E-Bikes sind gefragt – trotz aktuellem Umsatzrückgang. Zwar reparieren Zweiradmechatroniker noch immer deutlich mehr klassische Fahrräder, doch der Trend geht hin zum elektrifizierten Rad. Das verändert die Branche.

Deutschland gilt als E-Bike-Spitzenreiter. In kaum einem anderen europäischen Land werden derzeit mehr Pedelecs verkauft als hierzulande. Eine Analyse der Unternehmensberatung EY zeigte kürzlich, dass der deutsche E-Bike-Markt schon knapp die Hälfte des gesamten europäischen E-Bike-Umsatzes ausmacht. Hierzulande bestimmen die Pedelecs ebenfalls den absoluten Großteil des Gesamtumsatzes mit Fahrrädern. Sie machen dabei 86 Prozent aus.
Elektrifizierung des Fahrradmarkts verändert das Zweirad-Handwerk
Die hohen Zahlen liegen zwar einerseits auch am höheren Preis im Vergleich zu den klassischen Fahrrädern ohne Motor. Dennoch zeigen sie einen Trend. Zwar schwächt sich dieser nach dem großen Fahrradboom während der Pandemie ab, doch aus Sicht des Zweirad-Handwerks ist die Elektrifizierung des Fahrradmarkts nicht mehr aufzuhalten. Sie verändert auch die Branche selbst – sowohl, was die Ausbildung betrifft, als auch in Bezug auf die Arbeiten, die die Zweiradmechatroniker ausführen.
Felix Lindhorst betreut die Fachberatungs- und Informationsstelle beim Bundesinnungsverband des Zweirad-Handwerks und hat deshalb die Entwicklungen der Branche immer genau im Blick. Im Interview berichtet er, was sich dort in den vergangenen Jahren verändert hat, wie sich die Elektrifizierung zeigt und warum sich die Schwankungen im Fahrradverkauf in den Werkstätten ganz anders zeigen.
Interview: "In den Werkstätten spielen klassische Fahrräder weiterhin eine wichtige Rolle"
Deutschland gilt als das Land, in dem besonders viele E-Bikes verkauft und gefahren werden. Herr Lindhorst, wie zeigt sich das im Zweirad-Handwerk? Sind es auch die E-Bikes, die vorrangig in den Werkstätten repariert und gewartet werden oder spielen dort die klassischen Fahrräder noch eine größere Rolle?
Felix Lindhorst: In den letzten Jahren ist die Nachfrage elektrifizierter Fahrräder stark gestiegen. Der Bestand an elektrifizierten Fahrrädern wächst stetig und lag zuletzt bei rund 15,7 Millionen Fahrzeugen, während es gleichzeitig noch etwa 73 Millionen konventionelle Fahrräder gibt. In den Werkstätten zeigt sich dieser Trend in einer deutlich gestiegenen Auslastung und vor allem in der zunehmenden technischen Komplexität. Auch wenn Pedelecs heute einen erheblichen Teil des Reparatur- und Wartungsvolumens ausmachen, spielen klassische Fahrräder weiterhin eine wichtige Rolle.
Wie verändert dies das Arbeiten in der Branche?

Die Integration elektrischer Antriebssysteme, Akkutechnologie und sensorgestützter Steuerungseinheiten hat das Berufsbild spürbar verändert. Der Anteil an Arbeiten mit elektronischen und elektromechanischen Komponenten ist stark gestiegen. Mechanisches Know-how allein reicht heute nicht mehr aus und ein fundiertes Verständnis von Fehlerspeicherauslese, Batteriesystemanalyse und softwaregestützter Diagnose gehört inzwischen zum Tagesgeschäft. Insgesamt hat sich die Fahrradtechnik in den letzten Jahren immer weiter an die Motorradtechnik angenähert.
Wie verändert der Trend auch die Ausbildung im Zweiradmechaniker-Handwerk?
Die Ausbildungsinhalte wurden in den letzten Jahren gezielt modernisiert. Neben den Pedelecs als Gesamtsystem wurden auch zunehmend Einzelkomponenten an konventionellen Fahrrädern wie die Schaltungen elektrifiziert. Das Berufsfeld trägt dem mit der angepassten Berufsbezeichnung Zweiradmechatroniker Rechnung. Die Kombination aus klassischer Mechanik, moderner Elektronik und vernetzten IT-Systemen ist integraler Bestandteil der Ausbildung.
Wird der Wandel grundsätzlich begrüßt – oder gibt es auch Schattenseiten an der Entwicklung? Wenn ja, welche?
Aus unserer Sicht überwiegen die positiven Effekte. Der Technologiewandel hat das Berufsfeld aufgewertet und die Attraktivität für technikaffine Auszubildende gesteigert. Gleichzeitig bringt die gestiegene Komplexität auch höhere Anforderungen an Aus- und Weiterbildung mit sich. Eine fortlaufende Qualifikation ist heute unerlässlich, sowohl für neue Fachkräfte als auch für bereits bestehende Gesellen und Meister.
Warum ist Deutschland in dieser Entwicklung vorrangig dabei?
Die hohe Akzeptanz für Elektromobilität und ein fahrradaffines Umfeld haben den E-Bike-Trend in Deutschland zuletzt begünstigt. Allerdings ist die Elektrifizierung ein weltweites Phänomen.
Wie geht es der Branche insgesamt? Man konnte ja erst kürzlich immer wieder lesen, dass die Fahrradverkäufe nach der Coronazeit und einem damit zusammenhängenden Boom wieder stark zurückgehen. Zeigt sich das auch im Zweiradmechaniker-Handwerk?
Nach der pandemiebedingten Sonderkonjunktur zeigt sich aktuell eine Marktberuhigung. Die hohe Nachfrage während der Coronazeit führte zu einem Überhang, der durch Lieferengpässe verstärkt wurde. In der Folge wurde weltweit viel Ware auf Halde produziert, die nun teils gleichzeitig mit neuen Modellen in den Handel gewandert ist. Bei einigen Betrieben resultieren daraus aktuell gut gefüllte Lagerbestände. Die Entwicklung des Handels ist jedoch differenziert von der Werkstattauslastung zu betrachten. In den Werkstätten ist die Nachfrage nach Service und Reparatur weiterhin sehr hoch. Der Verkauf befindet sich in einer Phase der Konsolidierung, jedoch auf einem strukturell höheren Niveau als vor der Pandemie.