Schon seit fast 150 Jahren gibt es in Deutschland Bäcker- und Fleischerchöre. Auch heute singen sie noch, in Altenheimen, sozialen Einrichtungen und Kirchen. Doch es werden immer weniger, die die Tradition leben.

Deutsches Handwerk kann nicht nur mit seinen Händen Meisterwerke zaubern, sondern auch mit seiner Stimme. Die Szene der Bäcker- und Fleischerchöre in Deutschland hat eine lange und traditionsreiche Geschichte. Leider werden es heute immer weniger Chöre und Mitglieder. Harald Luther, Präsident des deutschen Bäcker Sängerbundes und Berthold Bissinger, Präsident beim deutschen Fleischer Sängerbund, wollen diese Tradition, die fast 150 Jahre zurückreicht, bewahren.
Die ersten Bäckerchöre wurden 1878 in Hannover und Leipzig gegründet. "Sie waren damals dem Zeitgeist folgend, da man sich gerne unter Kollegen austauschen wollte", erklärt Harald Luther. Bis 1924 haben sich in etwa 50 Chöre gegründet, vor allem in den Großstädten. Aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa sprossen Bäcker- und Fleischerchöre aus dem Boden, so auch in Österreich, Frankreich und der Schweiz. 1924 kam es dann zur Gründung des deutschen Bäcker-Sängerbundes selbst, in dem sich viele Chöre organisieren. Sein Pendant bei den Fleischern wurde im selben Jahr gegründet. "Im Bund traf man sich nicht nur, um handwerkspolitisch tätig zu sein und sich auszutauschen, sondern eben auch, um so ein bisschen Einfluss auf politische Meinungen zu nehmen", erzählt Luther weiter. Das war der Grundgedanke der Gründung neben dem gesellschaftlichen Leben, das gepflegt werden wollte.
In der Vergangenheit hatten viele alte Handwerksberufe, wie Buchdrucker, Tischler, Böttcher, Färber oder Seiler, vereinzelt ihre eigenen Chöre. In größerem Maße gibt es heute nur noch Bäcker- und Fleischerchöre, sowie berufsbezogenen Chöre bei der Polizei und den Sängerbund der Dienstleistungsbetriebe, sagt Harald Luther.

Gemeinsame Konzerte
Seit 1949 treffen sich die Bäckerchöre alle drei Jahre bei der iba, der internationalen Bäckereiausstellung. Dieses Event gibt den Bäckerchören den passenden Anlass für ein gemeinsames Konzert, auch internationale Gäste sind geladen. Harald Luther und seine Störte Bäcker, einem Shanty-Chor der Bäckerinnung Hannover, organisieren regelmäßig das Shanty-Chor-Festival am Silbersee in Hannover, wo mehrere Chöre aus der Region zusammenkommen. Für dieses Jahr laufen schon die Vorbereitungen mit zehn Chören. Auch bei den Fleischern ist man gemeinschaftlich und international unterwegs und trifft sich alle drei bis vier Jahre beim Bundeschorfest, das normalerweise über Pfingsten stattfindet. Viele Chöre kommen zusammen, um gemeinsam zu singen und zu feiern, erzählt Bertold Bissinger.
Wegen Veranstaltungen wie der iba hat es schon immer eine gute Verbindung unter den Chören gegeben, auch in der Zeit, als Deutschland getrennt war. Aus eigener Erfahrung kann Harald Luther von der Freundschaft zwischen seinem Störte Bäckern und dem Hallenser Chor berichten. Der Kontakt besteht seit 1953 und ist durch viele Bilder und gegenseitige Freundschaftsbesuche belegt. "Das ist bemerkenswert und zeugt davon, dass es trotz politischer Widrigkeiten immer ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei uns im Bund gegeben hat", sagt Luther stolz.
Großer Einbruch durch Corona
Die Blütezeit der Bäckerchöre war ab den 1960er Jahren, als 52 gemeldet waren. Doch immer mehr kleine handwerkliche Bäckereien verschwanden und so brachen den Chören die Mitglieder weg. Heute gibt es nur noch 14 Bäckerchöre, die noch wirklich ganz aktiv sind, erzählt Luther. Sehr zu kämpfen hatten sie auch mit der Coronapandemie. Allein in dieser Zeit meldeten sich 22 Bäckerchöre ab und stellten ihren Sangesbetrieb ein. Junge Berufskollegen an die Bäckerchöre sei bisher auch nicht gelungen. Das war in früheren Jahren, vor Corona und dem digitalen Zeitalter, einfacher. "Ich glaube, wir haben auch noch nicht unsere neuen Mitbürger aus verschiedenen Kulturkreisen erreicht, die in Zukunft weiter in unser Gewerbe eindringen werden", erklärt Luther. Um dem Nachwuchsmangel entgegenzuwirken, musste man seine Niveauansprüche etwas senken. So singen viele heute nur noch zweistimmig anstatt vierstimmig, so auch der Shanty-Chor aus Hannover, wo sie dieses Prinzip erfolgreich praktizieren. Außerdem sind nicht nur Bäcker, sondern alle Berufsgruppen willkommen, die ein Herz für deutsche Brotkultur und den Laiengesang haben.
Durch einen Vermerk in einem handschriftlichen Buch weiß Bertold Bissinger, dass es in den zwanziger Jahren in der nördlichen Hälfte von Deutschland 164 Fleischerchöre gab. Heute sind es noch rund dreißig in Deutschland. Ganz sicher ist er sich da aber nicht. Bei jedem Treffen sind es normalerweise wieder weniger geworden. Auch ihnen habe Corona hart zugesetzt. Nicht nur das Bundeschorfest wurde zerschlagen, sondern auch viele Chöre selbst. Bissinger ist neben seinem Amt beim Deutschen Fleischer Sängerbund seit 18 Jahren Präsident im Mannheimer Fleischerchor. Das alles mache er rein ehrenamtlich. Es sei traurig, dass immer weniger Leute ein Ehrenamt übernehmen wollen, findet er. Auch deshalb ist es so schwierig neue Mitglieder zu finden.

Zusammenarbeit mit der Kirche
Harald Luther ist viel unterwegs mit seinem Shanty-Chor und hat ungefähr 30 Auftritte pro Jahr, vor allem in Altenheimen und sozialen Einrichtungen. So sind beispielsweise einige Chöre in Zusammenarbeit mit den Bäcker-Innungen bei der Aktion 5.000 Brote vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks und der evangelischen Kirche dabei, wo sie zusammen mit Konfirmanden auch Brot backen. Die Zusammenarbeit mit der Kirche wird besonders gepflegt. Diese bietet gute Unterstützung und Auftrittsmöglichkeiten für die Chöre. So beteiligen sie sich zum Beispiel seit vielen Jahren schon an Erntedankgottesdiensten. Allgemein richtet sich der Hauptschwerpunkt aktuell auf die Zusammenarbeit mit kirchlichen Organisationen und der Möglichkeit, mit diesen gemeinsame Veranstaltungen zu organisieren.
Der Trend geht zu zeitlich begrenzten Projekten, wie Harald Luther erklärt. Dafür bekomme man heute nochmal eher Mitstreiter, da sich wenige Sänger an irgendeinen Verein binden wollen. Somit wird auch die zukünftige Arbeit in Projekten sein. "Wir wollen natürlich, dieses wirklich gute Stück Kultur im Bäckerhandwerk erhalten", sagt Luther. Und dafür müsse man sich ständig neuen Situationen anpassen. Doch er bleibt positiv: "Zurzeit werden die Betriebe weniger, aber die, die da sind und die Treue halten, werden größer."