Schicker Schutz Wer bei Sälzer bestellt, lebt mit der Gefahr

Die Sälzer GmbH aus Marburg baut Fassaden, Fenster und Türen zum Schutz ihrer Kunden – die Produkte des Metallbauers schützen vor den schlimmsten Gefahren, fügen sich jedoch dank zeitgemäßem Design nahtlos ins Häuserbild.

Tim Füldner, Sälzer GmbH Marburg
Tim Füldner mit Fenstern und Fassaden, die jeweils mit 100 Kilogramm und mehr Sprengstoff getestet wurden. - © Nadine Weigel

Als die Patrone mit einem Kaliber von 7,63 mal 51 Millimeter mit mehr als 830 Metern pro Sekunde auf dem Panzerglas auftrifft, ist durch den Gehörschutz nur ein dumpfer Knall zu hören. Man kann nur ahnen, welcher Belastung die Ohren ohne den Schutz ausgesetzt gewesen wären. Gleichzeitig spritzen Glassplitter an die durchsichtige Trennwand, die den Schützen und die Zuschauer vom Schießkanal abtrennt.

Das Projektil hat einen ordentlichen Trichter aus dem Sicherheitsglas geschlagen. Was das Geschoss ohne den Schutz durch das Panzerglas anrichten könnte, mag man sich nicht vorstellen. Durch diesen Block ist jedenfalls kein Durchkommen.

Ein wenig stolz präsentiert Günter Ludwig die andere immer noch spiegelglatte Seite des Glasblocks. Der Leiter der Abteilung für Objektschutztüren und Perimeterschutz demonstriert, wie gut das aus mehreren Scheiben und Folie schichtweise aufgebaute Panzerglas dem Projektil standhält. Hier in einer Schießanlage des ballistischen Prüfzentrums testet Ludwig die Produkte der Sälzer GmbH in Marburg.

Schutz in den höchsten Sicherheitsklassen

Das mittelständische Unternehmen baut Fassaden, Fenster und Türen aus Glas und Metall für den Objektschutz. Schützen heißt in dem Fall Schutz des Lebens. Wer bei Sälzer etwas bestellt, der lebt mit der realen Gefahr oder zumindest mit der Angst davor, Opfer eines Anschlags oder eines Einbruchs zu werden. Sei es durch den Gebrauch einer Schusswaffe oder durch eine Explosion.

Die Produkte, die Sälzer herstellt, sind deswegen mit handelsüblichen ungesicherten Fassaden, Fenstern oder Türen nicht zu vergleichen. Die Elemente wurden speziell für die Absicherung gegen Einbruch, Durchschuss und Explosion entwickelt. Da die Sicherheitskomponenten in die Profile integriert sind, unterscheiden sie sich äußerlich auch nicht von ungesicherten Produkten. In Verbindung mit den speziellen Sicherheitsverglasungen bieten die Fenster, Türen und Fassaden Schutz in den höchsten Sicherheitsklassen. Sälzer-Produkte sind zertifiziert und garantieren zum Beispiel eine Durchschusshemmung bis zur höchsten Beschussklasse der DIN Norm FB7-NS.

Günter Ludwig, Beschusstest
Im ballistischen Prüfzentrum kann Günter Ludwig die Schusssicherheit der Gläser gleich vor Ort testen. - © Nadine Weigel

"Für mich sind das extrem sinnstiftende Anwendungen. Ich spüre, dass wir hier Werte schaffen."

Tim Füldner, Geschäftsführer

Doch Schutz allein genügt Sälzer nicht. Gutes Design und individuelle Gestaltung sind dem Unternehmen ebenfalls wichtig. Wer hier spröde, langweilige Metalleinfassungen erwartet, weiß nicht um die Möglichkeiten des modernen Fassadenbaus. Die Fassaden fügen sich bruchlos in eine zeitgemäße, großstädtische Architektur. Müssen sie auch, denn die Architekten, die Gebäude für schutzbedürftige Menschen entwerfen, wollen ihre Ideen auch in der von Sälzer gefertigten Gebäudehülle wiederfinden. Botschaften beispielsweise als Visitenkarte eines Landes, in Hauptstädten an großen Straßen und bekannten Plätzen erbaut, sehen eindrucksvoll und repräsentativ aus.

Vor Anschlägen müssen sie dennoch geschützt sein. Meist ist es der Schutz vor dem Einbruch, dem Beschuss und dem Sprengstoffanschlag oder sogar deren Kombination, der die Panzerung nötig macht, wie bei militärischen Einrichtungen, Banken, Polizeistationen oder nukleartechnischen Anlagen. Manchmal muss aber auch der Ausbruch vereitelt werden, wie etwa bei Justizvollzugsanstalten. Vielfach geht es weniger um die Sache als die Personen, die geschützt werden müssen, etwa bei der Wohnortabsicherung von Politikern.

