Sophie Johanna Schumann traute sich erst nicht an die Ausbildung zur Maßschneiderin – heute entwirft sie in ihrem Atelier Kleider im Stil der 1950er-Jahre. Kurz vor dem ersten Corona-Lockdown wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Geschichte eines mutigen Neuanfangs.

Wenn Sophie Johanna Schumann in ihrem Atelier in Georgenthal arbeitet, schließt sich ein Kreis. Aufgewachsen auf dem Grundstück ihres Großvaters, entwirft sie hier heute Kleider, die wie aus einer anderen Zeit wirken und dennoch ganz im Jetzt getragen werden. Unter ihrem Label "Die Landgräfin" verbindet die 36-Jährige Familiengeschichte, Handwerk und eine klare gestalterische Haltung.
Ehre für die Großmutter
Der Name selbst erzählt schon eine Geschichte: Er ehrt ihre Großmutter, zu der sie eine enge Bindung hatte. "Ihr Mädchenname war Landgraf", erzählt Sophie Johanna Schumann, die zuletzt an den Europäischen Kunsthandwerkstagen ihr Atelier für Besucher geöffnet hat. Dass Schumann einmal Mode entwerfen würde, war nicht selbstverständlich. Zwar wollte sie schon als Jugendliche Maßschneiderin werden und hatte sogar eine Zusage für eine Ausbildung. Doch aus Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, entschied sie sich zunächst für einen anderen Weg: Sie wurde Bürokauffrau. "Das habe ich lange bereut", sagt sie rückblickend – auch wenn sie ihren Beruf stets gewissenhaft ausübte.
Leidenschaft Nähen
Die Leidenschaft fürs Nähen ließ sie jedoch nie los. In ihrer Freizeit experimentierte sie weiter mit Stoffen und Schnitten, bis sich eine neue Möglichkeit auftat: eine Anstellung in einem Stoffladen in Gotha. "Ich hatte immer den Anspruch, im Laden etwas Selbstgenähtes zu tragen", erzählt sie. Die Resonanz ließ nicht lange auf sich warten. Kundinnen fragten nach ähnlichen Stücken, und so entstand Schritt für Schritt ihre eigene Modelinie.

Kurz vor dem ersten Lockdown der Corona-Pandemie wagte Schumann den entscheidenden Schritt: Sie kündigte ihre Festanstellung, machte sich selbstständig und ließ sich in die Handwerksrolle der Handwerkskammer Erfurt eintragen. "Ein mutiger Schritt, den ich heute vielleicht etwas strukturierter angehen würde. Aber ich habe ihn zu keiner Zeit bereut", betont sie.
Mode im Stil der 1950er-Jahre
Heute entwirft Schumann Mode im Stil der 1950er-Jahre – mit schmalen Taillen, weitschwingenden Röcken und femininen Kleidern – konträr zur derzeit oft weit geschnittenen Alltagsmode. "Meine Kleidung soll der Figur schmeicheln und Freude machen", sagt sie. Die Kollektion richtet sich nicht nur an besondere Anlässe wie Hochzeiten oder Schuleinführungen, sondern ausdrücklich auch an den Alltag. Viele Stücke lassen sich problemlos mit Jeans kombinieren.
Originale Schnittmuster
Authentizität steht für Schumann an erster Stelle. Sie arbeitet mit originalen Schnittmustern aus alten Zeitschriften und kooperiert mit einer Schnittdirektrice, die ihre Entwürfe professionell umsetzt. So entstehen Kleidungsstücke, die historisch inspiriert, aber tragbar und modern sind – fernab von Kostüm oder Verkleidung. Produziert wird bewusst in kleinen Serien: meist ein Teil pro Größe von XS bis XXL, dazu Einzelstücke und Maßanfertigungen. Langlebigkeit und Nachhaltigkeit stehen im Mittelpunkt – als bewusster Gegenentwurf zur schnelllebigen Massenware. "Wenn ich das Glitzern in den Augen meiner Kundinnen sehe, wenn sie ein Kleid anprobieren, dann weiß ich, warum ich das mache", sagt Schumann.
Weitere Pläne
Mit ihrem eigenen Label hat sich die Thüringerin letztlich ihren Kindheitstraum erfüllt. Und die Entwicklung geht weiter: Zunehmend plant sie auch Mode für Herren, denn die Nachfrage wächst stetig. Für Sophie Johanna Schumann ist klar: Handwerk, Leidenschaft und Mut führen manchmal genau dorthin, wo man schon immer hinwollte.