Wenn Schweinegülle zum Energielieferanten wird

Meister und Professor gewinnen gemeinsam Seifrizpreis. Technologietransfer bringt insgesamt 20.000 Euro Preisgeld und volle Auftragsbücher

Thomas Scherer (li.) und Georg Krämer entwickelten einen neuen Trockner für Brennholz.Fotos: hm

Wenn Schweinegülle zum Energielieferanten wird

Seit 20 Jahren werden innovative Handwerker für ihre Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern mit dem „Prof.-Adalbert-Seifriz-Preis für Technologietransfer“ ausgezeichnet. 2008 konnte handwerk magazin zusammen mit dem Verein Technologietransfer Handwerk wieder vier Gewinnerpaare auszeichnen, die sich das Preisgeld von insgesamt 20.000 Euro teilen. Die Gewinner des Seifriz-Preises 2008 sind:

- Farmer Automatic Biomass-Technology GmbH & CoKG (Laer) zusammen mit der Fachhochschule Münster. Franz-Josef Kühlmann entwickelte mit den Professoren Christof Wetter und Norbert Ebeling ein Komplettsystem zur Verwertung von Schweinegülle.

- Jüke Systemtechnik GmbH (Altenberge) zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für keramische Technologie und Systeme (Dresden) und der Meta Messtechnische Systeme (Dresden). Heinz Jürgens entwickelte mit seinen Partnern einen keramischen Detektor für die Gaschromatografie.

- S & Ü Hydraulik Maschinenbau GmbH (Marienmünster) zusammen mit der Holzfachschule in Bad Wildungen. Thomas Scherer entwickelte mit Diplomholzwirt Georg Krämer einen Scheitholz-Trommeltrockner.

- Waagenbau Dohmen GmbH zusammen mit der Fachhochschule Aachen. Peter Dohmen entwickelte mit Professor Volker Sander eine Straßenfahrzeugwaage mit spezieller Software.

Die Jury

Über die Preisvergabe entschieden hat eine vom Verein Technologietransfer Handwerk eingesetzte unabhängige Jury. Ihr gehören an:

Vorsitz: Prof. Johann Löhn, Ehrenkurator der Steinbeis-Stiftung, Stuttgart

Ursula Beller, Leiterin Technologie-Transfer-Ring Handwerk NRW, Düsseldorf

Rainer Neumann, Leiter Abteilung Gewerbeförderung, ZDH, Berlin

Günter Hörcher, Abteilungsleiter Innovations- und IP-Management, Fraunhofer-Technologie-Entwicklungsgruppe TEG, Stuttgart

Christine Sabbah, Abteilungsleiterin Umwelt und Technologie, Baden-Württembergischer Handwerkstag, Stuttgart

Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart

Manfred Scharpf, Geschäftsführer der Firma Karl Scharpf GmbH & Co. KG und Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Esslingen

Gerhard Stroka, Landesdirektor Stuttgart, Signal Iduna Gruppe Versicherungen und Finanzen, Stuttgart

Reinhold Mulatz, Redakteur, handwerk magazin, Gräfelfing/München.

Strom aus Tierkot

Farmer Automatic im westfälischen Laer entwickelte eine Technologie, die Tierkot sofort aus Ställen entfernt und nach einer intensiven Trocknung mit einer Wärmekraftmaschine zu Stromenergie verarbeitet. Unterstützt wurde der Handwerksbetrieb bei der Entwicklung von den Professoren Norbert Ebeling und Christof Wetter (beide FH Münster). Eine filigrane Perforierung sorgt für die Trennung von flüssigen und festen Ausscheidungen auf dem Bandsystem. Eine große Herausforderung war die Entwicklung eines maßgeschneiderten Heißgasgenerators, der die aus dem Trockenkot erzeugten Pellets weiterverarbeitet. Aus dieser heißen Luft wird mit Hilfe eines Stirlingmotors Strom erzeugt. Das System erfüllt alle Umweltanforderungen. So kann die vom Generator erzeugte Wärme für die Kottrocknung und Stallheizung verwendet werden, was im Jahr bis zu 64.000 Liter Heizöl einspart.

Detektor für Gefahrstoffe

Heinz Jürgens von Jüke hat in Zusammenarbeit mit Klaus Eichler und Viktar Sauchuk vom Fraunhofer Institut für keramische Technologien und Systeme (IKTS) in Dresden sowie der Meta Messtechnische Systeme GmbH in Dresden einen Detektor zur Messung von chlorierten und halogenierten Kohlenwasserstoffen entwickelt hat.

Vergleichbare Sensoren zur Ermittlung kleinster Mengen solcher Gefahrstoffe haben eine radioaktive Komponente. Dies macht erhebliche Sicherheitsvorkehrungen nötig.

Daher können die Sensoren nur unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen inner- und außerhalb von Labors genutzt werden, wenn etwa Altlasten untersucht und saniert oder Produktionsprozesse überwacht werden. Das Team nutzt den bisher nur wenig bekannten Rice-Effekt, nach dem an einer Platin-Keramik-Glühanode, an der halogenhaltige Gase entlangströmen, deutlich vermehrt positive Alkaliionen entstehen.

Das gesamte System ist nun klein, einfach im Aufbau, haltbar, servicefreundlich und überall einsetzbar. Vor allem jedoch werden mit ihm Nachweisgrenzen für einzelne Kohlenwasserstoffe im ppm-Bereich erreicht. Als Katalysator für die zirkulierenden Ionen wirkt eine besondere Keramik, die der Fraunhofer-Wissenschaftler Viktar Sauchuk entwickelt hat.

Trocknungsanlage für Brennholz

In der Zusammenarbeit zwischen S & Ü Hydraulik Maschinenbau und der Holzfachschule Bad Wildungen wurde ein Trommeltrockner entwickelt: Das zu trocknende Gut wird in die etwa 12 Meter lange und 2,5 Meter hohe Trommel gegeben und dort durch eine Restholzfeuerung oder besser noch durch die zumeist überschüssige Motorwärme einer Biogasanlage getrocknet. Zwischendurch wird es bewegt, damit alle Stellen von dem Luftzug erreicht werden. Gerade die Nutzung der Abwärme aus dem Blockheizkraftwerk hat der Trommel große Kundenkreise erschlossen.

Die Holzfachschule hat 2007 das Institut für Brennholztechnik gegründet: Im neuen Kompetenzfeld Holzenergie beschäftiget man sich gezielt mit der Trocknung, Feuchtebestimmung und Normung von Scheitholz und Hackschnitzel. Die hätten nämlich eine viel größere Brennstoffbedeutung als die in der Öffentlichkeit so präsenten Holzpellets.

Waage mit Fernbedienung

Der Traktor- oder Lkw-Fahrer, der Mais, Kartoffeln und andere Rohstoffe anliefert, soll das Gewicht seiner Ladung selbst ermitteln. Weil das Gewicht eines Nutzfahrzeugs inklusive Anhänger sich allenfalls marginal ändere, müsse eine einmalige Erfassung und Dokumentation ausreichen. „Wir haben ein Komplettsystem aus Fahrzeugwaage, Funkfernbedienung, Ampelsteuerung und Terminals entwickelt, das jedes Detail berücksichtigt“, erklärt der Metallbauer Peter Dohmen. Der Fahrer muss nicht einmal das Fahrzeug verlassen: Nach Auffahrt auf die ebenerdige Waagenbrücke ermittelt er vom Führerhaus aus mit einem mobilen Funkterminal, das eine eigene ID-Nummer hat, das aktuelle Bruttogewicht. Anschließend werden die Zahlen mit dem dokumentierten Leergewicht verrechnet und inklusive ID-Nummer, Uhrzeit und Lieferantendaten in die stationäre EDV übertragen. Wenn dieser Vorgang abgeschlossen ist, gibt die Ampel den Weg für die Weiterfahrt frei. Die Datenerfassungsprogramme für Mobilgeräte und stationäre PCs mussten extra entwickelt werden. Die vier Softwareexperten im Haus wurden dabei von Professor Volker Sander von der Fachhochschule Aachen unterstützt. So entstand eine völlig neue Software, die auf einer Microsoft-Plattform mit einer SAP-Datenlösung arbeitet.

hm/dhz