Ein Azubi leidet unter Versagensangst. Das führt nicht nur zu körperlichen Reaktionen, sondern auch dazu, dass er bestimmte Aufgaben und Situationen meidet. Wie können Ausbilder in diesem Fall handeln? Ausbildungsberater Peter Braune gibt Tipps.

Schlimmer als tatsächlich zu versagen ist die ständige Angst davor. Ein Jugendlicher wird von einer jungen Frau zum Bauzeichner ausgebildet. Er leidet unter Versagensangst. Während der Ausbildung hat er es mit großen Herausforderungen zu tun. Er bekommt immer wieder feuchte Hände oder sie zittern. In bestimmten Situationen klopft sein Herz spürbar stärker oder er schwitzt. Immer wieder versucht er es mit einem Vermeidungsverhalten. Er umgeht oder verhindert Situationen, Tätigkeiten oder Personen, um unangenehme, schmerzhafte oder angstauslösende Gefühle zu vermeiden.
Angst ist nicht immer etwas Schlechtes
So unangenehm Ängstlichkeit ist, sie ist auch nützlich. Es handelt sich um einen Schutz, der einen Alarm auslöst. So kann man auf eine mögliche Bedrohung schnell reagieren, eine Gefahr abwehren oder ihr entgehen. Ist die Bedrohung vorbei, nimmt die Angst meist wieder ab.
Der Bauzeichner-Lehrling denkt sicher, dass seine Fehler Katastrophen auslösen, er am Ende als Versager oder Nichtsnutz dasteht. Es kann auch mit dem Gefühl verbunden sein, seine Ausbilderin zu enttäuschen, weil er glaubt, ihren Erwartungen nicht zu genügen. Unter Umständen mangelt es ihm am nötigen Selbstbewusstsein.
In so einem Fall müssen zuerst die Gründe herausgefunden werden, die eine Versagensangst auslösen. Hier helfen vielleicht ein paar Leitfragen:
Diese Leitfragen helfen bei Versagensangst
- Wie wahrscheinlich ist es, dass die Lehre nicht erfolgreich verläuft?
- Wie wahrscheinlich ist das Versagen überhaupt?
- Welche Annahmen von Erlebnissen in der Vergangenheit oder Zukunft gibt es?
- Wie sind Selbstvorwürfe vermeidbar?
- Welche Möglichkeiten gibt es, einmal zur Ruhe zu kommen?
- Wie kann auf Niederlagen aufgebaut werden?
- Wird der Lehrvertrag aufgelöst?
- Sind die Anforderungen aus dem betrieblichen Ausbildungsplan wirklich zu hoch?
- Was kann im Fall eines Scheiterns schlimmstenfalls passieren? Was passiert bei einer Bauchlandung?
- Wodurch kann die Versagensangst in eine positive Richtung gelenkt werden?
- Welche Vorschläge zur Verbesserung der Situation gibt es?
- Was passiert, wenn ein Lernziel nicht erreicht wird?
Wenn die Gründe so sauber wie möglich geklärt sind, werden die Beteiligten gemeinsam daran arbeiten, die Lehrlinge zu ermutigen, alles wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.
Gute Ausbilder sind von ihrem Handwerk überzeugt
Hilfreich ist, wenn ein positives Lernklima im ganzen Betrieb herrscht und vor allem die Lernplätze nicht nur unbedeutende Nischen sind. In den Lehrbetrieben könnten die Lehrgesellin oder der Lehrgeselle nachdenken, wie die Umgebung für die Ausbildung verbessert werden könnte. Dazu gehört auch, dass bei allen Beschäftigten ein gutes Gefühl mit der Lehre verbunden wird. Manchmal muss auch etwas nachgeholfen werden, um den Blick auf Sympathisches zu lenken.
Manche Verantwortlichen sollten mutiger sein, wenn es um die persönliche Entwicklung der Lehrlinge geht. Das gilt auch und vielleicht ganz besonders bei der Versagensangst. Wer selbst Angst vor Veränderungen hat, kann einen jungen Menschen nicht ermutigen.
Den Lehrlingen eine Anregung zu geben, erfordert, selbst von der Tätigkeit überzeugt zu sein. Gutes Ausbildungspersonal ist von dem Handwerk überzeugt, das es ausübt. Dieser Funke muss auf die Lehrlinge überspringen.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.