Metalldrückerei Hugo Bräuer Wie das richtige Netzwerk alte Handwerksarbeit rettet

Große Wannen, kleine Deckel oder Miniaturteilchen einer großen Maschine – in fast allen technischen Geräten und vielen Möbelstücken sind irgendwo Metallstücke eingesetzt. Was früher die Metalldrücker mit Muskelkraft und Werkzeug passend zurechtgebogen haben, kommt heute meist als Massenware aus der Stanzmaschine. Doch nicht im Handwerksbetrieb von Hugo Bräuer. Er fertigt noch immer in alter Tradition und punktet damit bei Designern und der Wissenschaft.

Jana Tashina Wörrle

Die Werkstücke der Metalldrückerei Hugo Bräuer sind oft Prototypen für Jungdesigner. Der Handwerksbetrieb bekommt immer mehr Aufträge aus dieser Branche. - © Foto: Jana Tashina Wörrle

Der Weg in die Werkstatt von Hugo Bräuer wirkt wie eine kleine Zeitreise. Über einen typischen Berliner Hinterhof, umsäumt von Neuköllner Altbauten, geht es durchs Treppenhaus, durch eine schwere Metalltür, vorbei an Schwarz-Weiß-Fotos und vielen alten Meisterbriefen. Die Metalldrückerei hat Hugo Bräuer, der Urgroßvater des heutigen Geschäftsführers, der ebenfalls diesen Namen trägt, im Jahr 1907 gegründet. Seine Werkstatt strahlt noch heute den Charme von über 100 Jahren Handwerksarbeit aus.

Nischen statt Massenfertigung

Schon nach einem Schritt hinein steht man mitten zwischen alten Werkbänken – lautes Hämmern und Funken überall. Hier wird nicht nur auf Knöpfchen gedrückt, sondern stattdessen direkt mit den Händen und ein paar Hilfsmittel aufs Metall. Die Metalldrückerei Hugo Bräuer ist eine der wenigen dieser Firmen, die noch heute traditionell arbeitet und nicht auf computergestützte Technik setzt. Insgesamt gibt es in Deutschland nach Schätzungen des Bundesinnungsverbands der Galvaniseure, Graveure und Metallbildner noch etwa 80 Metalldrückerbetriebe.

Hugo Bräuer führt den über 100 Jahre alten Betrieb in vierter Generation und bringt altes Handwerk in die Jetztzeit. - © Foto: Jana Tashina Wörrle
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Möchte man heutzutage noch eine Ausbildung in diesem Beruf machen, muss man den Weg des Metallbildners einschlagen und sich später auf die Fachrichtung Gürtler und Metalldrücker spezialisieren.  Hugo Bräuer "Junior" hat stattdessen jedoch den Beruf des Schlossers für seine Meisterausbildung gewählt und ist dann in den Familienbetrieb eingestiegen.

"Die große Nachfrage für unseren Beruf gibt es leider heute nicht mehr, da wir eher Nischen bedienen und keine große Massenfertigung", sagt der Geschäftsführer. Doch mit genau diesen Nischen sichert er den Bestand seines Unternehmens. "Mein Sohn ist jetzt 14 und ich hoffe, dass auch er die Begeisterung für unser Handwerk findet", sagt Bräuer.

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In der Werkstatt von Hugo Bräuer herrscht ein geordnetes Chaos. Viele Werkstücke lagern hier. - © Foto: Jana Tashina Wörrle
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Einen Eindruck von diesen Nischen bekommt man in der Werkstatt nicht sofort. Hier stapeln sich in einem großen, schiefen Holzregal unzählige Metallschalen jeglicher Größe und Materials. Darunter sind die Formen der alten Berliner Gaslaternen und einige Prototypen für Lampenschirme und andere Möbelstücke bzw. Teile davon, die Designer bei ihm fertigen lassen. Über einen glücklichen Zufall konnte Hugo Bräuer Kontakt knüpfen zur Fachhochschule in Potsdam und den dort studierenden und werkelnden Designern.

