Smart Home: Elektroingenieurin Aileen Richter
Technik aus Frauenhand: Aileen Richter, die den FWZ Elektrotechnik Familienbetrieb ihres Vaters übernimmt, arbeitet am Schaltschrank für ein Smart Home. - © Sophia Fries

Mit der Übergabe des Zepters ändert sich auch das Geschäftsmodell des Familienbetriebs. Von weltweiten Aufträgen in China oder Russland für die Automobil- und Zigaretten-Industrie haben sie sich mittlerweile auf Privathaushalte und Smart Homes im Raum Mainfranken spezialisiert. Das große Interesse an dieser zukunftsfähigen Branche ist der Hauptgrund für die Neuausrichtung des Familienbetriebs. Das kann sie auch mit ihrem Hobby, leidenschaftliche Reiterin zu sein und hierbei Verpflichtungen zu haben, leichter mit der Firma und dem Alltag dort vereinen, erzählt sie. Durch ihre Energieberatung und neue Kontakte zu Architekten baut sie ihren Kundenstamm aktuell immer weiter aus.

Neues Geschäftsmodell Smart Home

Dann ist es für die neue Betriebsleiterin Zeit für einen Besuch auf der Baustelle. Während sie sich auf den Weg zum grauen VW macht, verschwindet Peter Oswald, ihr Lebensgefährte, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat, noch einmal schnell. Er arbeitet seit einem Jahr ebenfalls im Familienbetrieb und kümmert sich neben der Lichtplanung seit einiger Zeit auch um das Marketing der Firma. Nach einigen Minuten kehrt er mit einem großen schwarzen Rucksack über seiner rechten Schulter zurück. "Musste noch schnell die Kamera und Lichter holen. Jetzt können wir los!", ruft er.

Auf der Baustelle angekommen wird man von feuchter Luft und dem Geruch nach frischem Holz empfangen. Eine provisorische Treppe mit schmalen Holzbrettern als Stufen führt in das obere Stockwerk und zum Badezimmer. "Man muss das mal selbst erlebt haben, um zu merken wie einfach die Bedienung ist und wie sehr es im Hintergrund den Alltag erleichtert", erzählt Aileen Richter begeistert und erklärt die Funktionen der verbauten Elektrotechnik im Badezimmer des Smart Homes.

Die eingebaute Sauna sowie die Heizung lassen sich von unterwegs aus bequem über das Handy einschalten. Es gibt außerdem ein vorprogrammiertes Szenario, bei dem sich vor dem Duschen zuerst automatisch der Infrarotheizkörper für die Handtücher aufheizt und das System über die motorisierten Fenster später sogar das Lüften übernimmt.

Geschäftsmodell Smart Home: FWZ Elektrotechnik
Das Dreiergespann des Familienbetriebs: Aileen Richter mit ihrem Freund Peter Oswald (links) und ihrem Vater Frank Zehe (rechts) im smarten Vollholzhaus eines Kunden. - © Sophia Fries

Der Bauherr des Hauses wollte immer schon ein möglichst unkompliziertes Haus haben. "Dass das vor allem mit einem Smart Home möglich gemacht werden kann, wurde mir dann so richtig durch die gemeinsame Planung und unterstützende Beratung von Aileen Richter und Frank Zehe klar", erzählt er. Ausschlaggebend in der Auftragsvergabe war für ihn neben der finanziellen Planungssicherheit auch die Kombination aus Aileen Richters neuen, innovativen Ideen und der Präzision sowie der Struktur, die die Firma durch ihre Industrieerfahrung bereits mitbringt.

Aktuelle Projekte für Instagram gefilmt

"So jetzt nochmal kurz Ruhe bitte, wir drehen gleich", kommt es von Peter Oswald, der aus seinem schwarzen Rucksack seine hochprofessionelle Kamera, Lichter und ein Storyboard mit Texten für Social Media geholt und aufgebaut hat. Aileen bekommt noch ihr Ansteckmikrofon und eine kurze Einweisung. Blick-, Laufrichtung und Bildausschnitt hat Peter schon im Voraus geplant. "Und Action!", ruft er wie an einem Filmset.

Um als Handwerksbetrieb für ihre gute Arbeit bekannt zu werden, zeigen sie auf Instagram ihre aktuellen Projekte und wie sie es schaffen, die Brücke zwischen langjähriger Erfahrung auf extrem hohem Niveau und zukunftsfähiger Innovation und Technik zu schlagen. Schließlich setzt Aileen Richter zu ihrem nächsten Take an: "Ihr wollt sehen, wie das Haus am Ende aussieht und vor allem, was es alles kann? Dann folgt uns, um nichts mehr zu verpassen!"

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.