Personal + Management -

Aktionstag "FRAUEN unternehmen heute!" Frauen im Handwerk: Gründerinnen gesucht

Es gibt zu wenige Frauen im Handwerk und wenn, dann arbeiten sie überwiegend in kaufmännischen und Dienstleistungsberufen. Warum das so ist und weshalb sich so wenige Frauen für die technischen Berufe des Handwerks interessieren, zeigt eine aktuelle Studie.

Sonja Bleuel hat sich an ihre Sonderrolle gewöhnt: „Ich war immer das einzige Mädchen. Aber das war okay.“ Die 29 Jahre alte Aschaffenburgerin ist Kfz-Meisterin und damit Exotin in einem Beruf, der seit Jahren unangefochten die Nummer eins ist unter den beliebtesten Ausbildungsberufen junger Männer. 18.526 junge Leute traten 2014 ihre Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker an, 17.856 Männer, 670 Frauen.

Ganz anders ist die Lage bei den Friseuren, dem von Frauen am häufigsten gewählten Ausbildungsberuf im Handwerk. Hier waren 2014 von den 10.731 neuen Auszubildenden 9.349 Frauen – fast 90 Prozent.

Aktionstag für Gründerinnen

Doch nicht nur in einigen Handwerksbranchen sind Frauen viel seltener vertreten als Männer. Auch bei den Unternehmensgründern gibt es mehr Männer – mit 43 Prozent liegen die Frauen allerdings nicht weit hinter den Männern. Im Rahmen der Gründerwoche Deutschland, die gerade stattfindet, gibt es am Donnerstag , den 17. November 2016, einen bundesweiten Aktionstag unter dem Motto "FRAUEN unternehmen heute!" . Organisiert wird die Gründerwoche unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium

Laut BMWi geht es dabei darum, weibliches Unternehmertum sichtbarer zu machen und Frauen zur unternehmerischen Selbständigkeit zu ermutigen. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen des Aktionstags stehen deshalb auch Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit bereits gewagt haben und von ihren Erfahrungen berichten. Daneben gibt es eine kostenlose Telefon-Hotline für gründungsinteressierte Mädchen und Frauen. Weitere Infos zu den Veranstaltungen und zum Aktionstag "FRAUEN unternehmen heute!" gibt es unter bmwi.de.>>>

Weibliche Fachkräfte gesucht

Nicht nur bei den Selbstständigen ist jedoch mehr Mut gefragt. Denn die oben genannten Zahlen zu den Branchen sind symptomatisch für die Lage der Frauen im Handwerk, wie eine neue Studie bestätigt. Darin hat das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums die Rolle von Frauen im Handwerk untersucht.

Der Hintergrund: Es gibt zu wenige Frauen im Handwerk und sie verteilen sich überwiegend auf kaufmännische und Dienstleistungsberufe: Friseurin, Verkäuferin im Lebensmittelhandwerk und Bürokauffrau umfassen fast 60 Prozent der weiblichen Azubis.

Spätestens seit immer mehr Gewerke keine Fachkräfte mehr finden, sind Frauen begehrte Arbeitskräfte. Doch sie sind schwer für die handwerklichen MINT-Berufe (MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu gewinnen. Nicht einmal die Hälfte der Schulabgängerinnen erwägt überhaupt eine Ausbildung im dualen System, und von diesen interessieren sich nur zehn Prozent für eine gewerblich-technische Lehre.

Frauenanteil in männerdominierten Berufen steigt langsam

Dennoch bewegt sich etwas: „Knapp 4.000 Frauen haben 2013 ­eine Ausbildung in einem männerdominierten Handwerksberuf angefangen“, sagt Katarzyna Haverkamp, Mitautorin der Göttinger Studie. Der Frauenanteil steigt nur langsam, aber: Zu den Top-Ten-Ausbildungsberufen der Frauen zählen heute auch Kfz-Mechatroniker, Tischler, Maler und Lackierer sowie Bäcker.

Nicht nur die Frauen selbst, auch die Chefs müssen umdenken: Bei gleicher Qualifikation haben es Frauen schwerer als Männer, einen Ausbildungsplatz in einem MINT-Handwerk zu ergattern. Dabei schneiden sie in den Gesellenprüfungen im Schnitt besser ab als Männer – auch in MINT-Gewerken.

Für Sonja Bleuel lag der Weg ins Kfz-Handwerk nahe. Sie ist im väterlichen Betrieb groß geworden. Ein Betriebswirtschaftsstudium allein war ihr zu theoretisch, das Mechatronikerhandwerk lernte sie in einer Münchner Werkstatt, den Meister schloss sie gleich an. „Ich habe wie alle anderen sommers wie winters in der Werkstatt gearbeitet. So bin ich auf Augenhöhe mit unseren Mechanikern.“ Das Klischee, Frauen seien nicht zäh genug für die Arbeit, lacht sie weg: „Unsere männlichen Azubis sind auch nicht alle muskelbepackte 90-Kilo-Männer. Wo jemandem die Kraft fehlt, gibt es Hilfsmittel.“

Umdenken bei Eltern, Lehrern und Betrieben

Wenn tatsächlich mehr Frauen in den gewerblich-technischen Bereich gehen sollen, muss sich noch einiges ändern. Die Autoren der Studie empfehlen, Schülerinnen aller Schultypen die Möglichkeit zu geben, praktische Erfahrungen gerade auch in kleineren Gewerken zu sammeln, so wie es beim „Girls’Day“ der Fall ist.

Betriebe sollten eine „Willkommenskultur“ entwickeln, sich überlegen, wie sie auch Frauen mit höheren Schulabschlüssen an sich binden können.
Bei Künzig und Bleuel in Aschaffenburg scheint dies gelungen zu sein: „Für uns ist es normal, dass alle zwei, drei Jahre auch ein Lehrmädel unter den Azubis ist“, sagt Geschäftsführerin Sonja Bleuel. Und auch eine Monteurin steht im Betrieb seit Jahren ihren Mann.

Der Beitrag wurde am 16. November 2016 aktualisiert.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten