Schon mal von einem Recruiting-Funnel gehört? Viele Handwerksbetriebe bewerben ihre Stellenanzeigen auf Social Media und setzen dabei auf Werbeanzeigen und unkomplizierte Bewerbungsprozesse. Zwei von ihnen berichten.

Ein paar Ja- und Nein-Fragen beantworten, durch einen Multiple Choice-Teil zu Erfahrungen und Qualifikationen klicken, die Kontaktdaten eingeben und auf "Senden" klicken – und schon ist die Bewerbung abgeschickt. Seit die Koch-Autogruppe ihren Recruiting-Funnel einsetzt, hagelt es Bewerbungen. Knapp 20 innerhalb nur einer Woche waren es nach dem Start, berichtet Lutz Härterich, Geschäftsführer der VW- und Seat/Cupra-Händlers aus Schwäbisch-Hall. "Durch das neue Verfahren über die sozialen Medien wollen wir Hemmschwellen abbauen und auch Quereinsteiger dazu motivieren, sich zu bewerben." Nach der ersten digitalen Kontaktaufnahme stellt Härterich dann den persönlichen Kontakt zu den potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten her: Er greift zum Telefon und ruft sie an.
Fachkräftemangel fordert neue Wege im Bewerbungsprozess
Kleine und mittelständische Betriebe wie die Koch-Autogruppe sind darauf angewiesen, beim Recruiting neue Wege zu gehen, denn der Fachkräftemangel ist allerorten zu spüren. Die langsam in die Rente gehende Generation der Babyboomer macht ihn zu einer der drängendsten Herausforderungen der allermeisten Unternehmen hierzulande. Insgesamt 12,9 Millionen Menschen werden dem Arbeitsmarkt in Deutschland bis zum Jahr 2036 verloren gehen, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Dies entspreche knapp 30 Prozent der Erwerbstätigen des Jahres 2021. Die jüngeren Altersgruppen werden diese Lücke den amtlichen Daten zufolge nicht schließen können. So machen die derzeit 15- bis 24-Jährigen der Statistik nach nur rund 8,4 Millionen Erwerbstätige aus.
Mehr Jobangebote als Bewerber
"Der demografische Wandel sorgt dafür, dass sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren von einem Angebotsmarkt zu einem Nachfragemarkt entwickelt hat und noch weiter entwickeln wird", sagt Stephanie Krüger, Head of Talent Acquisition bei der Personalberatung HRtbeat. "Das bedeutet, die Anzahl der Jobangebote ist deutlich höher als die Anzahl der jobsuchenden Personen." Vor diesem Hintergrund sei das Personalmarketing für Unternehmen enorm wichtig geworden. Es gehe darum, einerseits neue Mitarbeiter zu gewinnen und andererseits die bereits vorhandenen zu halten. Die sozialen Netzwerke spielen dabei eine immer wichtigere Rolle.
Passgenau auf die Stelle – beste Erfahrungen mit bezahlten Kampagnen
"Wir setzen auf eine gezielte Ansprache über Facebook und Instagram, ergänzt durch Funnel-Marketing-Kampagnen", sagt auch Marco Berentelg, Geschäftsführer des Bikerzentrums Berentelg in Meppen. "Dabei erstellen wir speziell auf Ausbildungs- oder Fachkräftestellen zugeschnittene Inhalte, die direkt auf optimierte Landingpages führen." Ziel sei es, Interessenten niedrigschwellig zur Kontaktaufnahme oder Bewerbung zu motivieren. Besonders erfolgreich sei man hierbei mit bezahlten Kampagnen auf den Meta-Plattformen Facebook und Instagram. "Organische Reichweite reicht für effektives Recruiting unserer Erfahrung nach nicht aus", so Berentelg. Neben Social Media habe sich dabei auch Indeed als effektive Plattform für die Fachkräftegewinnung etabliert. "Wir arbeiten vorrangig mit bildstarken Formaten wie Reels, Karussells und Story Ads sowie mit Funnel-Lösungen, bei denen Interessierte direkt durch einen klaren Bewerbungsprozess geführt werden." Vor allem die Resonanz auf die Funnel-Kampagnen sei sehr positiv gewesen – sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht.