Beschusstests beschleunigen die Produktentwicklung

Der eigene Firmensitz in Marburg kommt deutlich pragmatischer daher und erinnert in seiner Zweckmäßigkeit an Gewerbebauten aus den 1980er-Jahren. Das Gebäude birgt jedoch andere Vorteile. Als frühere militärische Liegenschaft war es sozusagen ein Glückstreffer, weil es eine alte Bunkeranlage besaß und damit eine normgerechte Schießanlage bot, erläutert Geschäftsführer Tim Füldner.

Dem Unternehmen war es nach dem Einzug nun möglich, die Beschusstests ihrer Produkte selbst durchzuführen – ein entscheidender zeitlicher Vorteil. Während andere Firmen bis zu drei Monate auf die Ergebnisse warten müssen, ist Sälzer nach zwei Tagen mit dem Testen durch und kann sagen: Hält oder hält nicht. Im ballistischen Prüfzentrum werden alle Produkte an handelsüblichen Waffen getestet. Bei entsprechenden Vorführungen bekommen die Kunden den Schutzeffekt gleich auch noch live präsentiert.

Günter Ludwig, getestetes Sicherheitsglas
Das Projektil hat einen Krater ins Sicherheitsglas geschlagen. Die andere Seite ist jedoch spiegelglatt. - © Nadine Weigel

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, wie Füldner betont. Der Geschäftsführer kam von der Schüco KG – ebenfalls Anbieter für Fenster, Türen und Fassaden –, die 2018 das Marburger Handwerksunternehmen übernommen hat. Nach ein paar Monaten Zusammenarbeit mit den früheren Eigentümern, der Familie Sälzer, ist er seit dem 1. Juni verantwortlicher Geschäftsführer. Wer Tim Füldner zuhört, merkt ihm die Begeisterung für die Produkte an. Er verweist auf den guten Zweck, die Menschen und Dinge, die es zu schützen gilt. Nicht zu vergessen sei die eigene Forschung und Entwicklung, die Sälzer an den Produkten vorantreibt. Füldner ist sich sicher: "Ich spüre, dass wir hier Werte schaffen."

Gegründet wurde die Firma Sälzer vor langer Zeit, als noch niemand über Geschossgeschwindigkeiten von 1.000 Metern pro Sekunden nachgedacht hat. 1777 ließ sich der Eisenhändler und Nagelschmiedemeister J. Ernst in Marburg nieder. Erst von 1930 an war die Firma im Besitz der Familie Sälzer. Damals übernahm Schlossermeister Heinrich Sälzer den Betrieb. Sein Sohn Heinrich folgte ihm 40 Jahre später. Fenster, Türen und Fassaden gehörten damals schon zum Angebot.

Gebäudesicherheit wurde erst Anfang der 1970er-Jahre zum Thema – auch ausgelöst durch den Terrorismus der Rote Armee Fraktion. Sälzer erkannte, dass Sicherheit ein bis dahin unerschlossener, dafür aber lukrativer Markt war. 1978 meldete das Unternehmen sein erstes Patent für ein durchschusshemmendes Fenster an. 1983 folgte das zweite mit einem Fenster, das die Sprengwirkung hemmt und danach viele weitere. 2018 wiederum rundete Schüco mit der Übernahme des Unternehmens sein Angebot an Sicherheitstechnik ab.

Am Ende muss eine Seite unversehrt sein

Denn die Nachfrage nach schützenden Elementen steigt immer noch. Derzeit steckt Füldner in der Planung für eine Halle mit 3.000 Quadratmeter Grundfläche. Ebenfalls geplant ist ein Kompetenzzentrum für Hochsicherheit, wo Einbruchversuche und Elemente auf Explosionsschutz getestet werden können. Eröffnung: Herbst 2023.

Auch mit diesen Investitionen sei man den Wettbewerbern gegenüber deutlich im Vorteil, sagt Tim Füldner. Weltweit gebe es ohnehin nur fünf ernstzunehmende Konkurrenten. Mal abgesehen von fehlenden Schießanlagen, prüften die anderen Firmen auch die neuralgische Stelle der Verbindung zwischen Rahmen und Fenster nicht eingehend. Denn das sei inhaltlich nicht von der Norm vorgegeben. Bei Sälzer jedoch ist diese Prüfung von Materialübergängen Standard. Sogar die Kombination aus allen Schutzkategorien, von der Durchschuss- über die Einbruchhemmung bis zum Schutz vor Explosionen, ist Teil des Angebots. Denn am Ende bleibt das eine Ziel: Die andere Seite des Glases muss unversehrt sein.