"Das hat sich dann irgendwie rumgesprochen und mittlerweile kommen auch andere Jungdesigner, die uns beauftragen ein paar Prototypen ihrer Entwürfe herzustellen", erzählt Bräuer stolz. Andere Aufträge bekommt er auch aus der Medizintechnik oder für spezielle Prüfgeräte etwa für Baustoffe oder andere Materialien. "Eigentlich sind wir sind ein Zuliefererbetrieb für andere Hersteller, aber hier wird die Auftragsakquise immer schwieriger und die Konkurrenz aus der Industrie größer."

Immer entlang der Form

Umso mehr freut er sich, dass er nun immer wieder mit den Designern zusammenarbeiten kann. "Als das einmal begonnen hat, ist es schnell zum Selbstläufer geworden", sagt der Handwerksunternehmer. Und so haben auch Miriam Aust und Sebastian Amelung, zwei Möbeldesigner aus Kassel, über Freunde aus der Branche von Hugo Bräuer erfahren. Sie lassen nun zwei Prototypen für Lampenschirme aus Aluminium bei ihm drücken.

Konkurrenz hat die Metalldrückerei Hugo Bräuer kaum, denn per Hand formt fast kein Betrieb mehr das Metall. - © Foto: Jana Tashina Wörrle
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Gespannt schauen sie Geselle Nils Neugebauer über die Schulter, als er eine Aluplatte in den Schraubstock spannt. In einer Schreinerei haben sie zuvor eine Form ihres Lampenschirms aus Holz drechseln lassen, an der das Metall nun entlanggedrückt wird. Nils Neugebauer versetzt die Form in eine gleichmäßige Rotation und fängt an zu drücken. Erst mit einer sogenannten Drückrolle, dann mit der Drückkugel.

Er stemmt sich gegen das Werkstück und drückt in gleichmäßigen Bewegungen immer entlang der Form. Obwohl es staubt und es mit fortschreitendem Drücken immer wärmer wird in der Werkstatt, sieht man ihm die Anstrengung nicht wirklich an. "Das ist ja nur Alu und für mich deshalb ganz einfach", sagt der 30-Jährige lachend und weist sogleich darauf hin, dass er drei Mal die Woche nach der Arbeit ins Fitnessstudio geht.

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Mehr Power als für Aluminium braucht er jedoch, wenn er Messing oder Stahlblech drücken muss. Dann sind statt Holz- auch Metallformen nötig. "Ich mag es, wenn ich hier richtig Abwechslung habe beim Material und bei den Formen", sagt Neugebauer, der seit seiner Ausbildung vor neun Jahren bei Hugo Bräuer in Neukölln arbeitet.

Viel Abwechslung beim Material und bei den Formen

Auch feine Ecken udn Kanten kann Metalldrücker Nils Neugebauer mit seinem Spezialwerkzeug manuell formen. - © Foto: Jana Tashina Wörrle
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Obwohl er in der Berufsschule immer eine Sonderbehandlung bekommen musste, – in einigen Fächern sogar Einzelunterricht, weil er der einzige Metalldrückerlehrling war – hat ihn der Beruf mehr gereizt als seine erste Ausbildung als Kfz-Mechaniker bei BMW. Diese hat er nicht beendet. "Das war mir zu einseitig", erzählt er. Handwerkskammer und Berufsschule haben ihm damals die neue Lehrstelle vermittelt, als er sich dafür entschieden hatte, wechseln zu wollen.

Wechseln will er den Beruf heute nicht mehr, nur ab und zu die Werkstücke und das Material. Für das Designerduo Aust & Amelung hat er nun die beiden Aluschirme, die einmal zu einer großen Stehlampe werden sollen, fertig gedrückt. Nach ausführlicher Begutachtung sind die beiden sehr zufrieden und packen die noch unfertigen Prototypen ein. Es fehlen noch Lackierung und einige andere Details. Die Holzform lassen sie gleich in der Werkstatt, damit schnell Nachschub gedrückt werden kann, wenn nötig.