DHZ-Gespräch mit Pater Anselm Grün "Wer andere führen will, muss sich selber führen"

DHZ-Gespräch mit Pater Anselm Grün, Cellerar der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, über Führung und die Krise des Kapitalismus.

Frank Muck

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    Pater Anselm Grün.
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    Pater Anselm Grün,der wohl bekannteste Benediktinermönch Deutschlands, kümmert sich als Cellerar um die wirtschaftlichen Belange seines Klosters. Daneben gehört er zu den meistgelesenen christlichen Autoren unserer Tage. Die Vorträge und Seminare des Auflagenmillionärs und internationalen Bestsellerautors sind immer sehr gut besucht. Leidenschaftlich versucht er auf die Nöte und Fragen der Menschen einzugehen. Auch viele Manager aus der Wirtschaft schätzen ihn als spirituellen Berater und geistlichen Begleiter.

„Wer andere führen will, musssich selber führen“

DHZ: Gibt es den optimalen Führungsstil?

Grün: Nein, es gibt nicht den optimalen Führungsstil. Wichtig ist, dass jeder mit seiner eigenen Persönlichkeit führt und dass er spürt, wie er in den Menschen Leben wecken und wie er den Leuten Lust an der Arbeit machen kann. Bevor ich einen Stil entwickle, muss ich erst mal an mir selber arbeiten. Ich muss in Einklang sein mit mir selbst, also muss mich selber mögen, sonst geht von mir nichts Gutes aus. Sonst geht von mir womöglich etwas Aggressives oder etwas Menschenverachtendes aus und das tut den Menschen nicht gut.

DHZ: Sind bestimmte Eigenschaften unabdingbar für einen guten Führungsstil?

Grün: Wer andere führen will, muss sich selber erst mal führen. Natürlich gibt es Menschen, die von Haus aus eine Begabung und den Mut haben voranzugehen. Der Chef muss auf jeden Fall ein gewisses Vertrauen haben zu den Mitarbeitern. Er sollte außerdem Weitsicht haben und über den Augenblick hinaussehen können. Er muss die Menschen bestärken können und den Betrieb dauerhaft lieben, so dass alle davon leben können. Gerade in Familienbetrieben ist das nicht jedem in die Wiege gelegt. Ein Nachfolger muss eben an sich arbeiten und Methoden lernen, wie er informiert und strukturiert. Er darf vor allem auch nicht seinen Vater kopieren wollen, sondern den Mut haben, mit seiner eigenen Persönlichkeit zu führen.

DHZ: Das ist ein ganz entscheidendes Thema gerade in Handwerksunternehmen, wo die Nachfolge für Eltern und Kinder ein hohes Konfliktpotenzial bietet.

Grün: Das verlangt von den Eltern, Vertrauen in den Sohn oder die Tochter zu haben, die Fähigkeit loszulassen und nicht ständig reinreden und kontrollieren zu wollen. Für Väter ist eine weitere Form von Führung nötig: Väterliche Energie auszustrahlen und den Kindern den Rücken zu stärken. So dass der Sohn Mut hat anzupacken und das Unternehmen und das Leben selber zu gestalten.

"Zufriedenheit entsteht, wenn ich Vertrauen in meine Mitarbeiter habe."

DHZ: Welchen Stellenwert hat dabei die Zufriedenheit der Mitarbeiter? Ist diese entscheidend bei der Erfüllung von Unternehmenszielen?

Grün: Deren Zufriedenheit ist ganz wichtig. Allerdings eine, die über eine passive Zufriedenheit hinausgeht, eine Zufriedenheit im gemeinsamen Anpacken. Zufriedenheit entsteht, wenn Mitarbeiter geschätzt werden, wenn ich Vertrauen in sie habe, wenn ich ihnen etwas zutraue und wenn ich sie achte. Und letztlich auch das Wort klingt vielleicht etwas stark , wenn ich sie liebe, also wenn ich Wohlwollen zu ihnen habe.

DHZ: Ist das eine Art Liebe zu den Menschen überhaupt?

Grün: Wenn jemand ein Menschenhasser ist, dann kann er nicht führen. Die Mitarbeiter merken sofort, ob der Chef sie achtet oder verachtet, und wenn ich sie verachte, dann werde ich so viele Blockaden in den Mitarbeitern erzeugen, dass die besten Führungsinstrumente nicht greifen.

"Schlechtes Führungsverhalten macht auch ein schlechtes Image."

DHZ: Wie sehen Sie das Verhältnis von Führung und Partizipation? Sollten Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligt werden oder sollte eine Führungspersönlichkeit sagen: Ich entscheide und ihr müsst sehen, wie ihr damit zurechtkommt.

Grün: Nein, die Führungskraft soll nie einfach nur allein entscheiden. Natürlich gibt es Entscheidungen, die ich einsam treffen muss, aber normalerweise bespreche ich das mit den Mitarbeitern und schaue, was sie einbringen an Erfahrungen. Ich schaue, was die Mitarbeiter denken und versuche einen Konsens herzustellen.

