Lieferengpässe bei Autos, steigende Kundenerwartungen, fehlende Markenbindung: Freie Kfz-Betriebe stehen unter Druck. Das Autohaus Richter & Zech aus Wendelstein hat darauf zwei konkrete Antworten gefunden. Eine davon führt direkt in ein Nischensegment, das laut Geschäftsführer Martin Kipfmüller bald keine Nische mehr sein wird.

Warme Sonnenstrahlen, eine kühle Brise und ein Ausritt über die Landstraßen Mittelfrankens – für viele wohl der perfekte Sommertag. Im Wendelsteiner Industriegebiet stellt Richter & Zech genau die richtigen Pferde für solche Ausflüge zur Verfügung. Doch wer nun an schnaubende, fellige Wesen denkt, der irrt. Denn besagte Pferde sind aus Stahl und Aluminium gemacht. Und sie fressen weder Gras noch Äpfel – sondern Strom.
Neue Perspektiven
Mit seiner Marke Electric Horses geht das Autohaus Richter & Zech einen Weg, der zu Beginn eher an einen Trampelpfad erinnerte. Denn E-Zweiräder sind im Mobilitätsbereich noch eine Seltenheit. Der Betrieb steht exemplarisch für zwei Entwicklungen, die freien Kfz-Werkstätten aktuell neue Perspektiven eröffnen: Premium-Werkstattkonzepte und den wachsenden Markt für elektrische Zweiräder.
Freie Werkstätten können es in der Außenwahrnehmung schwerer haben als markengebundene Betriebe: Ohne bekannten Namen ist für Kunden schwer einzuschätzen, welchen Standard sie erwarten können. Genau hier setzen Premium-Werkstattkonzepte wie "repmaster", ein Angebot des Fahrzeugteilelieferanten WM SE, an, dem sich Richter & Zech seit Herbst 2025 angeschlossen hat.
Ein Konzept als Vertrauensanker
Das Konzept gibt einen qualitativ hohen Rahmen vor – etwa bei moderner Diagnosetechnik, fortschrittlichem Werkzeug oder Werkstattersatzwagen –, lässt Betrieben aber genug Freiraum, ihre eigene Identität zu behalten. "Wir sind nicht leicht in ein Konzept zu pressen, weil wir schon einen eigenen Namen und mit Electric Horses eine eigene Marke haben. Der Vorteil ist, dass wir mit allen Facetten Platz finden", beschreibt Prokuristin Martina Rippel das Prinzip. Für Bewerberbetriebe ist der Einstieg kein Selbstläufer: Klare Mindeststandards sind vorgegeben. Wer wie Richter & Zech, ehemals Nissan-Vertragspartner, als früherer Vertragshändler bereits hohe Standards gewohnt ist, tut sich damit leichter. Auszubildender Benjamin Weinlich hebt hervor, warum repmaster für das Autohaus mit Entwicklungswillen genau das Richtige ist: "Man merkt, dass es vorwärtsgehen will – mit Schulungen, Werbemitteln und individueller Zusammenarbeit."

Die Umstellung wirkt, ohne die bestehende Kundschaft zu verunsichern. Neues Corporate Design und höhere Standards sorgten laut Geschäftsführer Martin Kipfmüller für einen frischen Eindruck bei neuen Kunden, während Stammkunden keine Berührungsängste entwickelten. Martina Rippel bringt es auf den Punkt: "Es geht um die inneren Werte, nicht ums äußerliche Aufhübschen."
Elektrische Zweiräder auf dem Sprung aus der Nische
Parallel zeigt sich im Kfz-Handwerk ein zweiter Trend: E-Zweiräder wachsen sich langsam zum ernstzunehmenden Marktsegment aus. Ausgelöst wurde die Entwicklung 2019, als das Interesse an individueller Mobilität wegen hoher Spritpreise stieg und gleichzeitig freie Händler wegen Lieferengpässen bei Autos nach Alternativen suchen mussten. Der Import von E-Rollern aus Spanien war für viele Betriebe – auch für Richter & Zech mit der Marke Electric Horses – der Einstieg in ein neues Geschäftsfeld.
Aus dem anfänglichen Experiment ist inzwischen ein strategisches Standbein geworden: Statt auf viele Marken zu setzen, konzentriert sich Richter & Zech auf wenige, dafür verlässliche Hersteller mit gutem After-Sales-Support. Das schafft Unabhängigkeit von einzelnen Lieferanten und erschließt eine Zielgruppe, die klassische Autohäuser bislang kaum bedienen.
Zielgruppe Pendler
Technisch überraschen die Fahrzeuge, wie Martin Kipfmüller erklärt: Manche E-Zweiräder mit nur 11 kW Nennleistung erreichen bis zu 60 PS Maximalleistung – genug für Tempo 130 und ein Drehmoment auf dem Niveau einer 750er-Maschine. Die Zielgruppe reicht von technikaffinen Motorradfans über E-Mobilitäts-Interessierte bis zu Pendlern. "In Zukunft wird das sicher keine Nische mehr sein, sondern Normalität", ist Kipfmüller überzeugt. Auch Martina Rippel bestätigt: Die Dynamik zeige klar Richtung Wachstum, auch wenn der Markt insgesamt noch überschaubar bleibe.
Ob strukturiertes Werkstattkonzept oder neue Antriebsform: Beide Entwicklungen zeigen, wie freie Betriebe im Handwerk auf steigende Kundenerwartungen reagieren – mit klaren Standards nach außen und Offenheit für neue Technik im Kerngeschäft.