Branche -

Trend zu Großbetrieben Wie die Marktkonzentration das Handwerk trifft

Marktkonzentration und Filialisierung im Handwerk bereiten manchen Betrieben große Sorgen, andere profitieren. Fünf Branchen berichten über die aktuelle Entwicklung.

Viele Handwerksbetriebe suchen ihr Glück im Wachstum. Sie übernehmen Konkurrenten, eröffnen Filialen, schließen sich mit ehemaligen Rivalen zusammen. Die Filialisierung hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren regelrechte Großbetriebe entstanden sind. Die DHZ hat sich in verschiedenen Branchen umgehört, wie fortgeschritten die Konzentration im Handwerk ist.

Augenoptik

Im Augenoptikerhandwerk ist der Trend zur Filialisierung sehr deutlich zu spüren. Binnen zehn Jahren stieg der Anteil am Branchenumsatz durch Filialisten von 35,4 Prozent 2009 auf 48,5 Prozent 2019. Im gleichen Zeitraum wuchs der Anteil der Filialisten von gut 14 Prozent auf gut 19 Prozent aller Betriebe. Gleichzeitig nahm die Gesamtzahl der Augenoptikbetriebe in Deutschland ab, von 11.900 auf 11.550.

Diese Marktkonzentration wirkt sich auf die Preisgestaltung aus, so der Bundesinnungsverband Augenoptik (ZVA). Bestimmte Filialisten setzen demnach auf Komplettpreise für Einstärken- und Gleitsichtbrillen. Dabei beschränkten sie die Fassungsauswahl meist auf Eigenmarken und berieten vor allem im Hinblick auf das Aussehen, weniger auf fachliche Fragen.

Inhabergeführten Betrieben rät der ZVA, sich durch individuelle Marketingkonzepte oder das Angebot optometrischer Dienstleistungen vom preisgetriebenen Wettbewerb abzugrenzen. "Denn wir gehen davon aus, dass die Marktkonzentration weiter voranschreiten wird", so Lars Wandke, Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit und Marketing des ZVA. Auch regionale Ketten kauften Geschäfte zu.

Fleischerhandwerk

Bei steigenden Umsätzen im Fleischerhandwerk ist die Anzahl der Betriebe und Verkaufsstellen im Geschäftsjahr 2019 zurückgegangenen. Damit setzt sich der Trend der Vorjahre fort. Die Zahl der größeren, umsatzstärkeren und leistungsfähigeren Betriebseinheiten steigt. Rund jeder vierte Betrieb im Fleischerhandwerk ist filialisiert und betreibt mindestens eine weitere stationäre Verkaufsstelle. Vor allem bei den Betrieben, die bereits über mehrere Filialen verfügen, ist das Netz weitmaschiger geworden.

"Die Filialisierung ist ein wesentlicher Beitrag zur Standortsicherung im Fleischerhandwerk. Veränderte Standortbedingungen veranlassen zur Schließung unrentabel gewordener Verkaufsstellen und Erschließung neuer, zukunftsorientierter Stützpunkte", sagt Klaus Hühne, Geschäftsleitung Marktbeobachtung und Statistik des Deutschen Fleischer-Verbandes.

Oft seien es die ehemaligen Ladengeschäfte geschlossener Betriebe im Umfeld, die als Filialen weitergeführt würden oder neue Standorte in Einkaufszentren und Markthallen. Zugleich ist das Filialnetz in der gesamten Branche "weiter gestrafft worden". Im Jahresverlauf 2019 sind 447 neue Filialen eröffnet und 866 Filialen geschlossen worden. Mit den Schließungen und der Konzentration auf die attraktiven Standorte würden die Betriebe meist wirtschaftlicher Arbeiten, so Hühne.

Hörakustik

Ähnlich stark ist der Trend zur Marktkonzentration im Hörakustikhandwerk. Ende 2019 machten Filialunternehmen mit mehr als 20 Filialen in der Hörakustik etwa 45 Prozent aller Betriebsstätten aus. Die vier größten, nämlich Sonova, Kind, Amplifon und Fielmann, nehmen rund 30 Prozent aller Betriebsstätten ein.

Trotzdem bleiben weiterhin Unternehmen mit weniger als fünf Betriebsstätten zahlenmäßig in der Mehrzahl. "Große und mittlere Unternehmen spielen zwar eine zunehmend größere Rolle in der Hörakustik. Dass diese jedoch die kleineren Unternehmen zahlenmäßig überholen könnten, sehen wir auch langfristig nicht", sagt Marianne ­Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker. Insgesamt gibt es in Deutschland 6.700 Hörakustik-Fachgeschäfte, die zu knapp 2.400 Hörakustik-Unternehmen gehören. Jede zweite Betriebsstätte bildet aus, egal wie groß oder klein das Gesamtunternehmen ist.

Friseurhandwerk

Im Friseurhandwerk spielt die Filialisierung eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Von den gut 86.000 Salons, die es Ende 2019 in Deutschland gab, waren knapp 10.000 Filialbetriebe, mit zuletzt sinkender Tendenz. Große Ausnahme ist "Klier" mit über 1.000 Salons sowie weitere Ketten in den neuen Bundesländern.