DHZ: Im Handwerk ist wegen der im Januar gestarteten Kampagne derzeit viel die Rede von Image. Kann sich ein Unternehmen, das schlechte Führungsstrukturen hat, langfristig ein gutes Image bewahren?

Grün: Zum Image gehört beides, die Art, wie ich arbeite, die Lust an der Arbeit, aber auch wie wir miteinander arbeiten. Ich muss mit meinen Produkten Kreativität und Hoffnung vermitteln. Das andere ist natürlich der Führungsstil. Handwerksbetriebe sind normalerweise kleinere Betriebe. Wichtig ist, dass die Menschen geachtet sind, dass sie miteinander eine verschworene Gemeinschaft bilden. Wenn man seine Mitarbeiter ständig herumdirigiert, ist das nicht gut für das Image.

"Es gibt die Tendenz, nach Sündenböcken zu suchen."

DHZ: Aufgrund maßloser Manager, die in den letzten Monaten sehr häufig in den Schlagzeilen sind, hat Führung oder auch Unternehmertum einen faden Beigeschmack bekommen. Selbst der Kapitalismus hat laut neuesten Umfragen ein sehr schlechtes Image. Wie löst man dieses Legitimationsproblem?

Grün: Es gibt leider in unserer Gesellschaft die Tendenz, nach Sündenböcken Ausschau zu halten, und momentan sind es halt die Banker und Unternehmer. Aber, das ist ungerechtfertigt. Wer andere zum Sündenbock macht, der lenkt immer vom eigenen Fehlverhalten ab. Ich denke, gerade das Handwerk ist ja ein Ausdruck gesunden Wirtschaftens. Es passt auf gar keinen Fall in die Welt des typischen Raubtierkapitalismus.

DHZ: Trotzdem: Die Menschen differenzieren oft nicht. Wie kommt man aus dieser Kapitalismusfalle?

Grün: Wichtig ist die Darstellung. Vielen Handwerkern merkt man ja an, dass sie keine Kapitalisten sind. Sie sind für die Menschen da. Es ist wichtig, Öffentlichkeitsarbeit zu machen und Vorurteile abzubauen. Ich weigere mich immer, über einen konkreten Menschen zu urteilen, vor allem auch seinen Beruf zu verurteilen. Ich urteile auch nicht über die Banker. Es ist modern geworden, alle in die Hölle zu schicken. Aber was bringt das? Damit werde ich den Menschen nicht gerecht.

"Der Wert eines Menschen liegt nicht nur in seiner Leistung."

DHZ: Nach dem Tod Robert Enkes hatte es zumindest kurzzeitig den Anschein, dass die Menschen auf eine Umkehr warten, weg von der Leistungsgesellschaft, die jene ausschließt, die arm und schwach sind. Ist das eine Reaktion auf unsere rau gewordene Gesellschaft?

Grün: Ich denke schon, dass dieser Tod die Menschen nachdenklich macht. Es geht nicht nur um die raue Gesellschaft, sondern es geht viel tiefer. Es geht um maßlose Ansprüche, die andere, aber auch wir an uns selber haben. Dass wir meinen, wir müssten immer perfekt sein, immer gut drauf, immer cool sein, immer alles im Griff haben. Die Depression ist ein Hilfeschrei der Seele gegen maßlose Ansprüche an uns selber. Wir sind eben Menschen mit Fehlern und Schwächen und wir müssen die Hilfeschreie hören. Deswegen müssen wir unsere Maßstäbe verändern. Wo liegt der Wert eines Menschen? Nicht unbedingt nur in seiner Leistung. Traurigkeit und Tiefe gehören dazu. Auch das sind Werte.

DHZ: Abschließend eine Frage zu Ihrer Funktion. Inwieweit sind Sie Führungspersönlichkeit?

Grün: Ich bin Cellerar (wirtschaftlicher Leiter, die Red.) und ich bin für 280 Angestellte und die Wirtschaft des Klosters verantwortlich. Da muss ich die Menschen und natürlich auch die Abtei und ihre Betriebe führen. Wir müssen zwar nicht den Gewinn maximieren, aber wir müssen die Zukunft sichern und Arbeitsplätze erhalten.

DHZ: Ist das schwieriger heutzutage oder hat sich da aus Ihrer Sicht in einem Kloster in den letzten 50 Jahren nicht viel verändert?

Grün: Die Zeit bleibt nicht stehen. Ein Kloster muss sich ja selbst finanzieren, insofern mussten wir auch immer wieder umorganisieren, Dinge schlanker werden lassen. Wir produzieren ja meist noch alles selber, aber da muss man gut überlegen, ob das sinnvoll ist oder ob man seine Grenzen akzeptiert.