Schnelligkeit im Bewerberprozess zählt vor allem bei jüngeren Bewerbern
Unternehmen müssten sich als attraktive Arbeitgeber in der digitalen Welt zeigen, betont Frank Schieback, Geschäftsführer des Mittelstandsnetzwerks Sellwerk. "Dazu gehören unter anderem ein professionelles Unternehmens-Profil sowie ein optimierter und insbesondere digitaler Recruiting-Prozess." Sobald Interessierte auf die ausgeschriebenen Stellen aufmerksam werden und sich bewerben, gelte es, ein strukturiertes Bewerbungsverfahren sicherzustellen. "Denn diese sogenannte Candidate Journey trägt schließlich dazu bei, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden", betont Schieback. "Vor allem jüngere Kandidaten, die es gewohnt sind, ein heute bestelltes Produkt schon am nächsten Tag geliefert zu bekommen, akzeptieren lange Entscheidungsprozesse und eine fehlende Kommunikation immer weniger."
"Online-Auftritt und Kommunikation nach außen entscheidend"
Dass sich Social-Media-Recruiting weiter etablieren werde, um die jüngeren Generationen zu erreichen, liege dabei auf der Hand, so Schieback. "Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen hat Social Media mittlerweile höchste Priorität." Denn heutzutage würden Jobeinsteiger nicht nur einen Ort suchen, an dem sie Geld verdienen können. "Sie möchten sich mit der Organisation, für die sie arbeiten, identifizieren, in ihr wachsen und sich wertgeschätzt fühlen", erläutert Schieback. "Dabei sind der Online-Auftritt und die Kommunikation nach außen entscheidend." Eine wichtige Rolle spiele dabei die eigene Webseite sowie die Social Media-Profile. "Vor allem junge Bewerberinnen und Bewerber informieren sich gerne auf Instagram, LinkedIn oder sogar TikTok über ihre potenziellen Arbeitgeber und möchten sich dort ein möglichst authentisches Bild von Team, Kunden und dem Arbeitsalltag machen", so der Experte.
Neue Wege lohnen sich – die Herausforderung bleibt
Fest steht jedenfalls: Nur eine Stellenanzeige zu schalten, reicht längst nicht mehr aus. "Klassische Stellenanzeigen – insbesondere in Print – erreichen häufig nicht mehr die gewünschte Zielgruppe", erklärt der Meppener Motorradhändler Berentelg. "Social Media bietet uns dagegen die Möglichkeit, sehr spezifisch und regional genau die Menschen zu erreichen, die zu unserem Unternehmen passen könnten." Zudem seien auch die Reaktionszeiten über digitale Kanäle deutlich kürzer. Aber auch eine noch so ansprechende Karriereseiten kombiniert mit einer tollen Social Media-Strategie kann über eines nicht hinwegtäuschen: In der heutigen Zeit ist und bleibt es für Unternehmen eine Herausforderung, passende Fachkräfte für sich zu begeistern.
Funnel-System – was ist das?
Ein Funnel (deutsch: Trichter) ist ein mehrstufiger Prozess im Marketing oder Vertrieb, das den Weg potenzieller Kunden von der ersten Kontaktaufnahme bis zur gewünschten Aktion (z.B. Kauf, Anfrage, Anmeldung) abbildet. Im Recruiting via Social Media werden auch Personen angesprochen, die nicht aktiv auf Jobsuche sind. Der Funnel besteht klassischerweise aus folgenden Stufen:
- Bewerber über Social-Media-Anzeigen auf die Website locken
- Auf der eigens angelegten Landing Page erhalten Bewerber Einblicke ins Unternehmen und das Stellenprofil
- Interessierte Talente werden durch einfache, mobile-optimierte Bewerbungsprozesse zur tatsächlichen Bewerbung motiviert.
- Prüfung der eingegangenen Bewerbungen, ggf. führen von ersten Interviews, um niedrigschwellig mehr Informationen einzuholen
- Auswahl der Kandidaten für klassisches Bewerbungsgespräch