Jakob Berg dreht Reels in der Backstube, organisiert eine Party in der Bäckerei – und bringt plötzlich eine neue Generation an die Theke. Seine Mutter hat ihm dafür das komplette Werbebudget anvertraut. Wie das Mutter-Sohn-Team aus Cham Social Media zum Verkaufskanal macht.
Kerstin Berg glaubt nicht mehr so ganz an die Wirkung klassischer Werbung, wie zum Beispiel in Zeitungen und Magazinen. "Das liest doch eh keiner", sagt sie. Viele Jahre hat sie klassisch in Printmedien inseriert. Das möchte sie nicht mehr. Das Werbebudget, das sie für ihren Betrieb "Schäfer’s Backhaus" festgelegt hat, investiert sie stattdessen in digitale Werbung über soziale Medien. Welch ein Glück, dass ihr Sohn Jakob ein Händchen für die Werbung in den neuen Medien hat. Jakob Berg ist seit er denken kann im Betrieb dabei, hilft schon als Kind mit. Im Alter von 15 Jahren entschließt er sich die Familientradition weiterzuführen, 2024 beginnt er mit 17 Jahren seine Lehre zum Bäcker.
Verantwortung für die Werbeaktivitäten
Seine Mutter freut nicht nur, dass der Sohn den Betrieb weiterführen möchte, sondern sie weiß auch wie sie seine Talente fördern kann. Sie übergibt ihm die Verantwortung für die Werbung auf den sozialen Medien. Auf Facebook und Instagram war die Bäckerin mit ihrem Unternehmen schon länger vertreten, gepostet hatte sie aber bisher eher sporadisch. Zu wenig Lust hatte sie aufs Fotografieren, zu schnell waren im stressigen Alltag in Backstube und Verkaufsraum die sozialen Medien vergessen. Kerstin Berg war froh, diese Verantwortung an ihren Sohn weitergeben zu können: "Als der Jakob dann offiziell bei uns angefangen hat, meinte ich: Mach du des!"
Party in der Bäckerei
Und wie er es gemacht hat! Mit großem Spaß geht er an die Sache kreativ heran. Unter anderem mit besonderen Events, die er über die Instagram-Seite des Betriebs bewirbt. Zum Beispiel "Teig und Takt", einer Tanzveranstaltung mit elektronischer Musik, die in den Betriebsräumen der Bäckerei stattfand.
Es war ein Experiment für Jakob Berg: "Ich hatte ähnliche Events in größeren Städten wie Paris, Amsterdam und Berlin gesehen und war mir erst nicht sicher, ob so etwas auch in Cham laufen würde. Aber ich habe es einfach ausprobiert." Der Erfolg gibt ihm schnell recht. Das Ankündigungsvideo auf Instagram ging viral. Tausende sahen die Videos auf den Kanälen von Schäfer’s Backhaus. Kerstin Berg hatte sich zunächst noch auf einen kleinen Rahmen eingestellt. Doch schnell wurde klar; die Veranstaltung wird etwas Größeres. Plötzlich mussten Dixi-Klos beschafft werden und ein Schankwagen. "Damit stieg der Druck schon, und die Befürchtung die Veranstaltung könnte sich als Rohrkrepierer entpuppen. Davor hatte ich Angst, denn ich hatte gesehen, wie sehr sich Jakob reingehängt hat für die Party! " Diese Sorgen stellten sich als unbegründet heraus, Teig und Takt wurde ein voller Erfolg für die Familie Berg.
Messbare Erfolge
Kerstin Berg fällt ein deutlich höherer Zulauf junger Menschen in ihrer Bäckerei auf, seit die ersten Videos viral gingen. "Da sagen die jungen Leute, komm, das probieren wir jetzt mal aus, was wir da auf Instagram gesehen haben. Und nach Teig und Takt haben wir wirklich stark gemerkt, dass viel mehr junge Leute bei uns an der Theke standen!" Außerdem entpuppe sich Instagram auch als unverhoffte Verkaufsplattform: Vor allem die Partybrezen, riesige mit Käse und Wurst belegte Brezen zur Vorbestellung, werden viel von jungen Leuten über Direktnachrichten bestellt. "Ich hatte Instagram und Facebook vor allem als Image- und Werbeplattform gesehen und hätte nie gedacht, dass dieses kleine Zuckerl auch dazukommen würde", meint die Betriebsinhaberin. Als Unternehmerin sagt ihr auch die hohe Messbarkeit beim digitalen Marketing zu. Wenn Budget eingesetzt werde, meint sie, könne man genau nachvollziehen, welcher Werbeerfolg und welche Reichweite erzielt werden. Diese Messbarkeit ist einer der Gründe, warum sie der analogen Werbung den Rücken gekehrt hat.
Für Jakob Berg ist sein Engagement auch eine Frage des Stolzes. Auf das Familienunternehmen, auf das Handwerk. Die Begeisterung dafür will er auch anderen jungen Menschen vermitteln, die sozialen Medien sind dabei ein willkommenes und reichweitenstarkes Mittel. "Junge Leute nehmen Backwaren heute häufig mehr als Convenience-Lebensmittel wahr", meint Jakob Berg – und das möchte er ändern. Dass sich Menschen für Backwaren von der SB-Theke im Supermarkt entscheiden, liege häufig an Bequemlichkeit und sicherlich auch an den Preisen. Trotzdem habe er mit Gleichaltrigen die Erfahrung gemacht, dass sich schnell vermitteln lässt, warum sich der Gang zum lokalen Backhaus lohnt. Spätestens, wenn der Geschmack ins Spiel kommt. Kerstin Berg meint dazu: "Wir müssen den Leuten klarmachen, warum es sich lohnt, Backwaren beim örtlichen Bäcker zu kaufen. Die Bäcker stellen noch viel zu wenig ihr Können in den Vordergrund. Eine Backmischung kann jeder anmischen. Stellt man nur die Rohstoffe hin, wird es schon um einiges schwieriger." Die Bäcker, sagt sie, müssen klar mit ihren handwerklichen Fähigkeiten werben. Dass Teige die richtige Ruhezeit bekommen, dass hochwertige Rohstoffe verwendet werden und gleichzeitig so viel wie möglich auf Zusatzstoffe verzichtet wird.
Botschafter für ihr Handwerk
Das Mutter-und-Sohn-Team Berg brennt für das Bäcker-Handwerk, das zeigt sich klar im Gespräch und auf dem Social-Media-Auftritt von Schäfer’s Backhaus. Und nicht nur da, auch in der analogen Welt zeigen sie vollen Einsatz für ihre Leidenschaft. Kerstin Berg ist, wie schon ihr Vater, aktives Mitglied der Bäckerinnung in Cham. Für die stellvertretende Obermeisterin ist das Innungswesen Networking bevor es den Begriff Networking überhaupt gab. Wo vielleicht im 20. Jahrhundert noch Konkurrenzdenken unter den Mitgliedsbetrieben geherrscht habe, sagt Berg, ziehe man heute stets an einem Strang. Zu groß ist der Druck, den Fertig- und Tiefkühlbackwaren der Supermärkte auf die kleinen Bäcker-Betriebe ausüben.
Auch der Sohn Jakob ist sich sicher, dass er später am Innungsleben teilhaben wird. Er möchte sich so, genauso wie er es jetzt schon auf den sozialen Medien macht, für sein Handwerk einsetzen. Er hat schon einige Pläne, mit denen er weiter viel Aufmerksamkeit auf Facebook und Instagram für Handwerk und den eigenen Betrieb generieren will. Auch auf Events wie Teig und Takt, meint er, können sich die Follower bald wieder freuen.