Den inhabergeführten Betrieben des Friseurhandwerks bereiten nicht die Friseurketten ein Problem, sondern die Konkurrenz durch Kleinstselbstständige, so der Zentralverband des Friseurhandwerks. Wer unter der Umsatzsteuergrenze von 17.500 Euro pro Jahr bleibt (geltende Grenze bis 2019, ab 2020 22.000 Euro), darf seine Leistungen mehrwertsteuerfrei anbieten – also um 19 Prozent günstiger. Geschätzte 25.000 solcher Mikrobetriebe gibt es laut Friseurverband, der diese Konkurrenz als wettbewerbsverzerrend und unfair einstuft; auch der seit Jahren anhaltende Beschäftigungsabbau im Gewerk stehe hiermit im Zusammenhang.

Rund 70 Prozent aller umsatzsteuerpflichtigen Friseurunternehmen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter; die Mikrobetriebe werden nicht gesondert erfasst. Ein knappes Viertel der Unternehmen beschäftigt fünf bis neun Beschäftigte. Mehr als 50 Mitarbeiter zählen lediglich 0,3 Prozent aller Friseurunternehmen (Zahlen aus der aktuellsten Handwerkszählung von 2017).

Bäckerhandwerk

Die Anzahl der in die Handwerksrolle eingetragenen Betriebe im Bäckerhandwerk ist weiter rückläufig. Sie fiel 2019 um 4,0 Prozent von 10.925 auf 10.491. Bei sinkendem Bestand der Betriebe erhöhte sich die Zahl der Filialen pro Betrieb. Entsprechend stieg dadurch die Betriebsgröße.

Die durchschnittliche Mitarbeiteranzahl liegt mittlerweile bei 25,4. Auch der Jahresumsatz pro Betrieb ist mit aktuell durchschnittlich 1,45 Millionen Euro seit Jahren steigend. "Die Zahlen zeigen, dass es auch bei den Handwerksbäckern einen Trend zur ‚Größe‘ gibt", sagt Daniel ­Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Viele Familien­betriebe betreiben mittlerweile ­mehrere Filialen oder gerade im ­ländlichen Raum mobile Verkaufsstellen.

Jedoch habe sich der Konzentrationsprozess der Bäckereien verlangsamt. 62 Prozent der Innungsbäcker sind immer noch kleinere Bäckereien mit einem Jahresumsatz von unter 500.000 Euro. "Sie bilden weiterhin das Rückgrat dieser mittelständisch geprägten Branche", sagt Schneider. Die Corona-Pandemie habe Handwerksbäckern eine kleine Renaissance beschert. "Die Menschen haben ihre lokalen Grundversorger schätzen gelernt und haben statt in den Aufbackstationen des Handels ihre Backwaren beim lokalen Bäcker eingekauft", so Schneider weiter.

Das Besondere bieten

Kommentar - Wer durch Deutschlands Innenstädte schlendert, kommt an den Filialisten nicht vorbei. Gastronomie- und Modeketten aber auch Filialisten aus dem Handwerk prägen das Bild seit vielen Jahren. ­Kritiker sprechen von kommerziellen Monokulturen und beobachten eine Gesichtslosigkeit der Innenstädte. Oft lassen sich diese Firmen gleich an mehreren zentralen Standorten und nur wenige hundert Meter entfernt voneinander nieder. Selbstredend in den 1A-Lagen, die sie sich im Gegensatz zu vielen kleinen Betrieben noch leisten können.

Steffen Guthardt

Mieten von mehr als 300 Euro pro Quadratmeter werden inzwischen in den besten Vierteln der Metropolen aufgerufen. Das kann sich der klassische Handwerksbetrieb mit fünf bis zehn Mitarbeitern nicht leisten. Manchem bleibt über kurz oder lang nichts anderes übrig als den Betrieb aufzugeben und den Platz für einen Filialisten frei zu machen. Andere flüchten sich in die günstigeren Randgebiete der Städte. Doch dieser scheinbare Ausweg endet oft in einer Sackgasse. Den geringeren Kosten stehen erhebliche Umsatz­einbußen durch weniger Laufkundschaft gegenüber. Die Pleite ist damit oft nur aufgeschoben.

Die Corona-Pandemie hat die Situation der kleinen Betriebe noch verschärft. Neben den Filialisten sind es die Online-Anbieter, die zunehmend Druck machen. Sie konnten in der Krise rund um die Uhr weiterverkaufen und mehr Geschäft machen als zuvor.

Andererseits scheint die Krise zu einem Umdenken der Verbraucher zu führen. Die Wertschätzung für handwerkliche und regionale Produkte steigt. Fachwissen und Qualität sind mehr denn je gefragt, wie der Bäckerverband berichtet, der von einer „Renaissance“ spricht. Diese Rückbesinnung auf Werte ist eine Chance für die kleinen Betriebe. Wer etwas Besonderes und Individuelles bietet, kann sich von der Masse abheben und Kunden langfristig an sich binden.
steffen.guthardt@holzmann-medien.de

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten