Immer mehr Ruheständler arbeiten, die meisten, weil sie es wollen. Für Betriebe ist das angesichts des Fachkräftemangels eine gute Entwicklung. Nicht immer geht es dabei aber nur darum, Mitarbeiterlücken zu füllen.
Mirabell Schmidt

"Es kann lange dauern, bis ich wieder arbeiten möchte", sagte Heinz Volkert bei seiner Abschiedsfeier, als er mit 65 Jahren in Rente ging. Das war seine Antwort auf das Angebot seines Chefs Thomas Markl, Betriebsinhaber der Thomas Markl GmbH, in den Betrieb zurückzukommen, falls es ihm zu langweilig wird. Das dauerte genau zwei Wochen.
Seither arbeitet der Werkzeugmacher ein paar Stunden in der Woche an seinem alten Arbeitsplatz. Damit ist er einer von 400.000 über 65-jährigen Rentnern, die 2013 erwerbstätig waren. Noch mehr – 39 Prozent der 55- bis 70-Jährigen – könnten sich das laut einer neuen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung vorstellen.
Erfahrung weitergeben
Dass ihre Zahl steigt, liegt auch an der längeren Lebenserwartung. Die bisher übliche Dreiteilung des Lebenslaufs in Ausbildungs-, Produktivitäts- und Ruhestandsphase ist nicht mehr zeitgemäß.
"Ich wollte nicht an der Isar mit den alten Männern Boule spielen", erzählt Volkert. Immerhin spielt der 73-Jährige auch heute noch regelmäßig Fußball im Verein. Nach zwei Wochen Rente fehlte es ihm, früh aufzustehen, etwas zu tun zu haben, sein Werkzeug.
Weniger als die Hälfte der erwerbstätigen Ruheständler entscheidet sich aus finanziellen Gründen für eine Erwerbstätigkeit. Knapp 70 Prozent von ihnen möchten auch Erfahrung und Wissen weitergeben .
Bundesregierung hat Option erkannt
Auch Volkert kümmert sich im Betrieb nun verstärkt um die Jugendlichen. "Er wird von den Auszubildenden sehr geschätzt", sagt Unternehmer Markl. Er sei wie ein Mentor für sie, der ihnen Tricks und Kniffe aus 59 Jahren Berufsleben zeigt. Und Volkert freut es, gebraucht zu werden: "Das macht ein bisschen stolz."
Ein guter Nebeneffekt, wie Studienautor Micheel meint: "Erwerbstätige Ruheständler können einen positiven Beitrag zur Milderung von Fachkräftemängeln leisten." Das sei aber kaum an Zahlen festzumachen. Denn nicht in jeder Branche ist es für Ältere möglich, weiterzuarbeiten.
Doch auch die Bundesregierung hat diese Option erkannt und arbeitet daran, es mit der so genannten Flexi-Rente für Arbeitgeber attraktiver zu machen, Rentner einzustellen. Hinzu kommt: Die "Rente mit 63" wird deutlich mehr nachgefragt als erwartet. Das wird nicht nur für den Staat teuer. Mitarbeiter mit viel Erfahrung fehlen den Betrieben. Umso wichtiger ist es , dass man denen das Arbeiten ermöglicht, die es über das Rentenalter hinaus wollen.
Arbeiten, so lange es geht
Auch die Betriebe sind dabei gefragt. "Die Chancen für eine Erwerbsarbeit im Ruhestand steigen deutlich, wenn das Unternehmen die Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung im Ruhestand anbietet", erläutert Micheel.
Ein Zukunftsmodell ist das für Markl jedoch nur bedingt. Den Fachkräftemangel könne man nur mildern, wenn mehr ausgebildet wird. "Doch es ist angesichts der steigenden Lebenserwartung sicher sinnvoll, die Rentner in Lohn und Brot zu halten", sagt der Geschäftsführer.
Was Volkerts Frau dazu sagt, dass er immer noch arbeitet? "Die ist wahrscheinlich froh, dass ich nicht so viel zu Hause bin", scherzt der Handwerker. "Ich habe ein Abkommen mit Markl und meiner Frau: Ich arbeite so lange, wie ich noch kann." Und das ist zumindest so lange, wie er noch Fußball spielt – "und das besser als manche Jüngeren".