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"Tatort"-Kommissar Richy Müller im Interview Wenn der Handwerker den Tatort-Mörder fasst

Er ist regelmäßig als Stuttgarter "Tatort"-Kommissar Thorsten Lannert im Fernsehen und in Kinofilmen zu sehen – aber als gelernter Werkzeugmacher und Ehemann einer Bäckerin kennt sich Schauspieler Richy Müller auch im Handwerk bestens aus. Die DHZ sprach mit dem gebürtigen Mannheimer über den Fachkräftemangel im Handwerk und den neuen "Tatort: Stau", der am 10. September ausgestrahlt wird.

DHZ: Du bist Schauspieler, aber auch gelernter Handwerker – nämlich Werkzeugmacher. In der Werkstatt hast du es aber nicht lange ausgehalten. Was hat dir damals gefehlt?

Müller: Mir hat gar nichts gefehlt. Ich wusste damals einfach nicht, dass man Schauspieler werden kann, also dass es ein Beruf ist, den man lernen kann. Eines Tages kam jemand auf mich zu und fragte: Mensch, warum gehst du nicht auf eine Schauspielschule? Ich wusste gar nicht, was das ist, und er hat es mir erstmal erklärt. Dann habe ich nachgehakt und er hat mir erklärt, dass ich dafür meinen Beruf aufgeben und von zu Hause ausziehen muss.

DHZ: Und das war attraktiver, als als Werkzeugmacher weiterzuarbeiten?

Müller: Ich habe das damals gar nicht so großartig reflektiert. Ich war 21, und der Kollege hat mich damals direkt als Statist am Nationaltheater angemeldet. Neun Monate später bin ich in Bochum auf der Schauspielschule gelandet. Dort hab ich meine Ausbildung zum Schauspieler begonnen – die nach zwei Jahren allerdings jäh beendet war, weil ich da rausgeschmissen wurde. (lacht)

DHZ: Viele Schulabgänger rennen heute in die Unis, in die Industrie, oder sie träumen davon – wie du – Filmstar zu werden. Das Handwerk hingegen sucht händeringend Fachkräfte. Was ist denn aus deiner Sicht ein gutes Argument für das Handwerk? Warum sollte man nicht Schauspieler werden?

Müller: Ich sage immer: Wenn man nicht wirklich ein Talent dafür hat, sollte man es lieber lassen. Die Arbeit selbst ist toll, aber man muss auch erst mal welche finden. Denn wenn man nicht regelmäßig engagiert wird, ist es verdammt hart: Allein in Berlin gibt es 5.000 Schauspieler ohne Job! Dass so viele Schauspieler werden wollen, ist auch eine Art Modeerscheinung. Als ich mich damals an der Schauspielschule vorgestellt habe, gab es 135 Bewerber. Heute sind es tausende.

DHZ: Wenn man sich die deutsche TV-Landschaft anschaut, gibt es da jede Menge Tatort-Kommissare und Polizisten, Ärzte, Köche oder Juristen. Handwerker in tragenden Rollen…

Müller: … gibt es nicht! Warum das so ist, kann ich schwer sagen, aber vielleicht ist das Handwerk zu sehr „Alltag“. Es gab in den 70ern diese Serie von Rainer Werner Fassbinder, „Acht Stunden sind kein Tag“ mit Gottfried John in der Hauptrolle – das war noch eine echte „Arbeitergeschichte“ mit einem Werkzeugmacher. Ich wollte das damals nicht sehen, denn ich habe mir gedacht: Jetzt steh ich hier jeden Tag acht Stunden in der Maloche, jetzt will ich mir sowas doch nicht auch noch angucken. Vielleicht liegt es daran.

Vorschau auf den neuen "Tatort-Stau"

DHZ: Tut sich das Handwerk auch deswegen beim Nachwuchs so schwer?

Müller: Aus meiner Sicht hat das nichts damit zu tun. Ich hab vor drei Jahren umgebaut, und bei den Schreinern und Zimmerern war der jüngste Mitarbeiter auf der Baustelle 38. Nachwuchs im Handwerk gibt es so wenig, weil heutzutage alle studieren und viel Geld verdienen wollen. Aber das Handwerk hat noch immer goldenen Boden! Denn die Leute, die sich heute in Sicherheit wähnen, werden vielleicht bald gar nicht mehr gebraucht – weil die zunehmende Vernetzung vieles ersetzen wird. Dann brauchste keinen Steuerberater mehr, das machste alles nur noch am Handy.

DHZ: Am kommenden Sonntag läuft dein neuer Tatort "Stau", der zu großen Teilen auf der Stuttgarter Weinsteige spielt. Wie muss man sich denn die Dreharbeiten vorstellen?

Müller: Wir haben uns natürlich erstmal gedacht: Ui, wie soll man das machen mit der Weinsteige? Da ist ja oft genug Stau, aber nicht 14 Tage lang, so lang, wie man für die Dreharbeiten vor Ort bräuchte. Daher haben wir uns dazu entschlossen, die berühmte Rechtskurve mit Blick auf Stuttgart in der Stadthalle in Freiburg zu drehen und die Weinsteige dort auf etwa 80 Metern nachzubauen. Dazu wurde der ganze Raum mit Bluescreens ausgestattet, wo dann in der Postproduktion durch Google Earth und Street View das Panorama der Stadt eingestanzt wird.

DHZ: Wie schwer ist es dir gefallen, dich in diese künstliche Szenerie hineinzuversetzen?

Müller: In dem Fall war das gar nicht so schwierig. Man spielt ja zwischen den ganzen Autos mit echten Menschen und vergisst irgendwann, was da eigentlich um einen rum ist. Was in dem Fall aber auch gut ist, weil man der Witterung nicht ausgesetzt ist. (lacht) Um das Ganze noch lebendiger zu machen, stand immer jemand außerhalb des Frames und hat mit einer Riesenfahne Wind gemacht, damit sich die Haare bewegen. Wenn man solche Sachen nicht machen würde, würde der Zuschauer an einem bestimmten Zeitpunkt wohl auch denken: Irgendwas ist komisch!

DHZ: Wie wirkt sich das ungewöhnliche Setting erzählerisch aus? Können die klassischen Tatort-Momente – Leiche finden, Obduktion, Zeugen befragen, Täter finden – eingehalten werden?

Müller: Das einzuhalten, war sogar relativ einfach: In Stau findet am Anfang eine Fahrerflucht in einer Siedlung statt, und es gibt nur einen Weg aus dem Wohngebiet raus. Der geht zwar in zwei Richtungen, aber eine davon ist durch eine Baustelle gesperrt – und die andere führt direkt in den Stau, der durch einen Wasserrohrbruch entstanden ist. Wir ermitteln dann getrennt: Bootz bleibt bei den Opfern und Lannert recherchiert mit Hilfe der Streifenpolizisten im Stau.

Szenen aus dem Stuttgarter "Tatort-Stau"

DHZ: Stuttgart ist aktuell die deutsche Stau-Stadt Nr. 1 und das hohe Verkehrsaufkommen betrifft auch das Handwerk – Stichwort Feinstaubalarm und Fahrverbote. Enthält der Tatort auch eine politische Botschaft?

Müller: Zwischen den Kommissaren gibt es zwar keine entsprechenden Dialoge, aber den Film kann man sicherlich auch als Statement werten. Dietrich Brüggemann, der den Film gedreht hat, musste beim Thema Stuttgart sofort an Stau denken – bezeichnend, wie ich finde. Dadurch steckt ja schon eine Botschaft drin. Daraufhin hat er dann die Geschichte geschrieben und das sehr gut gelöst.

DHZ: In den letzten Jahren hat sich der Stuttgarter Tatort häufiger am politischen Zeitgeschehen versucht. Ein neues Markenzeichen?

Müller: So weit würde ich nicht gehen. Dass politische Themen umgesetzt werden, ist aller Ehren wert, aber es muss ja nicht jeder Tatort in diese Richtung gehen. Mir sind gute Geschichten wichtiger.

TV-Termin: "Tatort: Stau" – 10. September, 20.15 Uhr, Das Erste

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